Kommentare & Expertenmeinungen | Interview, Investmentfonds
04.07.2012

Emerging Markets auf der Überholspur

Interview mit Dr. Mark Mobius, Executive Chairman, Templeton Emerging Markets Group. Die Fondsmanagerlegende nimmt im folgenden Interview Stellung zur aktuellen Entwicklung in den wichtigsten Emerging Markets und gibt einen Ausblick für die Zukunft. 

von Wolfgang Regner

Wie groß sehen Sie die Gefahr einer harten Landung in China?

 

Mark Mobius: Das Wachstum des Bruttoinlandsproduktes (BIP)  in China hat sich weiter nur allmählich abgeschwächt. Dennoch sind die Ängste der Investoren zuletzt deutlich gestiegen, die Aktienkurse an den chinesischen Börsen erheblich gefallen. China gehört aber weiterhin zu den am schnellsten wachsenden großen Schwellenländern. Das BIP-Wachstum stieg im Jahresvergleich im ersten Quartal 2012 um 8,1 Prozent nach 8,9 Prozent im vierten Quartal 2011. Die Pekinger Führung strebt als Wachstumsziel die 7,5-Prozent-Marke an. Angesichts der Tatsache, dass die Regierung zumeist ihre offiziellen Zielmarken übertreffen konnte, gehen wir von einer Wachstumsrate um acht Prozent aus, was einer maßvollen Abschwächung entsprechen würde. Sinkende Ölpreise und Lebensmittelkosten haben zudem die Inflation zuletzt kräftig abgebremst. Damit erhält die People’s Bank of China größeren Zinssenkungs-spielraum. Zudem kann die Notenbank die Banken dazu auffordern, mehr Kredite zu ver-geben, und dies durch eine Senkung der Mindestreservesätze unterstützen.

 

Sie sehen mittelfristig weiterhin gute Chancen für Asien-Investoren. Inwieweit spielt hierfür die lokale Politik eine Rolle?

 

Mark Mobius: Ich erwarte eine deutlich zunehmende Kooperation nicht nur innerhalb der ASEAN-Staaten, sondern auch darüber hinaus, etwa mit Südkorea, Taiwan und vor allem China. Angesichts der Tatsache, dass der interkontinentale Handel so stark gewachsen ist, dass sich die größten Handelspartner Chinas in seinem unmittelbaren Umfeld befinden, sehe ich eine hohe Wahrscheinlichkeit dafür, dass zwischen den wichtigsten asiatischen Volkswirtschaften eine Art „asiatisches Schengen-Abkommen“ zustande kommen wird. Nach diesem Muster könnte zusätzlich auch ein weiter reichendes Freihandelsabkommen geschlossen werden, welches durch Zollreduktionen und der Abschaffung übriger Handelshemmnisse einen relativ freien asiatischen Binnenmarkt errichtet. Das würde einen neuen Wachstumsboom in der Region auslösen. Nehmen sie etwa das Beispiel der Automobilindustrie: Es macht ökonomisch nicht viel Sinn, dass jedes asiatische Land eigene Assembling-Fabriken aufbauen und unterhalten muss. Je nach bestimmten Bauteilen könnte die Endfertigung in einigen großen Fabrikszentren in jenen Ländern konzentriert werden, die dafür am besten geeignet erscheinen. 

 

 

Gab es hier zuletzt Fortschritte?

 

Mark Mobius:              Durchaus, allerdings vor allem auf bilateraler Ebene. So war der thailändische Premier Yingluck Shinawatra im März zu einem Besuch in Südkorea, wobei die beiden Nationen Vereinbarungen in den Bereichen Handel, Investitionen, Wassermanagement und Kernkraftforschung unterzeichneten. Beide Länder beschlossen zudem eine Ausweitung des bilateralen Handels auf 30 Milliarden US-Dollar bis 2016. Außerdem traf der chinesische Präsident Hu Jintao Präsident Lee Myung-Bak in Seoul im Rahmen der andauernden Bestrebungen zur Stärkung der bilateralen Beziehungen und Zusammenarbeit. Der chinesische Präsident Hu Jintao und der indische Premier Manmohan Singh trafen sich darüber hinaus zu Gesprächen und sprachen sich für eine weitere Entwicklung der bilateralen Beziehungen aus.

 

Wie sieht es in anderen wichtigen asiatischen Ländern aus?

