Kommentare & Expertenmeinungen | Interview
09.11.2017

Dominant in der Nische: Hidden Champions

Börsengelistete Familienunternehmen glänzen mit überdurchschnittlichen Wachstumsraten, starken Marken und soliden Bilanzen. Dazu sind sie in ihren Zielmärkten ganz vorn dabei. Was die Kleinen so attraktiv macht erfahren Sie im folgenden Interview mit Antoine de Crepy, Fondsmanager des AXA WF Framlington Europe Microcap A.

von Wolfgang Regner

Antoine de Crepy, Fondsmanager AXA Investment Managers

Antoine de Crepy, Fondsmanager AXA Investment Managers

Foto: AXA IM

FONDS exklusiv: Der europäische Mittelstand, kleine und mittelständische Unternehmen (KMU) ist weltweit zum Synonym für erfolgreiche Nischenplayer geworden. Wie kam es dazu?

Antoine de Crepy: Unternehmerfamilien spielen eine tragende Rolle. 90 Prozent aller privaten Unternehmen, so das Ergebnis einer Studie, die von der Stiftung Familienunternehmen mit dem Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung und dem Institut für Mittelstandsforschung in Mannheim durchgeführt wurde, befanden sich 2015 in Familienbesitz. Und eine Studie der Credit Suisse listet weltweit 920 familiengeführte Unternehmen in 35 Ländern mit einem Börsenwert von mehr als einer Milliarde US-Dollar auf. 64 Prozent dieser Firmen sind mittlerweile in asiatischen Schwellenländern wie China, Südkorea oder Indien daheim.

FONDS exklusiv: Was ist das Ziel des AXA WF Framlington Europe Microcap A?

A.C.: Wir streben nachhaltige Wertschöpfung an, indem wir uns auf die Identifizierung zukünftiger Marktführer konzentrieren, die über selbst getriebene Wachstumstreiber verfügen, ein starkes Geschäftsmodell bzw. Produkte haben und eine starke Exposure zu Innovation und Forschung aufweisen. Wir glauben, dass Unternehmen, die überdurchschnittlich wachsen können, eine mittelfristige Outperformance erzielen können. Solche Unternehmen haben ein hoch qualitatives Management, profitable Wachstumschancen und verfügen über genügend eigenes Kapital, um diese Chancen auch nutzen zu können.

FONDS exklusiv: Welche Selektionskriterien müssen Ihre Portfoliokandidaten erfüllen?

A.C.: Zuerst müssen wir aus dem Anlageuniversum jene Titel herausfiltern, die unsere Investment-philosophie eines nachhaltigen Wachstums erfüllen. 3000 Aktien mit einem Börsenwert von unter 700 Millionen Euro stehen zur Auswahl. Zuerst wenden wir einen Liquiditätsfilter an (100000 Euro Börsenumsatz pro Tag). Als Ergebnis bleiben rund 1000 Aktien übrig, die quantitativen und qualitativen Screening-Prozessen unterzogen werden. Da geht es um die Finanzstruktur, die freie Cash Flow-Rendite, Revisionen den Gewinn pro Aktie betreffend, Umsatzwachstum-Revisionen und die Eigenkapitalrendite. Gleichzeitig prüfen wir, ob diese Unternehmen Exposure zu mittelfristigen Megatrends haben. Am Ende erhalten wir Unternehmensprofile, wobei wir uns auf deren fünf konzentrieren. Als Erste kommen Marktführer und Konsolidierer. Diese Firmen verfügen über Wettbewerbsvorteile in einem zersplitterten Markt mit hohen Eintrittsbarrieren. Sie können Konkurrenten übernehmen und so ihre operativen Gewinnmargen steigern. Zweites die sogenannten disruptiven Geschäftsmodelle, die imstande sind, einen Markt völlig umzukrempeln. Da geht es um Firmen mit hoch innovativen Produktlösungen, die dazu in der Lage und vor allem stark genug sind, die Struktur ihrer Marktnische zu verändern oder neue Märkte bzw. Marktsegmente hervorzubringen. Drittens gibt es den „Winner takes all“-Ansatz. Hier suchen wir Unternehmen, die von technologischen Veränderungen auch in bereits reiferen Märkten profitieren oder solche, die über ein stark differenziertes Geschäftsmodell verfügen, das es ihnen ermöglicht, manche Dinge anders zu machen als die Konkurrenz. Nach diesem Auswahlverfahren erhalten wir rund 200 profitable Wachstumsunternehmen.

