Kommentare & Expertenmeinungen | Interview
09.09.2021

„Ausschreibungen zu 90 Prozent mit nachhaltigem Fokus“

Die Raiffeisen KAG und HDI Lebensversicherung verstärken ihre nachhaltige Ausrichtung. Christiane Flehberger, Leitung Institutionelles Geschäft, bei der Investmentgesellschaft und Christian Wagner, Leitung Produktmanagement & Betriebliche Altersvorsorge, Direktion Österreich bei dem Lebensversicherer, erläutern, wie sich dies in der Veranlagung, im Fondsangebot und im Vertrieb zeigt.

Wagner, HDI; Flehberger, Raiffeisen KAG

Wagner, HDI; Flehberger, Raiffeisen KAG

HDI, Raiffeisen KAG

FONDS exklusiv: Die Europäische Union (EU) arbeitet fortwährend an der Weiterentwicklung eines regulatorischen Rahmens. Produktwelten verändern sich und die Mittelzuflüsse bei der Veranlagung erklimmen weiter Rekordstände. Kein Zweifel: Das Thema Nachhaltigkeit bewegt Märkte und Menschen. Wie bewerten Sie die Perspektiven aus Ihrer Sicht?

Christiane Flehberger: Richtig, wir spüren diesen Boom auch zunehmend bei Ausschreibungen von institutionellen Kunden, die aktuell zu 90 Prozent einen nachhaltigen Fokus haben. Entsprechend sind bereits 30 Prozent des von der Raiffeisen KAG verwalteten Vermögens in Höhe von 44 Milliarden Euro in Nachhaltigkeitsfonds veranlagt. Diesen Anteil werden wir sukzessive steigern. Es zeigt sich auf allen Ebenen: Das Thema Nachhaltigkeit ist gekommen um zu bleiben.

Wie lange ist die Raiffeisen KAG im Bereich Nachhaltigkeit unterwegs?

C. F.:
Die Raiffeisen KAG ist hier schon 2013 mit dem Aufbau von Managementteams und einer Produktfamilie gestartet. Im heurigen Jahr haben wir das gesamte Fondsmanagement auf einen integrativen Ansatz umgestellt, sodass sich bei uns 65 Fondsmanager mit nachhaltigen Investments in unterschiedlichen Ausprägungen beschäftigen.

Herr Wagner, wie beurteilen Sie die Entwicklungen aus Sicht eines Lebensversicherers?

Christian Wagner:
Als Lebensversicherer haben wir eine sozialpolitische Verantwortung nicht nur gegenüber unseren Kundinnen und Kunden, sondern auch gegenüber der Gesellschaft. So bieten wir Vorsorgelösungen mit Vertragslaufzeiten an, die zumeist über Jahrzehnte gehen. Bei HDI Leben haben wir bereits 2012 gezielt damit begonnen, unsere Portfolios auf Nachhaltigkeit umzustellen, und seither in mehreren Schritten verstärkt Nachhaltigkeitsfonds in unsere Fondspalette aufgenommen, zuletzt noch einmal deutlich in diesem Jahr.

Welche Anforderungen muss ein Nachhaltigkeitsfonds erfüllen, damit er bei Ihnen gelistet werden könnte?

C. W.:
Zunächst muss die nachhaltige Ausrichtung des Fonds an der Anlagestrategie klar und deutlich zu erkennen sein. Dann ist der Titelauswahlprozess wichtig, also beispielsweise die Frage, ob Positiv- und/oder Ausschlusskriterien angewandt werden. Wir schauen uns diverse Fondskennzahlen, zum Beispiel im Hinblick auf die ESG-Ziele, Umwelt, Soziales und Governance, an. Die Frage, ob es sich um ein Art.8- oder Art.9-Fonds handelt, spielt perspektivisch eine größere Rolle und nicht zuletzt ist es für uns auch wichtig, dass die Kapitalanlagegesellschaft das Thema Nachhaltigkeit in all seinen Facetten lebt, analog dessen, wie es Christiane Flehberger eben für ihr Haus beschrieben hat. Bei Raiffeisen kommt hinzu, dass die meisten Fonds über FNG-Höchstnoten verfügen, das Österreichische Umweltzeichen tragen, die Kennzahlen überzeugen und der Brand der Gesellschaft im Vertrieb und bei den Kunden bekannt ist. Natürlich muss das Gesamtpaket auch im Hinblick auf fundamentale Kriterien stimmen, angefangen bei der Performance bis hin zu den Kosten.

Was zeichnet ergänzend dazu Ihren nachhaltigen Anlageprozess aus, Frau Flehberger?

