Kommentare & Expertenmeinungen | Interview
31.10.2019

"Entscheidend ist, zur richtigen Zeit investiert zu sein"

Für Torsten Reidel, Geschäftsführer des Vermögensverwalters Grüner Fisher Investments, ist die Gewichtung der Assetklassen maßgeblich für die langfristige Performance, weniger die Titelwahl. So könnten Kunden selbst in diesen Niedrigzinszeiten reale Ertragsziele erreichen, ohne dass sie ihre Sicherheitsbedürfnisse über Bord werfen müssen.

von Kay Schelauske

Torsten Reidel, Geschäftsführer Grüner Fisher Investments

Torsten Reidel, Geschäftsführer Grüner Fisher Investments

Foto: Grüner Fisher

FONDS exklusiv: Das globale Wirtschaftswachstum verliert an Dynamik. Rezessionsängste nehmen vielerorts zu. Der Handelskonflikt zwischen den USA und China belastet ebenso wie der nahende harte Brexit und politische Spannungen im Nahen Osten und Iran. Lediglich die Notenbanken sorgen mit ihrer „Politik des billigen Geldes“ immer wieder für Entspannung. Ist Grüner Fisher für Aktien noch bullish gestimmt oder sind Sie schon ins Lager der Bären gewechselt?

Torsten Reidel: Wir sind nach wie vor positiv für die Aktienmärkte gestimmt. Denn die fundamentale Lage der Weltwirtschaft ist deutlich besser, als es die mediale Stimmung vermuten lässt. Nach unserer Überzeugung bilden die gerade von Ihnen aufgezählten Konflikte und Krisen eine Mauer der Angst, an der die Märkte weiter klettern können.

 

FONDS exklusiv: Wie meinen Sie das genau?

T. R.: Jedes dieser Ereignisse reicht zwar aus, um eine kurzfristig hohe Volatilität an den Aktienmärkten auszulösen. Sie werden die Lage aber nicht derart verschärfen, dass der laufende globale Bullenmarkt ein abruptes Ende findet. Denn entweder sind die Probleme in ihrem Ausmaß zu gering, wie der angesprochene Handelskonflikt oder sie sind bereits an den Märkten eingepreist wie die Brexit-Diskussion. Gleichwohl wissen wir, dass sich die Börsen in den letzten Zügen, zumindest im letzten Drittel des Bullenmarktes, bewegen. 

FONDS exklusiv: Das Ende des Bullenmarktes steht noch nicht bevor?

T. R.: Richtig, denn Bullenmärkte enden gewöhnlich in einer großen Euphorie, während Bärenmärkte mit leichten stetigen Kursverlusten oft unbemerkt von Anlegern beginnen. An den Börsen erleben wir derzeit aber Kursverluste von in der Spitze bis zu sieben Prozent in relativ kurzer Zeit. Das spricht klar für Marktkorrekturen, aber nicht für den Beginn eines Bärenmarktes.


FONDS exklusiv: Welche Voraussetzungen müssen gegeben sein, damit Ihnen eine Aktie gefällt?

T. R.: Die Aktien müssen einen Mix an Voraussetzungen erfüllen, wie zum Beispiel eine solide Bilanz, eine hohe Bruttogewinnmarge, ein stetiges Umsatz- und Gewinnwachstum, eine überzeugende Dividendenrendite und aktuell vor allem eine hohe Marktkapitalisierung. Denn diese großen, vielfach bekannteren Titel laufen in der Endphase eines Bullenmarktes besser und werden am beginnenden Bärenmarkt gerade auch von nicht so erfahrenen Anlegern verstärkt gehalten. Für die langfristige Performance ist aber nicht die Titelauswahl maßgeblich, sondern zu 70 Prozent die Zusammensetzung der Assetklassen.

FONDS exklusiv: Warum ist der Anlagemix von so großer Bedeutung?

T. R.:
Solange ein Bullenmarkt intakt ist, wollen wir nahezu voll in den Aktienmärkten investiert sein. Denn mit dieser Anlageklasse lassen sich langfristig die höchsten Renditen erzielen. Entgegengesetzt ist die Lage im Bärenmarkt. Dann verringern wir die Aktienquote weitestgehend und legen stattdessen verstärkt in Anleihen und Cash an. Entscheidend ist daher, zum richtigen Zeitpunkt an der Seitenlinie zu stehen beziehungsweise an der Börse investiert zu sein und nicht die Frage, ob man beispielsweise Aktien von Coca-Cola oder Pepsi im Depot hält.

FONDS exklusiv: Wie gehen Sie konkret vor?

T. R.:
Ausgehend von einem globalen Aktienuniversum auf Basis des Weltindexes MSCI World verfolgen wir bei Grüner Fisher einen Top-Down-Ansatz. Wir bestimmen also zuerst die Gewichtung der Assetklassen und erst danach selektieren wir nach Ländern, Branchen und Unternehmensgrößen. So sind wir aktuell in den Sektoren Technologie, Energie und Pharma übergewichtet, weil diese Branchen in der aktuellen Phase am stärksten profitieren sollten.

