Kommentare & Expertenmeinungen | Interview
12.10.2017

"Das gute, alte Internet ist besonders disruptiv"

In der aktuellen Coverstory haben wir bereist das Thema Technologie aufgegriffen. Mehr Details folgen im Interview mit Frédéric Fayolle, Fondsmanager des DWS Technology Typ 0, bei der Deutschen Asset Management.

von Wolfgang Regner

FONDS exklusiv: Welche Segmente der Technologiebranche schätzen Sie zurzeit als besonders interessant ein?

Frédéric Fayolle: Aktuell besonders spannend finden wir die Trends zur Künstlichen Intelligenz (KI) und dem ‚machine-learning‘, weiters zu Cloud Computing und dem Übergang von Offline zu Online Geschäftsmodellen in der Medienbranche. Wobei wir dem Hardwarebereich (zB. PCs, Tablets, Notebooks) die geringsten Wachstumschancen zubilligen würden. Generell zuversichtlich sind wir für den Softwarebereich gestimmt, wobei die Segmente Cloud, IT-Sicherheit und Open Source die größten Wachstumschancen bieten. Neben den Segmenten Cloud Computing (= Software as a Service) gefallen uns auch "public clouds", das sind Provider von kompletten Internet-Infrastrukturen von Servern, Datenspeicherung, Netzwerkanbindung sowie dafür notwendige Software im Gegensatz zur privaten Infrastruktur, die bei jedem Kunden an dessen Standorten aufgebaut werden muss. Die Anbieter der public clouds verwenden dazu noch eigene Softwarelösungen, was traditionelle Softwareanbieter angreift. Die Hardware dafür kommt kostengünstig aus der asiatischen Massenfertigung. Weiters würden wir KI (inklusive autonomes Fahren) als wachstumsstark einschätzen.

FONDS exklusiv: Wo sehen Sie disruptive Entwicklungen, also solche, die das Potenzial haben, ganze Technologiebereiche umzukrempeln und modern neu aufzustellen?

F.F.: Eine ganz simple Entwicklung, die dennoch besonders disruptive Auswirkungen haben wird, liegt im guten alten Internet, denn die globale Penetrationsrate liegt bei nur 43 Prozent. Fast 60 Prozent der Weltbevölkerung haben keinen Internet-Zugang. Das meiste Wachstum kommt aus den Emerging Markets, wo neue User sich erst gar nicht ans Telefon mit Fixleitung anschließen lassen sondern mit Smartphones surfen. Eine weitere disruptive Entwicklung sehen wir in der Verlangsamung des „Moor’schen Gesetzes“, das die Wachstumsgeschwindigkeit des Halbleitesektors bzw. den Faktor der Miniaturisierung bisher quasi normiert hat. Das eröffnet jenen Halbleiterausrüstern hohe Wachstumschancen, die neue Materialien und Halbleiter-Architekturen (wie zB. 3D-Chips) anbieten können, um so die Geschwindigkeitsexpansion am Laufen zu halten. Server-Mikroprozessoren können dennoch nicht mehr so rasch ‚schrumpfen‘ wie früher, da man ohnehin schon im Nano-Bereich arbeitet, was etwa die Leiterbahnen anbelangt. Für diese kommt aber neue Konkurrenz durch effizientere Chips für so manche Computer-Applikationen.

FONDS exklusiv: Wie sieht es in der Softwarebranche aus? Da werden die bisherigen Geschäftsmodelle regelrecht in Grund und Boden digitalisiert, etwa indem Software-Leasing angeboten wird und nicht mehr das teurere Lizenzmodell.