 

Mark Mobius: Die indische Zentralbank hat die Zinsen erstmals seit drei Jahren gesenkt, um die inländische Wirtschaft angesichts der konjunkturellen Abkühlung zu unterstützen. Die Reserve Bank of India senkte den Reservesatz im April um 50 Basispunkte auf 8,0 Prozent. Die Inflation war leicht rückläufig, was diesen Prozess weiter unterstützen wird. Allerdings hat die Ratingagentur Standard & Poor’s den Ausblick für Indien von stabil auf negativ gesetzt und den Schritt mit der Abschwächung der Wirtschaftsindikatoren und den langsamen Fortschritten bei der Umsetzung der Fiskalreformen begründet. In der Tat hat das Land mit relativ hohen Defiziten seines Staatsbudgets bzw. seiner Leistungsbilanz zu kämpfen. Das Wachstum hat sich abgeschwächt und die Regierung geht von einem Rückgang auf unter sieben Prozent aus. Damit liegt das BIP dennoch höher als in vielen anderen Schwellenländern. Allerdings haben zuletzt Vorschläge zur Einführung von Bestimmungen gegen die Steuerumgehung und steuerliche Offshore-Transaktionen Ungewissheit ausgelöst und die ausländischen institutionellen Zuflüsse in den indischen Markt beeinträchtigt. Immerhin sollt-en die infrastrukturabhängigen Sektoren von den jüngsten Regierungsinitiativen profitieren. Neben einem Ausbau der Investitionsausgaben könnte sich Indiens Exportleistung aufgrund des jüngsten Wertverfalls der Rupie verbessern. Wegen des Leistungsbilanzdefizits ist das Land jedoch von externen Quellen für Rohstoffimporte und Kapitalzuflüsse abhängig. In Südkorea ist das Wachstum zuletzt unter die drei-Prozent-Marke gefallen. Dagegen läuft es etwa in Thailand, Malaysia oder Indonesien weiterhin gut.

 

Der von Mark Mobius gemanagte Templeton Asia Growth Fund 

(ISIN: LU0128522157) notiert trotzt Finanzkrise(n) im Bereich seiner Höchststände

 

Sie haben sich zuletzt kritisch über einige Maßnahmen der Regierung Brasiliens geäußert. Warum?

 

Mark Mobius: Die brasilianische Regierung verfolgt ein durchaus legitimes Ziel, nämlich den Abbau der immer noch relativ hohen Arbeitslosigkeit. Dazu wurde ein Paket über 35 Milliarden US-Dollar zur Förderung des Industriesektors und zur Belebung des Wirtschaftswachstums angekündigt. Steuervergünstigungen und -anreize sowie die Bereitstellung von Mitteln für subventionierte Kredite gehören zu den wichtigsten Maßnahmen. Allerdings betreibt die brasilianische Regierung eine stark staatsinterventionistische Wirtschafts- und Arbeitsmarktpolitik. So sollen der Staatsapparat, also z.B. die Zahl der Beamten, aber auch der jener Staats-bediensteten ohne Beamtenstatus, deutlich aufgebläht werden. Um neue Sozialprogramme auflegen zu können, etwa um die Einkommen der Ärmsten zu steigern, sollen die Steuern für die großen Staatskonzerne, die allerdings auch private Aktionäre haben und an der Börse notieren, erhöht werden. Damit werden aber auch ausländische Investoren abgeschreckt. Unserer Meinung nach sollte die Regierung genau das Gegenteil tun- also nicht den Staats- und Steueranteil erhöhen, sondern diesen senken. Denn bei Steuersenkungen kann ein Staat von der sogenannten Laffer-Kurve (beschreibt den Zusammenhang zwischen Steuersatz und Steuereinnahmen) profitieren, das heißt, die gesamten Steuereinnahmen steigen eine bestimmte Zeit, nachdem die Steuern gesenkt wurden. Denn dann steigen auch die Produktivität und das Wachstum der Industrie. Statt dessen werden ausländische Investoren an die Kandare genommen, indem der Investitionsquote Obergrenzen auferlegt werden - so dass es z.B. Probleme für die großen Ölförderplattformen gibt, die ihre Preise massiv erhöhen müssen. Es wäre weit klüger, Rohstoffpreise  von Natur aus steigen zu lassen, und zwar in Abhängigkeit vom zunehmenden Bedarf. Denn viele ausländische Firmen wären schon von Haus aus daran interessiert, ihre Aktivitäten in Brasilien zu steigern. Dagegen beschränkt die Regierung das Engagement der Investoren aus dem Ausland in als „strategisch“ bezeichneten Bereichen der Wirtschaft und verhindert somit, dass genügend Rohstoffe zu möglichst günstigen Preisen auf den Markt kommen können.

 

Wie läuft Brasiliens Konjunktur aktuell?

