Kommentare & Expertenmeinungen | Interview
07.11.2018

China: Kampf der Giganten

Das Reich der Mitte sieht sich derzeit mit einer ganzen Reihe von Herausforderungen konfrontiert. Da sind nicht nur handels- und geopolitische Konflikte mit den USA, nun beginnt auch die Wirtschaft zu schwächeln. Wir haben Jasmine Kang, Fondsmanagerin des Comgest Growth China, dazu befragt.

von Wolfgang Regner

Jasmine Kang, Fondsmanagerin Comgest

Jasmine Kang, Fondsmanagerin Comgest

Foto: Comgest

FONDS exklusiv: Investoren sind besorgt: Chinas wirtschaftliche Dynamik verlangsamt sich stärker als erwartet. Das Bruttoinlandsprodukt (BIP) der zweitgrößten Volkswirtschaft der Welt wuchs im dritten Quartal im Jahresvergleich um nur 6,5 Prozent – der niedrigste Stand seit der Finanzkrise Anfang 2009. Wie geht es nun weiter?

Jasmine Kang: Der Wirtschaftsabschwung ist auf Chinas Verschuldungsdämpfungskampagne zurückführen, welche die Regierung seit mehr als einem Jahr betreibt. Die nichtfinanziellen Schulden sind seit der Finanzkrise um 120 Prozent auf 250 Prozent der BIP gestiegen. Das Land hat erkannt, dass die eigene Wirtschaft langfristig durch das schnelle Kreditwachstum aus dem Nichtbankensektor bedroht ist, und beschloss, das Problem entschieden anzugehen. Aus unserer Sicht war dieses Vorgehen trotz der dadurch verlangsamten Konjunktur angemessen, um Risiken für die Wirtschaft einzudämmen.

FONDS exklusiv: Könnte die Transformation der chinesischen Wirtschaft weg vom Export und hin zu mehr Binnenkonsum durch die US-Strafzölle behindert werden?

J.K.: China und die chinesischen Unternehmen haben im vergangenen Jahrzehnt enorm aufgeholt. China ist längst nicht mehr die verlängerte Werkbank der Welt mit billigen Arbeitskräften und Billigexporten. China hat durch das stetige Investment in Ausbildung, Forschung und Entwicklung sowie sein sehr innovationsfreundliches Umfeld eine erfolgreiche Hightech-Exportindustrie aufgebaut. Das hat eine Unzahl gut dotierter Stellen geschaffen und zu kräftigen realen Einkommenszuwächsen geführt. Diese Entwicklung wird durch den Merkantilismus der USA nicht in Frage gestellt. Die chinesische Exportindustrie ist nicht mehr so leicht auszuhebeln wie das vor 15 Jahren vielleicht noch möglich gewesen wäre. Gleichzeitig ist und bleibt China der wesentliche Treiber für das Wachstum der globalen Mittelschicht. Drei Billionen Dollar zusätzliche Kaufkraft werden in den kommenden fünf Jahren aus China erwartet. Auch das wird man durch bilaterale Maßnahmen der US-Regierung nicht aushebeln können.

FONDS exklusiv: Warum steigt das Bruttoinlandsprodukt Chinas seit Jahren deutlich, während die Chinabörsen eine schwache Performance zu verzeichnen haben?

J.K.: Chinas Aktienmarkt war nie eine Wette auf das BIP-Wachstum. Wieso wäre China ansonsten eine der schwächsten Aktienmärkte in den globalen Schwellenländern über die vergangenen zwei Jahrzehnte gewesen? Das Land führt die Tabelle hinsichtlich BIP-Wachstum doch über zwei Jahrzehnte unangefochten an. Es geht vor allem darum, dass die Veränderung von Chinas Wachstumsmodell durch kräftige Zuwachsraten bei Konsum und Dienstleistungen weiter anhält und die Attraktivität des Aktienmarktes durch ein steigendes Gewicht von soliden Privatunternehmen gegenüber ineffizienten Staatsunternehmen weiter steigt. Beides scheint der Fall zu sein, was positiv für den chinesischen Aktienmarkt ist. Interessanterweise steigen die Gewinnerwartungen in China und Asien auch in den vergangenen Monaten stetig, während der Rest der globalen Schwellenländer schwächelt. Hier gibt es eine große Lücke zwischen der Realität und dem, was Investoren zurzeit fürchten.

FONDS exklusiv: Sind massive Kapitalabflüsse wie in anderen Emerging Markets zu befürchten?

J.K.: Nein, denn die Kapitalbilanz wird streng kontrolliert und die Abhängigkeit von ausländischen Schuldnern ist in China gering, ganz im Gegensatz zu Ländern wie der Türkei oder Argentinien. Die Gefahr von Kapitalflucht hat kein solides Fundament. Man kann eher das Gegenteil feststellen. Wir sehen einen extrem starken Appetit von ausländischen Investoren auf China. Denken Sie nur an die Öffnung des chinesischen Aktienmarktes in Shenzhen und Shanghai. Die Nachfrage von ausländischen Investoren ist so stark, dass MSCI das Gewicht dieser Aktien im Index schon bald vervierfachen wird. Das ist ein außergewöhnlicher Schritt, der die außergewöhnlich hohe Nachfrage ausländischer Investoren nach chinesischen Aktien widerspiegelt. Das umso mehr, als Qualitätswachstum sehr günstig geworden ist. Unser Chinafonds handelt mit einem KGV von 12 (für die nächsten 12 Monate) für 15 Prozent Gewinnwachstum und hohe Eigenkapitalrenditen sowie operative Margen. Der Fonds ist damit so günstig wie er zum Zeitpunkt des Ausverkaufs im Sommer 2015 war. Das ist eher ein Schnäppchen. Die Investoren werden sicher bald von den sehr günstigen Bewertungen angelockt werden.

