Kommentare & Expertenmeinungen | Interview
30.03.2017

Chinesischer Volkskongress: Reformen statt Schulden

Vor wenigen Tagen hat der jährliche Kongress der Kommunistischen Partei Chinas geendet. Und es gab in der Tat eine Reihe von besorgniserregenden Problemen zu behandeln, vor allem die stark angestiegene Verschuldung. Welche Resultate der Kongress sonst noch geliefert hat, erläutert Mike Shiao, Chief Investment Officer, Asia ex Japan bei Invesco.

von Wolfgang Regner

 Mike Shiao, CIO Asia ex Japan bei Invesco

Mike Shiao, CIO Asia ex Japan bei Invesco

Foto: Invesco

FONDS exklusiv: In den Eröffnungsansprachen wurden konkrete Maßnahmen u.a. in den folgenden Bereichen angekündigt: Abbau von Überkapazitäten, Reduzierung von Verschuldung sowie Steuererleichterungen für private Unternehmen. Wo liegt das größte Problem?

Mike Shiao: Das potenziell größte Problem ist zweifellos die in den letzten Jahren - auch durch die Konjunkturstimulierungspakete - stark angestiegene Verschuldung. Zwar deuten sowohl die offiziellen Einkaufsmanagerindizes für das Verarbeitende und Dienstleistungsgewerbe als auch das vom Finanznachrichtendienst Caixin veröffentlichte Pendant auf eine stabile konjunkturelle Seitenlage hin. Zudem weist der starke Anstieg der Importe darauf hin, dass die Binnennachfrage zunimmt. Die Konjunkturpakete haben also funktioniert. Nun mussten jedoch die 3000 Abgeordneten des Nationalen Volkskongresses darüber beraten, wie sie auf die Sorgen über die Finanzstabilität des Landes reagieren sollen. Laut UBS stieg die Staatsverschuldung 2016 von 62 auf 68 Prozent des Bruttoinlandsproduktes (BIP). Die Unternehmensverschuldung soll sogar auf 164 Prozent von 153 Prozent des BIP gewachsen sein. Nun wird der Hebel umgelegt werden. So sollen die Produktionskapazitäten der Fabriken gesenkt werden. Zudem sollen Privatunternehmen leichter in Infrastrukturprojekte investieren können. Weiters ist vorgesehen, den Dienstleistungssektor für ausländische Investoren zu öffnen. Kein frisches Geld soll es für die ineffizienten Zombie-Firmen geben.

FONDS exklusiv: Wie schätzen Sie diese Ergebnisse des Kongresses ein?

M.S.: Chinas wettbewerbsstärkste und branchenführende Unternehmen können nun zuversichtlicher in die Zukunft blicken, vor allem jene privaten Firmen der „New Economy“, die die meisten neuen Arbeitsplätze schaffen. China hat seine politischen Ziele 2016 weitgehend erreicht. Die chinesische Wirtschaft ist mit einer Rate von 6,7 Prozent gewachsen, gleichzeitig wurden industrielle Überkapazitäten und finanzielle Risiken weiter abgebaut. Beim Volkskongress kündigte Chinas Premier Li Keqiang vor kurzem wesentliche Wachstumsziele und Reforminitiativen an, die auf den im vergangenen Jahr gemachten Fortschritten aufbauen und China helfen werden, sein Wachstum zu stabilisieren und sich bis 2020 zu einer ‚moderat prosperierenden‘ Gesellschaft zu entwickeln – eine im 13. Fünfjahresplan im Jahr 2015 beschriebene Vision.

FONDS exklusiv: Wie soll dieses Ziel erreicht werden?

M.S. Li Keqiang hat den Abbau von Überkapazitäten, die Eindämmung der Verschuldung und Steuersenkungen für Unternehmen im privaten Sektor als wesentliche Ziele der Regierung bestätigt. In diesen Bereichen sind bereits Fortschritte erkennbar, vor allem mit Blick auf angebotsseitige Reformen, durch die bestimmte Industriezweige wie Kohle und Stahl ihre Kapazitätsziele inzwischen bereits erfüllt haben. Ich rechne mit einer weiteren Feinsteuerung des Wachstums, um der chinesischen Regierung Spielraum für die Umsetzung weiterer wichtiger Reformprojekte zu geben. Besonders zuversichtlich stimmt mich die Tatsache, dass beim Volkskongress eine eindringliche Warnung in Bezug auf die Anhäufung finanzieller Risiken ausgesprochen wurde. Dazu gehören Risiken im Zusammenhang mit notleidenden Vermögenswerten, Anleiheausfällen, dem großen Schattenbankensystem sowie Internetfinanzierungen. Wir bei Invesco halten eine restriktivere Regulierung des Finanzsektors für einen langfristig positiven Faktor, der helfen wird, das irrationale Kreditwachstum einzudämmen. Das aktuelle Verschuldungsniveau halten wir für langfristig nicht haltbar. Mit einer Finanzkrise rechne ich zwar nicht, da die jüngsten Daten der Bankenaufsichtsbehörde auf keine drohenden Schieflagen im Bankensektor hindeuten. Trotzdem muss ich davor warnen, dass die aktuell stabile Kreditausfallquote (NPL) von 1,7 Prozent mit der Zeit ansteigen könnte.

FONDS exklusiv: Das sind die offiziellen Zahlen. Die Ratingagentur Fitch meint jedoch, dass die NPL-Rate bei 15 bis 20 Prozent liegen könnte.

M.S. Das sind Daten einzig und allein für den Finanzsektor. Ich halte sie für übertrieben hoch, bin mir aber über die Problematik der ungenauen offiziellen Wirtschaftsdaten bewusst. In anderen Wirtschaftsbereichen liegen die NPL-Raten deutlich niedriger als 15 Prozent.

FONDS exklusiv: Welche Maßnahmen wurden am Nationalen Volkskongress sonst noch beschlossen?

M.S.: In steuerlicher Hinsicht plant die chinesische Regierung, das beständige BIP-Wachstum zu nutzen, um die Steueranreize für Kleinstunternehmen auszuweiten und den F&E-Steuerabzug für kleine und mittlere Unternehmen (für Forschungsausgaben) anzuheben. Diese Maßnahmen sollten die soziale Stabilität stärken, während die Regierung weiter an der Umsetzung der Ziele ihres 13. Fünfjahresplans arbeitet. Dank der robusten Verfassung der chinesischen Wirtschaft hat die Regierung ausreichende Spielräume, um durch gezielte Reformen auf eine Eindämmung der Risiken und Förderung der sozialen Stabilität hinzuwirken. Von den Initiativen der Regierung werden vor allem branchenführende chinesische Unternehmen mit starken Wettbewerbsvorteilen profitieren. Als Bottom-Up-Investoren sehen wir eine Fülle von Anlagemöglichkeiten in China, halten dabei aber einen selektiven Ansatz für angeraten.