 

Mark Mobius: Im Februar stieg die Industrieproduktion im Jahresvergleich um 1,3 Prozent. Damit wurde der Rückgang um 1,5 Prozent im Vormonat wieder kompensiert, der zum Teil auf die Überschwemmungen im Januar zurückging. Die Inflation setzte ihren Abwärtstrend fort, wobei der Verbraucherpreisindex im Jahresvergleich von 5,9 Prozent im Februar auf 5,2 Prozent im März zurückging. Die Zentralbank senkte den Leitzins um 75 Basispunkte auf 9,0 Prozent, um so die Binnenwirtschaft zu fördern. Während des derzeitigen Lockerungszyklus hat die Bank den Leitzins insgesamt um 350 Basispunkte von 12,5 auf 9,0 Prozent reduziert. Dennoch läßt das BIP-Wachstum weiter nach und könnte das Regierungsziel von rund fünf Prozent verfehlen.

 

Sie sagten kürzlich, dass Afrika eine große Zukunft vor sich haben wird. Wie sehen Sie aktuell den Kontinent?

 

Mark Mobius: Angesichts der bereits laufenden politischen Umwälzungen, ein Prozess der wohl noch einige Jahre weitergehen wird, gibt es Grund für Optimismus, denn ein Vormarsch der Demokratie könnte in manchen Ländern Afrikas schon von sich aus die Wirtschaft ankurbeln. Ausländische Investoren würden größeres Zutrauen z.B. in die Rechtssicherheit fassen und ihre Investments massiv erhöhen. Der Kontinent verfügt über reiche Rohstoffvorkommen, die zu einem Großteil noch nicht entwickelt sind, darunter Öl und Gas, verschiedene Metalle und Mineralien, sowie über umfangreiche Agrarflächen. Dieser Reichtum zieht globale Investoren an, vor allem aus Schwellenländern wie China, Indien und Brasilien. Diese Investoren sind auf der Suche nach Rohstoffen für die Entwicklung ihrer eigenen Wirtschaft sowie nach Märkten für ihre Industrien. Im Gegenzug erhalten die afrikanischen Länder die so dringend benötigte Infrastruktur, wie z.B. Transportanbindungen, Kraftwerke, Schulen und Krankenhäuser, sodass auch eine weitere große Ressource Afrikas – eine große und junge Bevölkerung – ins Spiel kommt. Durch Bildung, Mobilität und den Zugang zu Kapitalressourcen werden die Perspektiven und die Produktivität von mehr als einer Milliarde Menschen mit einem Durchschnittsalter von nur 20 Jahren dramatisch steigen. Dieser positive Kreislauf zeigt bereits Wirkung. In den zehn Jahren bis 2010 befanden sich sechs der am schnellsten wachsenden Volkswirtschaften in Afrika. Für die nächsten fünf Jahre prognostiziert der Internationale Währungsfonds ein BIP-Wachstum in Subsahara-Afrika als Ganzes von über fünf Prozent. In einzelnen Ländern wie Nigeria, Ghana und Kenia werden sogar noch stärkere Zuwachsraten erwartet. Ein Wachstum in dieser Größenordnung lässt eine aufstrebende Mittelschicht sowie dynamische inländische Volkswirtschaften entstehen, wodurch sich Gelegenheiten für Konsumunternehmen ergeben und gleichzeitig ein gewisser Schutz vor den Problemen der Industrieländer in Europa besteht.

 

Welchen Ländern geben Sie positive Noten?

 

Mark Mobius: Da fällt mir z.B. Nigeria ein. Nigeria ist das zweitgrößte Land in Subsahara-Afrika und verfügt über umfangreiche natürliche Ressourcen, deren Nutzung derzeit jedoch durch mangelnde Infrastruktur, vor allem im Energiebereich, erschwert wird. Das reformierte Bankensystem bietet eine interessante Möglichkeit für Investments  in einer schnell wachsenden Binnenwirtschaft, und bei Voranschreiten der regulatorischen Reformen halten wir nach Gelegenheiten in anderen Bereichen Ausschau. Denn die Reform des Bankwesens hat eine Welle der Konsolidierung ausgelöst, in deren Folge gute geführte und finanzierte Banken mit attraktiven Bewertungen entstanden sind. Kenia, das nach den schweren politischen Unruhen 2007 eine neue Verfassung erhalten hat, ist einerseits attraktiv aufgrund seiner umfangreichen Naturgüter, andererseits aber auch als Ausgangspunkt für einen Großteil der Investitionen im übrigen Afrika. Ein gut regulierter Telekommunikationsmarkt ermöglicht ein Engagement im Bereich des Mobilfunks, und darüber hinaus bieten sich auch Möglichkeiten in Einzelhandel und im Banksektor.

 

Wie geht es dem am besten entwickelten Markt in Südafrika?

