Kommentare & Expertenmeinungen | Interview
30.01.2019

Emerging Markets-Aktien: Aussichtsreich dank starken Wachstums

Für die Anleger waren 2018 auch die Emerging Markets ein Investment zu Vergessen. Der starke Dollar und die steigenden US-Zinsen machten den Investoren einen Strich durch die Rechnung. Warum er für 2019 einen Turnaround erwartet erläutert Grant Yun Cheng, Portfoliomanager des Allianz Global Emerging Markets Equity, im folgenden Interview.

von Wolfgang Regner

Grant Yun Cheng, Portfoliomanager Allianz Global Investors

Grant Yun Cheng, Portfoliomanager Allianz Global Investors

Foto: Allianz Global Investors

FONDS exklusiv: Belastet der starke US-Dollar weiterhin die Emerging Markets?

Grant Yun Cheng: Ein festerer US-Dollar wirkt oft wie eine „Performance-Bremse“ für EM. Allerdings muss man sich heutzutage die EM-Länder sehr differenziert anschauen: Länder wie Argentinien und Türkei bekommen mehr Druck, da ausländische Investoren Gelder abziehen. Hauptgrund sind deren hohe Außenhandelsdefizite und kurzfristige Auslandsverschuldungen im Vergleich zu niedrigen Devisenbeständen. Man muss aber konstatieren, dass die meisten EM-Länder in einer besseren finanziellen Verfassung sind, so dass Druck auf Argentinien und Türkei kein systematisches Risiko darstellt. Umgekehrt sorgt eine freundlichere Fed-Zinspolitik in der Regel für Entspannung bei den EM. Das war auch der Grund, warum in den letzten Monaten EM besser als andere Märkte gelaufen sind. Generell müssen Anleger aber beachten, dass sich die EM im Falle einer wirtschaftlichen Verlangsamung bzw. bei einer Rezession in den USA nicht einer weltweit steigenden Risikoaversion entziehen können. Die kurzfristige Performance von EM ist auch von weiteren Faktoren abhängig, z.B. dem Verlauf des Handelskonflikts zwischen den USA und China, oder dem Tempo des weltweiten wirtschaftlichen Abschwungs. Meines Erachtens ist es jedoch entscheidend, in welchem Umfeld die US-Fed die Zinsen erhöht: In den Jahren 2003 bis 2007 bestätigten die Zinserhöhungen eher ein synchrones, globales Wachstum. EM-Börsen konnten daher in diesem Zeitraum outperformen, da die Wachstumsdynamik in Schwellenländer deutlich stärker war.

FONDS exklusiv: Die Emerging Markets sind ein heterogenes Anlageuniversum: Wo sind obige Risiken am größten, wo am geringsten? Immerhin kann eine schwache Lokalwährung die Exporte ankurbeln. Allerdings auch zu Problemen für Staaten und Unternehmen führen, die sich stark im US-Dollar verschuldet haben.

G.Ch.: Die Risiken in Ländern wie Argentinien, Türkei und Südafrika sind wegen deren schwachen Zahlungsbilanzen am größten, wobei die meisten Länder in Asien (z.B. China, Südkorea, Thailand) deutlich besser dastehen. Es ist dabei aber wichtig zu betonen, dass Fälle wie Türkei oder Argentinien eher die Ausnahmen sind. In Gänze betrachtet hat sich die gesamte externe Verwundbarkeit der EM in den letzten 20 Jahren (nach den negativen Erfahrungen während der Asien-Krise in 1997 und der globalen Finanzkrise 2008) deutlich verringert. Ob eine schwache Lokalwährung die Exporte ankurbelt, muss man differenziert sehen: Erstens kommt es dabei auf die globale Konjunktur an (vor allem in den westlichen Importländern), zweitens ist die wirtschaftliche Struktur eines Landes entscheidend. Eine schwache Lokalwährung ist von Vorteil für Korea oder Taiwan, da sie export-orientierte Volkswirtschaften sind. Auf der anderen Seite sorgt eine schwache Währung bei Ländern wie Türkei oder Indonesien für mehr Druck auf Zahlungsbilanz.

