Kommentare & Expertenmeinungen | Interview
10.10.2018

Globale Aktien: Wann kommt der Zyklusumschwung?

Neun Jahre nach Beginn des Konjunkturzyklus seit der Finanzkrise fragen sich viele Anleger, wann dem Wirtschaftsaufschwung die Puste ausgeht und wann mit der nächsten Rezession zu rechnen ist. Wir haben Frank Schwarz, Fondsmanager des MainFirst Global Equities Fund, dazu befragt.

von Wolfgang Regner

Frank Schwarz, Fondsmanager MainFirst

Frank Schwarz, Fondsmanager MainFirst

Foto: MainFirst

FONDS exklusiv: Wie sieht Ihr Investmentprozess aus? Verwenden Sie auch Daten aus dem Global-Makro-Bereich, also etwa das Wachstum des Bruttoinlandsproduktes oder der Industrieproduktion?

Frank Schwarz: Da niemand eine Rezession oder einen Börsencrash verlässlich vorhersagen und der aktuelle Bullenmarkt auch noch drei bis fünf Jahre länger dauern kann, beschäftigen wir uns nicht mit Global Makro-Prognosen. Stattdessen stützen wir uns auf eine rein bottom-up-getriebene Unternehmensauswahl sowie ein technisches Indikatorenmodell, das wir für das Hedging verwenden, sollte eine Absicherung einmal notwendig werden. Für jede der drei großen Investmentregionen – Asien, USA und Europa – nutzen wir dieselben vier Indikatoren. In Asien sind derzeit nur drei Indikatoren positiv, daher haben wir hier ein Viertel abgesichert, in Europa sogar die vollen 100 Prozent, da alle Indikatoren negativ sind. Nur in den USA blinkt noch alles auf Grün. Insgesamt liegt unsere Netto-Aktienquote derzeit bei 60 Prozent, 40 Prozent sind abgesichert, vor allem wegen der Warnsignale aus Europa. 2017 dagegen waren wir stets voll investiert. Würde aber der DAX um fünf Prozent steigen, wären wir in Europa wieder zu 100 Prozent investiert. Die von uns identifizierten strukturellen Investmentthemen bestimmen den Portfolio-Kern, dieser wird vom Indikatorenmodell und der darauf aufbauenden Absicherung überlagert. Das Hedging erfolgt über Index-Futures.

FONDS exklusiv: Können Sie die Funktionsweise des Indikatorenmodells näher erläutern?

 

F.S.: Die Indikatoren funktionieren wie ein Trendfolgesystem, denn das technische Markttiming mittels Trend Following hat bisher gut funktioniert. Nur bei volatil seitwärts laufenden Börsen, also einem „Sägezahnmarkt“, bekämen wir Probleme. Da alles mit den USA steht und fällt würden wir, wenn dort eines der vier Ampelsignale auf Rot springt, mit der Absicherung beginnen. Also etwa, wenn der S&P 500 Index um fünf Prozent fällt. Nach einem Kursrückgang um zehn Prozent wären auch die USA voll abgesichert. Die wichtigsten Indikatoren sind: die 200-Tages-Durchschnittslinie, fällt der Index unter diese Linie, ist das ein negatives Zeichen, während ein Steigen positiv bewertet wird. Darüber hinaus ist auch eine nach unten abfallende 200-Tages-Linie ein Warnsignal, wobei eine steigende Linie gerne gesehen ist. Wenn die 50-Tages-Linie die 200-Tages-Linie von unten nach oben kreuzt, ist das ebenfalls wünschenswert. Umgekehrt ist ein Durchstoßen des 200-Tages-Durchschnitts von oben nach unten negativ. Dazu kommt noch ein vierter, recht ähnlich funktionierender Indikator. Wären also etwa zwei dieser vier Indikatoren negativ, würden wir in dem entsprechenden Markt zur Hälfte absichern.

FONDS exklusiv: Wie finden Sie Ihre Unternehmen?