 

Mark Mobius: Weiterhin recht gut. Die südafrikanische Zentralbank hat ihren Leitzins Ende März unverändert bei 5,5 Prozent belassen. Die Inflation war im Februar erstmals seit über einem Jahr rückläufig, und auch im März setzte sich der Abwärtstrend fort, was vor allem an den niedrigeren Lebensmittelpreisen lag. Der Verbraucherpreisindex schwächte sich im Jahres-vergleich von 6,3 Prozent  im Januar auf 6,0 Prozent im März ab. Somit näherte sich die Inflationsrate der Zielspanne der Zentralbank von 3,0 bis 6,0 Prozent an. Vor allem dank der höheren Lebensmittel- und Metallproduktion beschleunigte sich das Produktionswachstum im verarbeitenden Gewerbe. Es erreichte im Februar im Jahresvergleich einen Zuwachs von 4,1 Prozent nach 2,3 Prozent im Januar. Die Lebensmittelproduktion erhöhte sich um 8,9 Prozent, die Produktion der Basismetalle um 7,3 Prozent (jeweils gegenüber dem Vorjahr). Dagegen war die Zunahme der Einzelhandelsumsätze, die über zehn Prozent des BIP ausmachen, im Februar rückläufig. Sie erreichte im Jahresvergleich 3,5 Prozent nach 5,2 Prozent im Januar. Offizielle Vertreter Südafrikas und Chinas trafen sich im April zu Gesprächen über eine Stärkung der bilateralen Zusammenarbeit.

 

Wie schätzen Sie andere große Länder in den Emerging Markets ein?

 

Mark Mobus: Das BIP-Wachstum in Russland entwickelte sich weiterhin robust. Das Wachstum von 4,8 Prozent 2011 gegenüber dem Vorjahr entsprach im Wesentlichen dem Niveau der Vorquartale. Der Internationale Währungsfonds hat seine Wachstumsprognose für 2012 von 3,3 auf 4,0 Prozent gegenüber dem Vorjahr angehoben. Die Zentralbank setzte ihre neutrale Geld-politik fort und ließ den Leitzins unverändert bei 8,0 Prozent. Das Wachstum der Industrie-produktion schwächte sich im März ab, zum Teil aufgrund der rückläufigen Aktivität im verarbeitenden Gewerbe. Die Produktion stieg im März um 2,0 Prozent nach einem Plus von 6,5 Prozent im Februar (jeweils im Jahresvergleich). Auch in der Türkei haben sich einige Wachstumsindikatoren zuletzt abgeschwächt. Das BIP-Wachstum sank von 8,4 Prozent im 3. Quartal auf 5,2 Prozent im Jahresvergleich, was auf das geringere Wachstum in den meisten Wirtschaftssegmenten (darunter Investitionen, privater Konsum und Export) und den Rück-gang der Staatsausgaben zurückzuführen war. Bezogen auf das Gesamtjahr 2011 wuchs das BIP um 8,5 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Die Inflation lag im März den dritten Monat in Folge im zweistelligen Bereich, wofür höhere Preise für Alkohol, Tabak und Lebensmittel verantwortlich waren. Die Verbraucherpreise erhöhten sich im März und Februar im Jahres-vergleich um 10,4 Prozent. Trotz der hohen Inflation ließ die Zentralbank ihren Leitzins im April unverändert auf dem Rekordtief von 5,75 Prozent. Premierminister Recep Tayyip Erdogan unternahm eine viertägige Reise nach China – der erste offizielle Besuch eines türkischen Premiers in China seit über 25 Jahren. Bei einem Treffen mit dem chinesischen Premier Wen Jiabao sprachen sich beide für eine verstärkte bilaterale Zusammenarbeit aus und unterzeichneten in diesem Zusammenhang Vereinbarungen für Bereiche wie Handel, Investitionen und Kernkraft.

 

Wie wirkt sich die Euro-Schuldenkrise in Europa auf die Emerging Markets aus?

 

Mark Mobius: Bislang nur wenig. Als Gesamtheit werden die Schwellenländer 2012 rund fünf Prozent wachsen- deutlich mehr als die rund ein Prozent für die Industriestaaten. Sollten allerdings die USA und EU-Europa in eine Depression absacken und das BIP in diesen Wirtschaftsregionen effektiv schrumpfen, dann hätte dies schwere Auswirkungen auch auf die Emerging Markets, denn der Welthandel würde ebenfalls schrumpfen. Ein solches Szenario schätzen wir jedoch als wenig wahrscheinlich ein. Bisher sind die Auswirkungen der Euro-Krise mehr psycholog-isch als materiell.