FONDS exklusiv: Welche Anlagestrategie verfolgen Sie derzeit?

J.K.: Wir investieren stets und schon seit vielen Jahren in Qualitätswachstumsunternehmen, egal wo sie gehandelt werden. Manchmal gibt es Arbitragemöglichkeiten in China, wenn etwa Festlandsaktien unter mehr Verkaufsdruck geraten als in Hongkong oder umgekehrt. Diese Arbitrage kann man vereinzelt nutzen. Das sind jedoch eher Ausnahmesituationen. Die Finanzmarktreform und die Öffnung der chinesischen Festlandsbörsen ist ein Erfolgskapitel. Und zur weiteren Anlagestrategie ist Folgendes zu sagen: Informationstechnologie und zyklischer Konsum repräsentieren mehr als 50 Prozent unseres Chinafonds. Wir sind aber auch in Healthcare investiert. So halten wir 3SBio, die in China fast die Hälfte des Marktes für Epo auf sich vereinigt. Epo wird zur Dialyse aber auch zur Chemotherapie bei Krebs verwendet. In China leiden 120 Millionen Menschen unter Nierenproblemen, für die Dialyse notwendig ist. Die Tendenz ist steigend und die Nachfrage nach Epo ebenso.

FONDS exklusiv: Zur Qualität gehört aber auch ein überdurchschnittliches Gewinnwachstum…

J.K.: Das Gewinnwachstum unserer chinesischen Portfoliounternehmen ist mit 15 Prozent auch zum jetzigen Zeitpunkt dynamisch. Dieses Wachstum sehen wir in der Breite des Portfolios. Am wachstumsträchtigsten sind internetbasierte Geschäftsmodelle wie zum Beispiel Autohome, das marktführende Autoportal, welches einen Großteil der Online-Werbegelder chinesischer und ausländischer Autohersteller anzieht. Bei Lebensversicherern wie etwa Ping An, China Life oder AIA sehen wir auch sehr dynamisches Gewinnwachstum, getragen von starkem Prämienwachstum und einem Trend zu höhermargigen Produkten wie etwa critical illness (Krankenversicherung, die etwa Krebsrisiken abdeckt). Im klassischen Konsumbereich fällt etwa Anta Sports auf, der chinesische Konkurrent von Adidas und Nike.

FONDS exklusiv: Wie stark wirken sich die US-Zölle aus?

J.K.: Die Binnenwirtschaft wird nach wie vor von einem soliden Konsumwachstum getragen. Das ist der Fels in der Brandung. Hier und da gibt es Unternehmen, die aufgrund des Handelskonflikts stark ins Visier der Anleger geraten. Hierzu gehört Hangzhou Hikvision, ein weltmarktführendes Unternehmen für Videoüberwachung inklusive neuester Gesichtserkennungssoftware. Natürlich ist das US-Geschäft unter der jetzigen Regierung schwieriger, aber die US-Kunden bleiben dem Unternehmen aufgrund des konkurrenzlosen Preis-Leistungs-Verhältnisses treu. Zehn Prozent Importzoll bringen diese Wettbewerbsposition nicht ins Wanken. Im Heimatmarkt, wo öffentliche Kunden sehr stark präsent sind, ist das Geschäft nicht mehr ganz so dynamisch wie im vergangenen Jahr. Alles in allem generiert das Unternehmen in diesem Umfeld weiterhin 15 Prozent Wachstum. Die Bewertung hat sich über ein Jahr auf ein KGV von 15 halbiert.

FONDS exklusiv: Welches sind Ihre wichtigsten Selektionskriterien?

J.K.: Von unseren Unternehmen erwarten wir mehr als zehn Prozent Gewinnwachstum p.a. über einen Zeitraum von wenigstens fünf Jahren. Sie müssen über starke Preissetzungsmacht, hohe Innovationskraft und Markteintrittsbarrieren verfügen, um Schwächeperioden gut zu überstehen. Inlandskonsum, Gesundheitswesen und steigender Wohlstand (Robustheit des Konsums der chinesischen Mittelklasse) sind Themen, die der Fonds umsetzt. Ein anderer Megatrend in China sind die Entwicklungen im Bereich von Mehrwertprodukten sowie Mehrwertdienstleistungen. Dazu kommt die Digitalisierung und das Wachstum des mobilen Internets.

FONDS exklusiv: Wie schnell rückt China in wichtigen Bereichen wie etwa Technologie zu den USA auf?

J.K.: Es setzt sich mehr und mehr die Erkenntnis durch, dass China – wieder einmal – die Veränderungen in der Anlageklasse der Schwellenländer maßgeblich bestimmt. China war lange Zeit die Werkbank der Welt, die sich auf billige Arbeitskräfte verließ. Dieses Wachstumsmodell gehört jedoch der Vergangenheit an. Die chinesischen Arbeitskräfte sind nicht mehr billig, denn das Land will in den nächsten sieben oder acht Jahren in die Riege der Länder mit hohem Einkommensstatus aufsteigen. Heutzutage werden in keinem Land der Welt mehr Roboter verkauft als in China, das Land hat weltweit die meisten Internetnutzer, steht im globalen Vergleich bei Patentanträgen auf dem dritten Platz, hat die höchste Zahl an MINT-Universitätsabsolventen und ist der größte Exporteur von Produkten mit hohem Mehrwert. Auch die Innovationsfähigkeit verbessert sich laufend, vor allem über das Internet, aber auch bei Anwendungen und Produkten für die Industrie und die Verbraucher. Mehr als ein Viertel der heutigen sogenannten „Unicorns“, also Unternehmen, die es vom Start-Up zur Erfolgsfirma schaffen, kommt aus China.