F.S.: Unsere Portfoliokandidaten finden wir mit einem reinen Bottom-up-Selektionsprozess. Die Steuerung der darauf aufbauenden Assetallokation erfolgt rein technisch und nicht über Fundamentaldaten. Was die Unternehmensauswahl anbelangt, so ist unser Ziel, die besten Unternehmen der Zukunft im Portfolio zu haben. Wir erwarten von einem Kandidaten ein organisches Umsatzwachstum von mindestens 20 Prozent pro Jahr für die kommenden fünf Jahre, denn wir haben festgestellt, dass die Aktienperformance sich ähnlich wie der Umsatz entwickelt. Wichtig ist: Die Finanzierung muss gesichert sein, dann kommen die Gewinne schon noch nach. Das funktioniert aber nur, wenn die entsprechenden Unternehmen in einem Megatrend operieren. Denn uns interessiert nur langfristig strukturelles Wachstum. Die Grundüberlegung lautet: Welche Firmen haben den größten Wert bzw. das größte Wachstumspotenzial bis 2025? Das beschert uns zwar ein höheres KGV als etwa viele Titel des MSCI World Index haben, aber dafür ein deutlich höheres Gewinnwachstum, und geringere Verluste in einem Bärenmarkt. Wir haben eine ganze Reihe langfristiger Trendthemen identifiziert: die Robotik, autonomes Fahren, bargeldloses Bezahlen, die personalisierte Medizin, E-Mobilität, digitale Werbung, Halbleiter, künstliche Intelligenz und den E-Commerce, Luxusgüter und das Gesundheitswesen. Wichtig ist zu bedenken, dass die Adaptionsdauer neuer Technologien sinkt und in früheren Zyklen die Preise für Zukunftstechnologie rasant gefallen sind, was zum Teil riesige Skaleneffekte sowie exorbitante Umsatzsteigerungen ermöglicht. Diese kommen aber nur bei den Marktführern an – und diese gilt es, zu identifizieren.

FONDS exklusiv: Alle Megatrends funktionieren aber nicht immer zu jeder Zeit gleichzeitig, etwa, wenn man sich die Healthcare-Branche oder die Nahrungsmittelbranche ansieht. Diese werden von den Anlegern noch immer verschmäht, obwohl das Wachstum wegen der positiven Demografie deutlich stärker als jenes der Weltwirtschaft ist…

F.S.: Ja, das kommt daher, dass die Investoren auf die falschen Healthcare-Titel gesetzt haben. Wir meiden etwa die großen Pharmawerte und kaufen nur Titel, bei denen es keine Patentprobleme, kein Generika-Risiko und kein Klagerisiko gibt. Beispiele wären der Spezialist für Augenheilkunde Carl Zeiss Meditec (der graue Star ist dank Smartphones und Computerbildschirmen im Vormarsch), oder Illumina – die Amerikaner haben einen Weltmarktanteil von 70 Prozent bei DNA-Sequenzierautomaten. Auch Internetapotheken werden der Renner werden, denn allein die Kosten für den Postversand von Medikamenten samt weiteren Verwaltungskosten bei den Krankenkassen nur in Deutschland betragen stolze 800 Millionen Euro. Im Gegensatz dazu steht Bayer, welches nun kein reines Healthcare-Unternehmen mehr ist. Ich fürchte, dass der Absturz der Aktie noch weitergeht. Da sind einerseits milliardenschwere Schadenersatzklagen in den USA gegen die Bayer-Tochter Monsanto, andererseits glaube ich, dass das wichtigste Produkt der neuen Tochter, der Unkrautvernichter Round Up (Glyphosat), völlig vom Markt verschwinden wird. Damit fällt der Hauptvorteil dieses Mittels, denn dann benötigen die Bauern kein Saatgut von Monsanto mehr und können bei anderen Anbietern günstiger einkaufen.

FONDS exklusiv: Welche Bereiche meiden Sie?

F.S.: Vor allem Versorger, Banken, Autos mit Dieselantrieb, Werbeagenturen, TV-Sender, Stahl, Öl, Telekom, Pharma (dreimal höhere Medikamentenpreise in den USA gegenüber Europa sind nicht nachhaltig), und Tabak. Nehmen wir als Beispiel die Werbeeinnahmen mit einem globalen Volumen von 300 Millionen Dollar. Derzeit hält Google davon 33 Prozent beziehungsweise rund 100 Millionen Dollar, Facebook 45 und Amazon acht Millionen. In fünf Jahren werden alle drei bei 150 Millionen liegen – wo ist also das Wachstum? Jedenfalls nicht bei den traditionellen Werbeagenturen. Bei Facebook wird z. B. Instagram stark unterschätzt – dort explodiert gerade der Werbebereich.

FONDS exklusiv: Warum sehen Sie in Europa offenbar erhebliche Probleme?