FONDS exklusiv: Wie läuft der Prozess weiter?

A.C.: Nun erfolgt in einem zweiten Schritt die Auswahl der Unternehmen, die ins Portfolio kommen. Wir untersuchen detailliert die Wertschöpfungsketten und Geschäftsmodelle. Wir haben aufgrund unseres 11-jährigen Track Record mit dieser Strategie herausgefunden, dass der Schlüsselfaktor für ein nachhaltiges Wachstum der Wettbewerbsvorteil eines Unternehmens ist und seine Fähigkeit, die Führungsposition weiter zu verteidigen. Dabei spielt die Positionierung in der Wertschöpfungskette eine entscheidende Rolle. Und nicht zuletzt wollen wir ein Management mit einem soliden Track Record haben. Im Portfolio landen dann Unternehmen mit soliden Bilanzen hoher Innenfinanzierungskraft und hoher ROCE (Rendite auf das eingesetzte Kapital), hoher Cash Flow-Generierung inklusive Preismacht, Wettbewerbsvorteilen und hohen Gewinnmargen sowie selbst angetriebenem Wachstum durch starke interne Wachstumstreiber und hoher Innovationskraft. Viele dieser Unternehmen sind von Bankkrediten unabhängig.

FONDS exklusiv: Können Sie uns einige Unternehmen aus Ihrem Portfolio nennen, die ihre Kriterien erfüllen?

A.C.: Clinigen Group ist eine Spezialitätenpharmafirma, die kommerzielle medizinische Produkte liefert bzw. managt, sowie Biotech- und Pharmafirmen mit Beratungsdienstleistungen unterstützt. Wir sehen folgende Katalysatoren: Zunahme der Regulierung bzw. Kontrollen der Gesundheits-behörden, Kostenmanagement für Krankenhäuser, Akquisitionen in Großbritannien und global, neue Modelle, um Medikamente online nachverfolgen bzw. auffinden zu können. Ateme ist ein französischer Designer von Video-Komprimierungslösungen für TV-Sender und Content-Vertreibern. Von 170 Mitarbeitern sind 70 (!) in der Forschung und Entwicklung aktiv, und mit Niederlassungen in 70 Ländern sowie 80 Prozent des Umsatzes im Ausland ist Ateme global aufgestellt. Katalysatoren sind ein neuer Komprimierungsstandard, die Zunahme der Vertriebskanäle sowie neue Sender-Lösungen im Content-Vertrieb.

FONDS exklusiv: Welche Stärken können kleine Unternehmen gegenüber den großen Konzernen ausspielen?

 

A.C.: Erstens den Größenvorteil, den sie in lukrativen Marktnischen ausspielen können, die für große Unternehmen einfach zu klein sind. Weiters sind sie im Laufe der Zeit die Wertschöpfungskette immer höher geklettert und diversifizierten ihre Umsatzbasis, sie sind über längere Zeiträume gesehen nicht volatiler als Large Caps, sie können ihren Wachstumskurs selbst definieren, was zu überlegenem Gewinnwachstum führt und sie sind stärker in M&A-Aktivitäten involviert.

FONDS exklusiv: Was spricht aktuell für ein Engagement in einem europäischen MicroCap-Fonds?

A.C.: Vor allem die derzeitige Wachstumsstärke in Europa mit einer Zunahme des Bruttoinlandsprodukts um 2,1 Prozent im dritten Quartal, das höchste Wachstum seit fünf Jahren. Kleine Unternehmen profitieren davon mehr als die Large Caps, da sie stärker auf Europa konzentriert sind. Und auch die sinkenden Arbeitslosenraten und die gute Konsumstimmung begünstigen die kleinen Werte.

FONDS exklusiv: Welchen Ausblick können Sie geben?

A.C.: In Europa sehen wir seit dem vierten Quartal 2016 eine zunehmende Erholung der Wirtschaft, was auch zu beschleunigtem Gewinnwachstum bei Unternehmen führt. Diese Erholungswelle wird auch die Industrieproduktion und Investitionen antreiben. Wir glauben, dass eine Zunahme der Inflation besonders den kleinen Betrieben zugute kommen wird. Die Fundamentaldaten und die Investorenstimmung haben sich ebenfalls verbessert, auch in dem Maße, wie sich die politischen Risiken reduziert haben. Die überlegenen Wachstumscharakteristika gegenüber den sonstigen Marktsegmenten sollte zu einer starken Performance der europäischen Small & Micro Caps führen.