Kommentare & Expertenmeinungen | Interview
28.09.2017

"Die Erdölindustrie hat jede Menge Zeit um sich anzupassen"

Wir haben James Butterfill, Research-Leiter bei ETF Securities, zu einigen Thesen in seinem aktuellen Triannual Outlook befragt, u.a. zu Dekarbonisierung, der Anleihen-Blase und zur Gefahr durch Quanten-Computer.

von Thomas Müller

James Butterfill, Head of Research ETF Securities

James Butterfill, Head of Research ETF Securities

Foto: ETF Securities

FONDS exklusiv: Sie gehen von einem geordneten Abbau der Anleihen-Blase aus. Wie lange wird es dauern, bis sich die Anleihenkurse auf ein normales Level eingependelt haben?

James Butterfill: Wir glauben, dass sich die Anleihenkurse so lange auf ihrem heutigen Niveau bewegen werden, bis die Notenbanken ihre geldpolitischen Maßnahmen zurückfahren und ihre Bilanzsummen signifikant reduzieren. Das geringe Produktivitätswachstum, geringer Inflationsdruck und nach wie vor hohe Jugendarbeitslosigkeit in den entwickelten Ländern bleiben herausfordernd für die Politik und sind eine Garantie für niedrige Leitzinsen. In den USA erwarten wir die Zinsen in fünf Jahren wieder auf dem Niveau vor der Krise, vorausgesetzt die Zinserhöhungstempo wird beibehalten. Die Zinsen werden also so lange niedrig bleiben, bis sich die Wirtschaftsprognosen drastisch verbessern.

FONDS exklusiv: Welche Sektoren in Europa zeigen die besten Bewertungen und Erholungsaussichten?

Der Nicht-Basiskonsumgüter-Sektor ist der einzige, der historisch niedrig bewertet ist und dessen Umsätze auch von einem starken Euro betroffen sind. Wir gehen davon aus, dass der Euro schon nahe an seinem Zenit ist und davon könnte man einen Vorteil ziehen. Der Finanzsektor ist mit seiner Bewertung im langjährigen Durchschnitt und eine fallende Rate an notleidenden Krediten deutet auf eine Erholung hin. Zusammen mit dem laufenden Kreditwachstum in Europa sollte auch das Potenzial für eine restriktivere Geldpolitik für Kurszuwächse in der Branche sorgen.

FONDS exklusiv: Der Ausstieg aus Öl und Gas wird langsam zum Thema. Sind die aktuellen Bestrebungen zum Verbot von Verbrennungsmotoren in Europa eine langfristige Bedrohung für die Erdölproduzenten?
Wir sehen da keine großen Ambitionen. Die optimistischsten Prognosen sehen den Anteil an Elektroautos an den Autoverkäufen bei 12 Prozent. Diese Industrie hat immer noch starken Gegenwind. Das Aufladen belastet das Stromnetz erheblich und mehrere Fahrzeuge, die in einer Straße aufgeladen werden, können zu Stromausfällen führen. Gleichzeitig werden die Verbrennungsmotoren weiter verbessert und auch der Preis lässt heute noch viele Konsumenten bei Elektroautos zögern. Zu einem gewissen Maß wird es eine Bedrohung für die Erdölindustrie sein, aber es ist noch jede Menge Zeit um sich darauf einzustellen. Außerdem sind nur 64 Prozent des globalen Ölverbrauchs durch den Verkehr bedingt.

FONDS exklusiv: Sie gehen von einem steigenden Bedarf an Industriemetallen aus. Welche Regionen und Sektoren werden am stärksten für Nachfrage sorgen?

China bleibt weiterhin der größte Nachfrager von allen Industriemetallen mit mehr als 55 Prozent des globalen Verbrauchs. Die Regierung stimuliert die Wirtschaft im Vorfeld des 19. Kongresses der Kommunistischen Partei im Oktober. Der Verbrauch von Metallerzen ist ebenfalls seit Jahresbeginn starkt gestiegen, bei Bauxit sogar um 32 Prozent. Wenn China seine Drohung war macht und die Metallproduktion zurückfährt, erwarten wir hier einen Preisanstieg. Eine global starke Industrieproduktion wird auch in anderen Regionen für Nachfrage sorgen. In den USA werden die Markterwartungen nicht erfüllt werden, nachdem die Trump-Administration mit ihrem Infrastruktur-Programm gescheitert ist. Basismetalle haben jedenfalls die Unterstützung durch den „Trump-Trade“ verloren. Die derzeitige Rally ist von China getrieben, das zuverlässiger bei Infrastrukturausgaben ist.

FONDS exklusiv: Sie schreiben auch, dass die Quanten-Computer-Technologie die Verschlüsselungen im Finanzsektor gefährden könnte. Ist sich die Branche der Gefahr bewusst?

Schwer zu sagen, aber das Fehlen jeglicher Studien zu dem Thema, zeigt schon, dass das noch von keiner Branche wirklich ernst genommen wird. Das liegt vielleicht daran, dass es bis vor kurzem gar keine Quanten-Computer gegeben hat und das Problem wird erst sichtbar, wenn sie im Mainstream ankommen. Staatliche Behörden nehmen das Thema sehr wohl ernst, allem voran in Europa und den USA und geben auch die meisten Forschungsmittel dafür aus. 2015 waren is in den USA 360 Millionen Euro, in der EU 450 Millionen Euro.

 

Der Triannual Outlook von ETF Securities zum Nachlesen als PDF