F.S.: Wir haben eine teaminterne Blacklist, da stehen alle Sektoren und Sektorunternehmen darauf, die wir nicht haben wollen. Ein typisches Beispiel wären Versorger oder Banken. 60 Prozent dieser schwarzen Liste sind im Euro Stoxx 50-Index enthalten. Aber natürlich haben wir auch in Europa stark wachsende Unternehmen aufgespürt – außerhalb des Index.

 

FONDS exklusiv: Warum sind Sie für Amazon so positiv eingestellt? Die Aktie ist ja schon sehr teuer geworden…

F.S.: Ja, aber die Gewinne bei Amazon kommen jetzt erst richtig ins Laufen. Wir glauben, dass Amazon noch zehn Jahre ein profitables Umsatzwachstum von 20 Prozent pro Jahr erzielen kann. Denn neue Geschäftsbereiche, etwa die Webserver (Cloud-Computing), E-Kredite oder auch die Internet-werbung fangen erst so richtig zu laufen an. Amazon plant auch ins Supermarktgeschäft einzusteigen – mit Filialen ohne einen einzigen Mitarbeiter – alles läuft vollautomatisch. In der nächsten Finanz- oder sonstigen Krise wird sich Amazon jedenfalls besser halten als viele Nicht-Technologietitel bzw. auch als so manche Hightech-Werte. Dagegen schwächt sich bei Google das Wachstum ab. Ein Plus von 20 Prozent pro Jahr beim Umsatz werden sie wahrscheinlich nur mehr ein bis zwei Jahre lang erreichen. Auch bei Apple flaut der Hype langsam ab. Beim iPhone 6 campierten die Käufer noch die Nacht hindurch vor dem Apple-Store, um sich eines der heißbegehrten Smartphones zu sichern. Da gab es Wachstumsraten von 30 Prozent pro Jahr und mehr. Nun ist sogar ein Negativwachstum möglich, denn global gesehen ist im letzten Quartal 2017 bereits die Anzahl der weltweit verkauften Smartphones gegenüber dem Vorjahresquartal gesunken. Favoriten dagegen sind der Software-spezialist Adobe (auch im Bereich digitaler Werbung aktiv) oder auch der Flugzeugturbinenbauer MTU. Letzterer hat sich Aufträge für acht Jahre im Voraus gesichert und der Umsatz 2050 ist (mit einer Abweichung von zehn Prozent) jetzt schon berechenbar.

FONDS exklusiv: Was halten Sie von dem umstrittenen US-E-Automobil-Pionier Tesla?

F.S.: Wir sind gegenüber Tesla sehr positiv eingestellt. Denn Tesla ist in den USA der mit Abstand führende E-Mobil-Hersteller. Die Probleme mit dem ersten Volumenmodell Model 3 dürften größtenteils gelöst sein, und so kann Tesla nun voll durchstarten. Alles steht und fällt aber mit Elon Musk – würde er seinen Hut bei Tesla nehmen, würden wir sofort verkaufen. Er ist ein ähnlicher Visionär wie Steve Jobs mit seinem iPhone. Zudem hat Tesla, was die Batterie anbelangt, einen Vorsprung gegenüber Europa von vier bis fünf Jahren. Eine noch bessere Batterie, und die Amerikaner wären auch hierzulande Marktführer. Audi etwa liegt bei der Batterieausstattung um fünf Jahre hinter Tesla. Die Entscheidung geht in immer mehr Ländern weg vom Diesel und hin zum E-Antrieb. Nicht bloß in Norwegen oder den Niederlanden, auch in Kalifornien ab dem Jahr 2030 und in weniger als zehn Jahren auch China. Der chinesische Automarkt ist der wichtigste der Welt – etwa zehnmal größer als der europäische. In Deutschland schrauben 600.000 Mitarbeiter an Dieselfahrzeugen herum, besser wären minus 50.000 Schrauber und plus 20.000 Programmierer. Positiv sind wir aber für den deutschen Halbleiterhersteller Infineon eingestellt. Wenn in rund zehn Jahren das selbstfahrende Auto auf den Markt kommt, dann wird man zusammen mit der Ausrüstung der E-Automobile um einen Faktor 60 bis 70 mehr Halbleiter benötigen, und Infineon ist auf diesen Sektor fokussiert. Weiter favorisieren wir Nvidia. Denn Grafikkarten werden wegen Anwendungen wie z. B. künstlicher Intelligenz immer schneller. Außerdem Alibaba, Adobe, Samsung und den Chipausrüster Applied Materials.