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24.03.2022

„In Zeiten höchster Unsicherheit ist Flexibilität gefragt“

Thorsten Schrieber, Vorstandsmitglied der DJE Kapital AG und Verantwortlicher für den Vertrieb, verweist im Interview mit FONDS exklusiv-Online auf die Folgen des Ukraine-Konflikts und der resultierenden Energie-Problematik, ohne dabei die erwartete Zinswende, die vor allem Wachstumsaktien belastet, außen vor zu lassen. Schrieber sieht auch im aktuellen Umfeld Chancen.

Thorsten Schrieber, DJE Kapital AG

Thorsten Schrieber, DJE Kapital AG

DJE Kapital AG

FONDS exklusiv: Herr Schrieber, 2021 fand eine kräftige, wenn auch holprige Konjunkturerholung allein in der Eurozone statt. Nun der Ukraine-Konflikt, was hat sich geändert?

Thorsten Schrieber:
Die Erholung im Vorjahr, aber auch der weitere konjunkturelle Aufschwung war vor allem auf das monetäre Wachstum und die fiskalpolitischen Anstrengungen zurückzuführen, um der Corona-Krise entgegenzuwirken. Seit gut drei Wochen hat sich die daraus resultierende Inflationsthematik durch den Krieg in der Ukraine potenziert.

Die Inflation steigt, ein Umstand, auf den die Notenbanken jüngst reagierten. Nun ist aber eine starke konjunkturelle Abschwächung durch den Krieg zwischen Russland und der Ukraine erwartbar. Welchen weiteren Spielraum haben die Notenbanken jetzt noch bei den Leitzinsen?

T. S.:
Ohne den Krieg in der Ukraine hätten wir fünf bis sieben Zinsschritte in den USA erwartet, und auch die EZB hätte moderat auf die Geldmenge eingewirkt. Der Krieg und die daraus resultierende Energie- und Rohstoffthematik haben alles verändert. Somit war der am 16. März verkündete sanfte Zinsschritt von 0,25 Prozent in den USA erwartbar. Alle weiteren Maßnahmen sind relativ offen. In Europa hat man weniger Spielraum für eine restriktive Geldpolitik, da sich die konjunkturelle Delle des Krieges in Europa und gerade auch in Deutschland gravierend auswirken wird. Bereits vorhandene Probleme wie die Lieferketten-Thematik werden nun um starke Preissteigerungen im Energie- und Rohstoffbereich ergänzt und in Deutschland zu einer Inflation von über sechs Prozent führen. Viele Beobachter fürchten eine Wiederkehr der Stagflation und damit eines Szenarios, das wir aus der Ölkrise der 70er Jahre kennen.

Wer sind die Profiteure, wo liegen die Risiken?

T.S.:
Die Inflationsentwicklung und erste Zinsanhebungen, wie sie insbesondere in den USA in diesem Jahr erwartet werden, belasten vor allem die Kurse von Wachstums- und Technologiewerten. Angespannt ist die Lage in vielen Industrien. Ein Beispiel: Russland verfügt über rund 40 Prozent des weltweiten Palladiums. Kommt es hier zu Lieferstopps, wird die Automobilproduktion stärker als bisher erwartet unter Druck kommen, da Palladium dann für die Katalysatorproduktion fehlt. Lieferausfälle bei Nickel könnten außerdem die Batterieherstellung in Bedrängnis bringen. Einem schwierigeren konjunkturellen Umfeld kann sich auch der Bausektor nicht entziehen. Steigende Baukosten können nicht mehr so gut weitergegeben werden. Dies wiederum führt voraussichtlich zu verengten Margen. Banken und Versicherungen werden unter den westlichen Sanktionen gegen Russland und zusätzlich unter den Verwerfungen auf der Anleiheseite zu leiden haben.

Wie könnte der längerfristige Kapitalerhalt gelingen?

T.S.:
Kapitalerhalt erscheint längerfristig am besten möglich im Value-Aktiensektor. Zum Beispiel: Ölaktien, Rohstoff­titel, Edelmetallaktien sowie Agrar- und Düngemittelaktien. Unterdurchschnittlich sollten die Risiken weiter sein im Bereich Pharma-Aktien, Telekom-Titel und Versorger. Bei den Versorgern kommt es allerdings auf das russische Lieferverhalten an. Automatismen gibt es jedoch nicht. Jeder Wert sollte sorgfältig im Rahmen eines aktiven Auswahl- und Investmentprozesses genau geprüft werden. Dies ist nicht die Zeit für passives Investieren.

Zahlreiche nachhaltige Wachstumsunternehmen verzeichneten ebenfalls größere Kursverluste in 2021. Worauf müssen Anleger in diesem Bereich achten?

