Kommentare & Expertenmeinungen | Interview
20.06.2018

Künstliche Intelligenz: Wann wird das menschliche Gehirn überholt?

Während viele neue Technologien schon marktreif sind, so steht der Bereich Künstliche Intelligenz (KI) noch ziemlich am Anfang. Abgesehen von „Avataren“, die mehr im Kino für Furore sorgen, gibt es schon einen Fonds, der auf KI setzt. Lesen Sie mehr über die Aussichten im folgenden Interview mit Johannes Jacobi, Produktspezialist bei Allianz Global Investors.

von Wolfgang Regner

Johannes Jacobi, Produktspezialist AllianzGI

Johannes Jacobi, Produktspezialist AllianzGI

Foto: Allianz Global Investors

FONDS exklusiv: Wie sehr wird künstliche Intelligenz unsere Zukunft verändern?

Johannes Jacobi: Wir glauben, dass die Wirtschaft weltweit gerade erst jetzt beginnt, das immense Potenzial von künstlicher Intelligenz, Robotik und fortgeschrittener Automatisierung zu realisieren. Diese neu entwickelten Technologieansätze haben das Potenzial, Unternehmensprozesse grundlegend zu verändern, um mit weniger Ressourcen mehr zu erreichen, Produktionsabläufe zu optimieren und Produktqualitäten zu verbessern, bei gleichzeitig steigender Rentabilität. Höhere Unternehmensinvestitionen, speziell im Bereich von produktionssteigernden KI Technologien und Anwendungen werden nachhaltiges Wachstum generieren können. KI wird mit hoher Wahrscheinlichkeit in den nächsten Jahrzehnten einer der größten Treiber für Innovation und Disruption (Verdrängung „alt“ gewordener Geschäftsmodelle) sein. Diese Auswirkungen werden wir nicht nur im Technologiebereich sondern weltweit Branchen- bzw. Sektor übergreifend sehen.

Das KI-Innovationstempo erscheint momentan atemberaubend und führt zu – fast schon monatlichen - technologischen Durchbrüchen. Können Sie einige Beispiele geben?

J.J.: Gerne. So erscheint der Gesundheitssektor fast schon klassisch prädestiniert zu sein für zukünftige KI-Anwendungen. KI wird maßgeblich zu Verbesserungen im Bereich der Diagnose und Medikamenten-Entwicklung beitragen. Bereits jetzt werden Röntgen/MRT/CT-Bilder dafür eingesetzt um KI-Algorithmen zu trainieren und bessere bzw. genauere Diagnoseresultate zahlreicher Krankheiten einschließlich verschiedener Krebsarten, Tuberkulose, diabetischer Augenschäden, Lungenentzündung und Blutinfektionen etc. zu erreichen. Elektronische Patientenakten werden zukünftig mit KI-Anwendungen proaktiv durchforstet werden können, immer auf der Suche nach individuell erhöhten Risiken für beispielsweise Herzinfarkte oder anderen schwerwiegenden Krankheiten.

FONDS exklusiv: Wie sieht es im Automobilsektor aus?

J.J.: Hier fangen wir gerade erst an von modernen Fahrerassistenzsystemen wie zum Beispiel als Spur- und Abstandsassistenten oder Einparkhilfen zu profitieren. Tesla, BMW, Mercedes-Benz und Infiniti bieten mittlerweile auch vereinzelt Fahrzeuge mit Autopilot-Fähigkeiten an. Mehrere Länder testen vollständig autonome und fahrerlose Fahrzeuge auf öffentlichen Straßen. Wir sind überzeugt davon, dass sich bestehende Technologieansätze weiter entwickeln werden und dass wir bis spätestens 2020 bis 2025 vollautonome bzw. selbstfahrende Autos auf dem Markt sehen werden. Und vergessen sie nicht den riesigen Agrarsektor. Hier werden bereits autonome Drohnen eingesetzt, um Landwirte zu unterstützen, ihre Anbauflächen systematisch zu untersuchen.

FONDS exklusiv: Wie funktioniert Ihr Investmentansatz? Wie finden Sie Unternehmen, die einen erheblichen Teil ihres Umsatzes mit KI erzielen werden? Wie sieht die aktuelle Anlagestrategie aus?

J.J.: Im Gegensatz zu anderen Ansätzen bilden wir nicht nur schwerpunktmäßig einen Mega Cap-lastigen Technologieindex nach, sondern schauen uns verstärkt im Mid-Cap Bereich um. Es ist für uns relativ unerheblich welcher direkt zurechenbarer Anteil KI am Umsatz eines Unternehmens momentan hat. Da wir uns noch am Anfang der Entwicklung befinden, kann der Fokus auf aktuelle Umsatzanteile irreführend sein. KI kann schon bei einem sehr geringen Investitionsaufwand eine stark transformative Auswirkung auf ein Unternehmen haben. Aus externer Perspektive wäre es nahezu unmöglich, dies in selektierende Zahlen zu übersetzen,jedoch werden sie im Laufe der Zeit beobachtbar sein.

FONDS exklusiv: KI ist ja eine Querschnittmaterie, viele andere Bereiche spielen hier mit herein. Können Sie Beispiele geben?