FONDS exklusiv: Wie steuern Sie die Zusammensetzung des Portfolios?

T. R.: Maßgeblich für die Portfolio-steuerung sind unsere Erwartungen, wie sich vor allem die Aktienmärkte in den kommenden zwölf Monaten entwickeln werden. Hier greifen wir auf ein starkes Research unseres amerikanischen Partners und Mitgesellschafters Ken Fisher zurück. Die festgelegte Aktienquote nutzen wir, je nach Risikoneigung der Kunden, zu 90 bis 95 Prozent aus. Ergänzend investieren wir in Pfandbriefe, Staats- und Unternehmensanleihen und in Cash, sichern aber auch in Bärenmärkten durch Short-ETF ab. Wir halten immer eine Mindestquote an Aktien. Denn auch wir können mal falsch liegen.

FONDS exklusiv: Wie war es Ende 2018 als die Aktienmärkte plötzlich und kräftig einbrachen?

T. R.: Für uns war es eine notwendige Korrektur in einem weiter intakten Bullenmarkt. Viele Kunden haben das erwartungsgemäß anders gesehen und wollten – einen Bärenmarkt vor Augen – schnellstmöglich aus den Aktienmärkten raus. Aber der Schritt muss gewichtige Gründe haben. Kommt er zu früh, verursachen Spreads, Transaktionsgebühren und Steuern unnötig hohe Kosten, und ein Wiedereinstieg ist dann nur zu erhöhten Kursen möglich. Auch deshalb sind wir hier langfristiger ausgerichtet und nehmen Korrekturen schon mal für ein paar Wochen oder Monate mit – und sehen inzwischen bereits, wie sich die Einbrüche nivelliert haben. 

FONDS exklusiv: Okay, aber wie nehmen Sie Ihre Kunden in solchen schwierigen Marktsituationen mit, Herr Reidel?

T. R.: Wir sind natürlich Vermögensverwalter, aber ich sehe uns stärker noch als Risikomanager. Dazu gehört auch, den Kunden vor seinen eigenen Emotionen zu schützen. Denn Stimmungen können zu irrationalen Entscheidungen führen, wie bei Kurshöchstständen zu investieren oder bei Kurseinbrüchen die Wertpapiere zu verkaufen. Deshalb hat jeder Kunde seinen persönlichen Berater, der in solchen Situationen auch aktiv das Gespräch sucht und Fakten bereitstellt, die unser Handeln begründen. Meistens führt die verbesserte Informationslage dazu, dass die Emotionen zurücktreten und die Vernunft siegt. Unser primärer Job ist es nicht, immer den konkreten Wünschen unserer Kunden zu entsprechen, sondern ihre Vermögensziele zu erreichen. 

FONDS exklusiv: Bei vielen Anlegern steht Gold wieder hoch im Kurs, weil es in diesen unruhigen Zeiten als „sicherer Hafen“ geschätzt wird. Aber der Goldpreis ist zuletzt stark gestiegen. Wie bewerten Sie diese Assetklasse?

T. R.: Ja, Gold erlebt gerade einen Höhenflug. Zurückblickend betrachtet, zeigt sich aber, dass Edelmetalle über lange Zeiträume seitwärts laufen. Sobald die eingangs zitierte Mauer der Angst anfängt, stärker zu bröckeln, dürfte es für den Goldpreis Gegenwind geben. Wir sind derzeit nicht in Gold investiert, da wir uns wie gesagt noch im Bullenmarkt bewegen und Edelmetalle, allen voran Gold, hier keine Alternative zu Aktien darstellen. Im Bärenmarkt kann dies im Sinne einer Beimischung durchaus anders sein.

FONDS exklusiv: Viele Verbraucher wollen, dass ihr Kapital sicher angelegt ist und ein reales Plus erbringt. Tatsächlich erzielen sie häufig Verluste, weil sie an Spareinlagen festhalten, deren Minizinsen von Preissteigerungen aufgezehrt werden. Wie können Sparer aus diesem Dilemma ausbrechen?

T. R.: Anleger lassen sich hierzulande von der Schwankungsbreite der Aktien abschrecken. Dabei wäre ihr Kapital in Sachwerten wie Aktien und Immobilien sicherer angelegt, weil es gegen Inflation geschützt ist. Ein jährliches Plus von fünf Prozent ohne Anlagerisiken lässt sich im heutigen Niedrigzinsumfeld aber nicht erzielen. Am Schluss bleiben Anlegern nur zwei Möglichkeiten: Sie korrigieren ihr Renditeziel oder passen ihre Anlagestrategie an. Dabei unterstützen wir Kunden, zum Beispiel indem wir den Wunsch nach Sicherheit konkretisieren. So gilt der Wunsch nach Kapitalerhalt häufig erst auf lange Sicht. Zwischenzeitige Kurseinbrüche können somit in bestimmtem Umfang akzeptiert werden. Dies eröffnet uns Anlageoptionen, sodass Kunden ein für sie akzeptables Ertragsziel erreichen können, ohne hierfür auf die gewünschte Sicherheit verzichten zu müssen.

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