T. S.:
Gerade das Thema erneuerbare Energien wurde im Rahmen der Nachhaltigkeitsdebatte teils überstrapaziert. Viel schnelles Geld floss in diesem Zusammenhang in eine überschaubare Anzahl an Branchentiteln und heizte deren Kurse kräftig an. Genauso rasch führten zuletzt schlechte Nachrichten zu größeren Verlusten. Anleger sollten breit in das Thema Nachhaltigkeit investieren. Die Tatsache, dass wir in großer Energieabhängigkeit zu Russland stehen, hat in den ersten beiden Wochen nach dem Ausbruch des Krieges in der Ukraine zu einer Kursrallye bei den klassischen grünen Titeln wie Vestas und Orsted geführt. Nach einem schwierigen Jahr 2021 scheint hier weiteres Potential in den grünen Titeln zu stecken. Unsere aktuelle Energie-Lücke wird sich mit diesen Unternehmen kurzfristig aber nicht schließen lassen.

Wie deckt Ihr Haus das Thema Nachhaltigkeit ab und wie ist die aktuelle Diskussion um Rüstungstitel zu sehen?

T. S.:
Als Unterzeichner der UN PRI berücksichtigt die DJE Kapital AG im Investmentprozess strenge Ausschlusskriterien. Hierzu zählt unter anderem der Ausschluss von Unternehmen, welche in der Produktion von kontroversen Waffen wie etwa Nuklearwaffen involviert sind. Zudem fokussieren wir uns auf Unternehmen, die ein klares Ziel darlegen, wie sie ihr Geschäftsmodell in Richtung Nachhaltigkeit entwickeln wollen. Dies kann durchaus auch ein etabliertes Unternehmen wie der deutsche Versorger RWE sein, der klare Ziele in Bezug auf seinen Energiemix der Zukunft hat. Wir begleiten alle Unternehmen und bringen uns dazu aktiv bei deren Übergang zu einem nachhaltigeren Geschäftsmodell ein. Dazu zählen etwa mehr als 600 Unternehmensgespräche pro Jahr. Das Thema Rüstung ist heikel, weil der Grat zwischen noch akzeptabel und absolut inakzeptabel schmal ist. Mit Blick auf den Krieg verändert sich die Diskussion. Eine Ausweitung staatlicher Rüstungsbudgets scheint legitim. Aber auch Rüstungsunternehmen haben einen Kapitalbedarf, den sie vom Kapitalmarkt auch einfordern müssen.

Können Sie die Aufnahme der Atomkraft in die EU-Taxonomie, die nachhaltige Investments definiert, nachvollziehen?

T. S.:
Die Entscheidung, die Taxonomie auf Atomkraft zu erweitern, ist rein politisch. Einmal mehr haben die Franzosen gezeigt, dass sie ihre Interessen oftmals sehr geschickt durchsetzen. Zielführend ist die jüngste Entwicklung nicht. Investoren haben sich schließlich damit abgefunden, im Rahmen einer sinnhaften Nachhaltigkeit nicht mehr in dieses Segment zu investieren. Zudem können beispielsweise unsere Fonds laut Verkaufsprospekt solche Titel gar nicht mehr kaufen. Das ändert auch der grüne Anstrich der EU-Kommission nicht. Aber wir sehen auch hier, dass man möglicherweise der Brückentechnologie Kernkraft eine längere Lebensdauer zubilligt, um sich von der Russland-Abhängigkeit zu lösen. Parallel muss aber enorm in Alternativen investiert werden, um sich langfristig unabhängig zu machen und das Pariser Klimaziel nicht völlig aus den Augen zu verlieren. Aber auf höhere Energie- und Rohstoffkosten müssen wir uns einstellen.

Das bringt uns zurück auf die Frage der aktuellen Strategie, dazu vielleicht ein abschließendes Wort?

T. S.:
Mittel- bis langfristig sind Aktien sicherlich die geeignete Asset-Klasse. Es braucht aber die Flexibilität eines erfahrenen, aktiven Managers, der insbesondere auch in Krisenszenarien den Nachweis erbracht hat, dass er im Sinne der Investoren dieser schwierigen Aufgabe gewachsen ist. Der von Dr. Jens Ehrhardt seit 35 Jahren gemanagte FMM-Fonds (ISIN DE0008478116) konnte in vielen Marktphasen überzeugen und hat auch im laufenden Jahr durch geschickte Titelselektion, Cash-Quotensteuerung und die Beimischung von verbrieften Rohstoffen (Gold, Silber, Palladium) kaum verloren. Fazit: In Zeiten höchster Unsicherheit ist Flexibilität gefragt.