F.F.: Ja, natürlich ist auch das Software-Segment von der Digitalisierung betroffen Aber weniger im technologischen Bereich, sondern vielmehr im Bereich der Geschäftsmodelle. Hier lautet der disruptive Trend „Open Source“, also Softwareanbieter, die ihren Quellcode veröffentlichen und damit ihre Software quasi gratis im Internet zur Verfügung stellen. Open-Source-Software kann also meistens kostenlos genutzt werden- etwa auch von Organisationen oder Unternehmen, um Entwicklungskosten zu teilen oder Marktanteile zu gewinnen. Die Nachfrage nach derartiger Software wächst stark, was aber Probleme für jene Softwareanbieter mit sich bringt, die ihren Quellcode nicht veröffentlichen wollen, um weiterhin hochpreisige eigene Software anbieten zu können. Dieser Effekt ist insgesamt negativ für die Branche, da er eine Preisdeflation bei der öffentlich angebotenen, freien Software verursacht. So gibt es sogar in der KI bereits Open Source KI ‚machine-learning‘-Architekturen (zB. Tensor Flow und Thor). Auch Netzwerksoftware emigriert zunehmend in den Open-Source-Bereich, wie etwa Produkte, deren Netzwerkfunktionen getrennt von der Hardware laufen, die sie benötigen. Auch Big Data-Analysesoftware gibt es als Open Source-Lösungen. Ebenfalls weitreichend ist generell gesehen der Trend der Digitalisierung, weil er viele Branchen betrifft (Einzelhandel, Medien, Finanzen). Die großen Internetkonzerne gewinnen rasch an Marktanteilen hinzu, etwa in der Online-Werbung, im e-Commerce, weiters profitieren Service-anbieter, welche die Internetanbindung von bisher offline gelaufenen Produkten und Geschäfts-bereichen anbieten. So gibt es eine ganze Reihe von Fintech-Unternehmen, die den Bankensektor angreifen, aber auch Bezahlsysteme, die zB. die Kreditkarten-Zahlungsabwicklung in virtuellen Systemen laufen lassen können.

FONDS exklusiv: Wo sind Sie weniger optimistisch?

F.F.: Relativ wenig Investmentchancen sehen wir im Bereich Internet der Dinge, etwa was Smart Homes anbelangt, da die hierfür notwendigen Produkte meist Hardware- und Halbleiterlösungen sind, die unter starkem Preisdruck leiden, da der Innovationsgrad nicht gerade berauschend ist. Weit attraktiver schätzen wir den Automobilbereich ein, was die Absatzchancen spezialisierter Halbleiter anbelangt, da in moderne Wagen immer mehr Chips eingebaut und für autonomes Fahren etc. benötigt werden. Hier ist der Preisdruck für Halbleiter weniger groß. Im Softwarebereich interessieren uns nur einige, ausgewählte Segmente, etwa Software, die elektronisches Design automatisiert, vor allem bei Halbleitern und speziellen elektronischen Systemen. Die Forschungskosten sind hier zwar hoch, aber die Markteintrittsbarrieren sind ebenfalls hoch, da die Chip-Architekturen und die Produktion immer komplexer werden.

FONDS exklusiv: Besonders heiß diskutiert wird die Frage der Bewertung des Technologiesektors. Manche Analysten sehen schon einen Internet-Crash 2.0 heraufziehen…

F.F.: Wir haben kein echtes Bewertungsproblem mit der Technologiebranche. Der Netto-Cash-Berg, den allein dieses Börsensegment angehäuft hat, macht es zum fundamental stärksten innerhalb des breiten S&P 500-Index. Nicht zu vergessen: Die Bewertung des Gesamtmarktes ist ebenfalls gestiegen. Wenn man die Wachstumsstärke und Nachhaltigkeit der Gewinne miteinbezieht, so sehen die Bewertungen von einigen wenigen Ausnahmen abgesehen alles andere als abenteuerlich aus, mit Forward-KGVs (Gewinnschätzungen für 2018) deutlich unter 20. Die am meisten strapazierten Bewertungen sehen wir vielmehr im Segment der Dividendenaktien mit hohen Ausschüttungen, die derzeit ja heiß begehrt sind.

FONDS exklusiv: Welche Trends gibt es bei den Unternehmensinvestitionen in neue digitale Technologie?

F.F.: Was die IT-Investitionen der Unternehmen anbelangt, so sind wir optimistisch gestimmt. Viele dieser Investments sind unternehmenskritisch (Digitalisierung, Sicherheit, Cloud Computing und in weiterer Ferne auch KI). Es gibt im Cloud- bzw. OpenSource-Bereich zwar erheblichen Preisdruck, im größten Teil des IT-Markts überwiegen jedoch positive fundamentale Entwicklungen. Einige große Branchen leiden seit Jahren sogar an Unterinvestitionen (Gesundheits-, Bau-, öffentliche Regierungssektoren). Da gibt es durchaus Aufholpotenzial. Was die Gewichtungen anbelangt, favorisieren wir die Bereiche Internet, Software, Halbleiter und Internet-Bezahlsystem-Provider, während wir die Segmente Hardware, IT-Services und Ausrüstung untergewichten.