FONDS exklusiv: Wie sieht Ihr aktueller und mittelfristiger Investment Case für Emerging Markets Aktien aus?

 

G.Ch.: Für mich gibt es für Kapitalanleger in den EM immer einen unterliegenden Treiber: Die EM-Länder wollen letztendlich die gleichen Lebensstandards wie Industrieländer erreichen oder den Rückstand verkürzen. Die Jahre 2002 bis 2008 waren das goldene Zeitalter für EM, da wir ein globales, synchrones Wachstum hatten. Viele Schwellenländer, angeführt von den sogenannten BRICs (Brasilien, Russland, Indien und China), sind viel schneller gewachsen als Industrieländer. Die letzten Jahre erlebten wir in einigen EM-Ländern hingegen deutliche Wachstumsabschwächungen oder strukturelle Herausforderungen. Trotz des schwachen Umfelds haben wir in EM weiterhin viele Lichtblicke: In China sind E-Commerce und Sozialnetzwerk-Giganten entstanden. Die sogenannten BATs (Baidu, Alibaba und Tencent) aus China können den FAANGs in USA Paroli bieten oder sind bei einigen Entwicklungen (z.B. mobile Bezahlsysteme) deren westlichen Kollegen um Jahre voraus. Indische Konsumunternehmen wie Dabur und Asian Paints bleiben weiterhin „Local Champions“ und konnten in den letzten Jahren ihre Gewinne kräftig steigern. Asiatische Tech-Unternehmen wie z.B. TSMC (Taiwan Semiconductor) oder Samsung Electronics konnten ihre technologische Führerschaft weiter ausbauen und sind sogar "World Champions" geworden.

FONDS exklusiv: Machen Sie im Rahmen Ihres Investmentprozesses auch Länderanalysen (Global Macro Hintergrund, politischer Hintergrund) und welche Kennzahlen verwenden Sie dabei?

G.Ch.: Wir analysieren und bewerten verschiedenste wirtschaftliche Kennzahlen, z.B. Wachstums-prognose, Handelsbilanz, geldpolitische Ausrichtungen, usw., und arbeiten in diesem Zusammenhang eng mit unseren hausinternen Volkswirten zusammen.

FONDS exklusiv: Was gefällt Ihnen an der Equity-Story Ihrer drei größten Länderallokationen?

G.Ch.: Uns gefällt eine Übergewichtung in Indien und Russland. Die indische Volkswirtschaft ist weniger abhängig von der globalen Wirtschaft und stärker von Inlandsnachfrage getrieben. Außerdem hat Indien viele Unternehmen, die strukturell sehr gut positioniert sind. Die Konsens-meinung zu Russland ist aufgrund der US-Sanktionen weiter vorsichtig und daher sind viele Werte sehr niedrig bewertet. Hinzu kommt Thailand: Die thailändische Wirtschaft hat die schlimmste Phase hinter sich und dürfte in einem Umfeld globaler Wachstumsverlangsamung einigermaßen verschont bleiben.

FONDS exklusiv: Wo haben sich die Fundamentaldaten verbessert oder verschlechtert?

G.Ch.: Die fundamentalen Daten in China haben sich in den vergangenen Monaten verschlechtert, was viele europäische Unternehmen zu spüren bekommen. Dies zeigt, dass sich der Handelskonflikt zwischen den USA und China bereits negativ auf die chinesische Wirtschaft ausgewirkt hat. Die Anlegerstimmung in Brasilien hat sich nach den Wahlen deutlich verbessert. Nach den turbulenten Jahren setzen viele Anleger auf eine marktfreundliche Reformpolitik der neuen Regierung.