J.J.: Eine Ausgangsvoraussetzung für künstliche Intelligenz ist Big Data auf der Basis von gigantischen Datensätzen sowie Anwendungen im Bereich des Maschinellen Lernens bzw. Deep Learnings (lernfähige Computerprogramme). Grundlegende technische Voraussetzung ist eine bedeutende Rechnerkapazität. Ein Teil unserer Portfoliounternehmen stellt beispielsweise Schlüsseltechnologien bereit, die die Entwicklung und Einführung künstlicher Intelligenz vorantreiben oder einzigartige Datenbestände mit künstlicher Intelligenz nutzen.

FONDS exklusiv: Obwohl wissenschaftliche Forschungen anderes ergeben haben, bevorzugen wir Durchschnittsmenschen lieber nicht perfekte Menschen, mit all ihren Fehlern und Schwächen, gegenüber weitaus perfekteren Algorhythmen. Welche Erklärung haben Sie dafür?

J.J.: Das ist in der Tat sehr weitverbreitetes Phänomen. Menschen neigen zur Abneigung gegenüber Innovationen und Neuerungen, speziell im Technologiebereich. Trotz allem ist dieser Prozess nicht aufhaltbar. Schon die vergangenen Jahre haben diese Entwicklung ganz deutlich aufgezeigt. KI-Technologien erobern zunehmend unseren Alltag, Berührungsängste bauen sich ab und neue Innovationen gewinnen final so an Akzeptanz.

FONDS exklusiv: Wann wird das menschliche Gehirn überholt?

J.J.: Wann dies möglich ist, lässt sich nicht prognostizieren. Aber eines ist klar: Es wird passieren, denn KI ist schon heute Teil unseres Alltags - doch kaum jemand weiß es: KI bestimmt unseren Alltag stärker als uns bewusst ist. Sie umfasst weit mehr als nur Robotik und Automatisierung. Seit vor etwa einem Jahr der Allianz Global Artificial Intelligence aufgelegt wurde, hat sich das Thema Künstliche Intelligenz rasant weiterentwickelt. War es vor einem Jahr noch ein relatives Nischenthema, kommt mittlerweile kaum jemand daran vorbei. Denken Sie nur an selbstfahrende Autos, Roboter in Bankfilialen, Chatbots, die im Internet Fragen beantworten, Sprachassistenten, Fitness-Tracker, oder das Smartphone, das uns Vorschläge macht, welche Kleidung uns gefallen oder welche Fotos wir auf Instagram schön finden könnten. Obwohl nahezu jeder Mensch hierzulande mit der einen oder anderen Art von Künstlicher Intelligenz unmittelbar zu tun hat, ist den wenigsten bekannt, wo überhaupt Künstliche Intelligenz „drinnen“ ist. Eine globale Studie der Softwarefirma Pegasystems aus dem Jahr 2017, bei der 6000 Endverbraucher zu ihrer Erfahrung mit Künstlicher Intelligenz befragt wurden, macht deutlich: Kaum jemandem ist bewusst, wenn er oder sie mit KI zu tun hat! So war z.B. nur 41 Prozent der Teilnehmer bewusst, dass gängige Sprachassistenten im heimischen Wohnzimmer auf Künstlicher Intelligenz basieren.

FONDS exklusiv: Können Sie einen Ausblick geben?

J.J.: Technologien, die sich selbst weiterentwickeln, Daten aufnehmen und auf Basis dieser Daten lernen, werden viele Tätigkeiten vereinfachen. Die Entwicklungssprünge waren noch nie so hoch wie im Moment und jeden Tag gibt es neue Erfindungen, die unser Leben vereinfachen können oder es bereits tun. Schätzungen zufolge wird der KI-Markt von einem Volumen von 643,7 Millionen Dollar im Jahr 2016 auf 36,8 Milliarden Dollar im Jahr 2025 anwachsen - das entspricht dem 57-fachen! Wichtig ist auch das Thema Big Data. Seit 2010 wächst das Datenvolumen um jährlich mehr als 50 Prozent an. Dadurch weiteten sich plötzlich auch die Möglichkeiten zur Entwicklung von KI aus. Die höheren Rechenleistungen ermöglichten einen Evolutionssprung, der KI in sämtliche Lebensbereiche katapultierte. Auswertungen und Analysen werden zunehmend von Maschinen übernommen, die schnell sind, lernen und sich weiterentwickeln können. Und das tun sie mit einer sehr hohen Geschwindigkeit. Als Folge könnte KI die Leistungsfähigkeit des menschlichen Gehirns schneller übertreffen als von vielen erwartet.

FONDS exklusiv: Wie erfasst der Allianz Global Artificial Intelligence diese Vielfalt von Anwendungen?

J.J.: Künstliche Intelligenz muss nicht im Hintergrund bleiben, sondern kann auch aktiv über Maschinen eingesetzt werden, z.B. im Bereich Präzisionsarbeit, Operationen, fahrerlose Fahrzeuge, Haushaltsroboter, etc. Dies zu analysieren ist eine herausfordernde Aufgabe. Daher sind in den Anlageprozess bis zu 600 Experten von Allianz Global Investors eingebunden, die Entscheidungsgrundlagen für das Fondsteam liefern. Dabei wird Wert auf Realitätsbezug gelegt: Die Anlagespezialisten achten genau darauf, dass die Unternehmen, in die der Fonds investiert, zukunftsfähige Geschäftsmodelle verfolgen. Bei der Ländergewichtung dominieren die USA mit 91 Prozent, bei der Branchenallokation die Segmente IT mit 80 Prozent und zyklischer Konsum mit 13,3 Prozent.