C. F.:
Das ist die Kombination aus externem und internem Research. Wir berechnen für jeden Portfoliotitel unseren ESG-Score. Wesentliche Parameter sind ein Rating zwischen null und 100 sowie eine finanzielle Bewertung. Denn Anleger wollen nicht nur eine nachhaltige Wirkung, sondern auch einen Ertrag erzielen. Unsere globalen nachhaltigen Aktienfonds haben die vergleichbaren konventionellen Marktindizes seit Ausbruch der Corona-Krise klar outperformt. Über den Zeitraum der letzten drei Jahre per Ende Mai 2021 erzielte etwa der Raiffeisen-Nachhaltigkeit-Aktien ein jährliches Plus von 14,9 Prozent gegenüber dem MSCI World mit einem Zuwachs von 12,6 Prozent pro Jahr.

Wie groß soll Ihr Angebot an Nachhaltigkeitsfonds perspektivisch werden, Herr Wagner?

C. W.:
Unsere Kunden sollen aus einer ausgewogenen Palette an Einzelfonds, ETFs und gemanagten Varianten auswählen können. Dazu braucht es nicht mehrere hundert Fonds, sondern ein qualitativ hochwertiges Angebot, das es dem Berater ermöglicht, ein individuell passendes Portfolio zusammen zu stellen. Dabei ist es beispielsweise nicht zielführend, drei nachhaltig ausgerichtete europäische Aktienfonds anzubieten. Das kann Berater und Kunden gleichermaßen überfordern. Deshalb werden wir unser inzwischen breites nachhaltiges Investmentangebot entsprechend unserer Qualitätsstandards punktuell erweitern.

Die Fondsbranche unterzieht ihr Fonds-angebot einer Klassifizierung nach Art.8- und Art.9-Fonds. Wie geht Ihr Haus mit dieser neuen Anforderung um?

C. F.:
Richtig, wir sind hier, wie andere Marktteilnehmer auch, mitten im Prozess. Aktuell haben wir 15 Fonds als Art.8-Fonds eingestuft und wollen diese Anzahl bis 2022 verdoppeln. Dies entspräche dann einer Quote von 50 Prozent unserer Fonds. Zudem wollen wir die Zahl von momentan zwei Art.9-Fonds ebenfalls erhöhen.

Können Sie uns kurz einen Einblick geben, wie diese Einstufungen in der Praxis ablaufen?

C. F.
:
Gern, unser Produktmanagement evaluiert die Investmentprozesse und -guidelines unserer aktuell noch konventionellen Fonds, um zu schauen, welche Parameter gegebenenfalls für eine entsprechende Klassifizierung umgestellt werden müssten. Dabei prüfen wir auch, ob Fonds fusioniert werden sollten, weil wir zum Beispiel keine zwei Fonds benötigen, die in identischer Art und Weise in dieselben Märkte investieren. Denn am Ende des Prozesses wollen wir wieder mit der gewohnt klar strukturierten Fondspalette bei unseren privaten und institutionellen Kunden punkten.

Welche Rolle spielt die EU-Klassifizierung bei HDI Leben?

C. F.:
Es ist noch zu früh, um hier eine klare Aussage zu treffen, weil der Prozess noch nicht abgeschlossen ist. Perspektivisch kann ich sagen, dass wir Art.9-Fonds bevorzugen werden.

Abschließend eine Frage zur Kundenberatung: Viele Berater brauchen dahingehend Unterstützung, dass sie voraussichtlich ab Herbst 2022 die Nachhaltigkeitspräferenzen Ihrer Kunden abfragen müssen. Wie unterstützen Sie jeweils Ihren Vertrieb dabei und was ist hier künftig noch geplant?

C. W.:
HDI Leben bietet seinen Qualitätsvermittlern ein erstklassiges Aus- und Weiterbildungsprogramm an – das Thema Nachhaltigkeit wird hier umfassend abgebildet. Aktuell rollen wir gerade unseren „FondsGuide“ aus. Dieses digitale Tool unterstützt den Vermittler zusätzlich bei der Fondsauswahl für seine Kunden, indem es über zielgerichtete Fragestellungen eine individuell passende Portfoliozusammenstellung ermöglicht. Selbstverständlich haben wir die Abfrage der Nachhaltigkeitspräferenzen entsprechend integriert. Die erste Resonanz ist sensationell.

C. F.: Raiffeisen verfügt in Österreich über ein ausgeprägtes Bankfilialnetz. Die Berater vor Ort werden durch das Informations- und Weiterbildungstool „InfoBreak“ von Raiffeisen Capital Management in Form von Kurzvideos auf dem Laufenden gehalten und weitergebildet. Zudem unterstützen wir einen von der Österreichischen Gesellschaft für Umwelt und Technik, kurz ÖGUT, angebotenen Lehrgang zum zertifizierten Nachhaltigkeitsberater. Für diese spezialisierten Berater findet zudem einmal im Jahr ein Nachhaltigkeits-Symposium statt. Unternehmen, in die Raiffeisen investiert, präsentieren dort ihre Nachhaltigkeitskonzepte und es werden aktuelle ESG-Entwicklungen diskutiert.