FONDS exklusiv: Hat der Handelskonflikt zwischen den USA und China größere Auswirkungen auf Ihre Anlagestrategie?

G.Ch.: Das Ergebnis des Handelskonfliktes ist binär und es sehr schwierig zu prognostizieren. Die Nachrichtenlage ändert sich quasi täglich. Die schwächelnde Konjunkturlage in beiden Ländern spricht aber eher dafür, dass die USA und China das Interesse haben, den Streit zumindest temporär beizulegen. Allerdings geht es bei dem Konflikt letztlich nicht nur um Handelsfragen, sondern auch um die strategische Positionierung beider Länder. Insofern wird das Thema den Kapitalmarkt noch lange beschäftigen. Wir haben unsere Übergewichtung in der Technologie-Branche etwas abgebaut. Zwar mögen wir weiterhin die Branchen-Gewinner im Segment Internet der Dinge (Internet of things, IoT) hielten sie aber für etwas überbewertet. Wir haben Indien aufgestockt – der Markt ist hauptsächlich von der Inlandsnachfrage getrieben und bleibt insofern einigermaßen von der globalen Unsicherheit (wie etwa dem Handelskonflikt) verschont. Insgesamt haben wir angesichts der globalen wirtschaftlichen Abschwächung die Zyklizität des Portfolios etwas abgebaut. Von einer komplett defensiven Positionierung sehen wir jedoch ab, da die Bewertungen einiger konjunktur-abhängigen Branchen inzwischen attraktiv geworden sind. Insofern behalten wir weiterhin ein ausgewogenes Portfolio bei.

FONDS exklusiv: Beinhalten Investments in Emerging Markets ein großes Währungsrisiko?

G.Ch.: Anleger in EM müssen auf größere Wechselkursschwankungen gefasst sein. Währungsrisiko besteht immer, wenn man in eine Asset-Klasse mit Fremdwährungen investiert. Dabei ist die Anlagestrategie für die Minderung des Währungsrisikos entscheidend: So ist etwa ein schwacher Wechselkurs gut für Exporteure wie etwa indische IT-Unternehmen. Daher muss man die Wechselkurse als Faktor bei der Aktienselektion in Betrachtung ziehen.

FONDS exklusiv: Nähert sich die EM-Equity-Story ihrem Ende nachdem Globalisierungseffekte nachlassen, wodurch viele EMs zunehmend zyklischen Faktoren unterworfen sind?

G.Ch.: Das heutige Umfeld mit mangelnden Wachstumsimpulsen und einem drohenden Handelskrieg ist keine gute Voraussetzung für EM-Outperformance. Zyklische Faktoren wie Wachstum und der globale Risikoappetit beeinflussen auch die kurzfristige Performance. Allerdings bin ich überzeugt, dass wirtschaftliche Konvergenz trotz gelegentlicher gegenläufiger Entwicklungen ein fortlaufender Prozess ist. Kurzfristig sorgen auch das Ende der Dollar-Stärke sowie eine freundlichere Zinspolitik der Fed für eine gewisse Entspannung. Die aktuellen Mittelzuflüsse in Emerging Markets belegen diese These. In den 1980er und 1990er Jahren sahen wir die Entstehung der Tigerstaaten in Asien, Anfang dieses Jahrhunderts den Aufstieg Chinas zum Global Player. Ein zugrundeliegendes Phänomen bei beiden Entwicklungen war, dass immer mehr Leute der Armut entronnen sind. Steigende Einkommen führten zur Entstehung einer neuen Konsumentenschicht. Viele Schwellen-länder haben weiterhin enormes Nachholpotential. Vielleicht stellen wir in paar Jahren fest, dass Premierminister Narendra Modis ‚Made in India‘ -Initiative ein riesiger Erfolg ist und eine neue Welle von Infrastrukturinvestitionen auslöst. Insofern bin ich optimistisch, dass wir immer interessante Anlageobjekte in den EM finden werden.