Kommentare & Expertenmeinungen | Interview
30.08.2017

Mehr als Eisbären

Die kanadische Energie-Expertin Helen Platis gibt im Kurzinterview Einblick in die Energiepolitik in ihrer Heimat. Für Lacuna sucht sie geeignete Investment-Projekte in der Solar- und Windbranche.

von Thomas Müller

Helen Platis, Lacuna Canada

Helen Platis, Lacuna Canada

Foto: Lacuna

Im Frühjahr kündigte die deutsche Investmentgesellschaft Lacuna an, nach Kanada zu expandieren. Wie schon in Deutschland, sollen in den nächsten Jahren Investments in Windkraft- und Solaranlagen umgesetzt werden, die dann den Anlegern in Europa zur Verfügung stehen. Zielgruppe sind zunächst Pensionsfonds und andere institutionelle Anleger in Deutschland und Österreich. Bis Ende des Jahres sollen erste Portfolios mit Direktinvestments in Kraftwerke geschnürt werden. Als Partnerin vor Ort hat Lacuna die Projektentwicklerin Helen Platis ins Boot geholt, die seit 20 Jahren in der Energie-Branche tätig ist. FONDS exklusiv hat die Expertin gefragt, was Kanada, das gerade 150. Geburtstag feiert, für Investoren so interessant macht. FONDS exklusiv: Kanada ist bei uns nicht gerade als Solar- und Windregion bekannt. Warum sollen gerade hier Kraftwerke errichtet werden?

Das europäische Bild von Kanada wird von den weiten Polarregionen und Eisbären geprägt, aber das ist bei weitem nicht alles. Zum Vergleich: Bayern ist auf gleicher geografischer Höhe wie Nordneufundland und das südliche Ende von Kanada entspricht in etwa Nordspanien. Die Sonneneinstrahlung und die Windbedingungen sind im Süden Kanadas daher in weiten Teilen besser als in Mittel- und Nordeuropa. Dort wohnen auch die meisten Einwohner. Es wachsen dort sogar Pfirsiche und Wein, was in Europa oft nicht geglaubt wird, dass das bei uns möglich ist. Die Winter sind kalt, aber das hat auch Vorteile. Der produktivste Monat für die Fotovoltaikpaneele ist in Kanada erfahrungsgemäß der Februar. Das klingt ungewöhnlich, aber die Solarzellen arbeiten effektiver, wenn sie sich nicht so stark aufheizen, wie im Sommer.

FONDS exklusiv: Wie sieht die Energieproduktion Kanadas derzeit aus?

Helen Platis: In den dicht besiedelten Regionen ist das zu einem Drittel Atomenergie, das sind alte Anlagen aus den 1970er Jahren, ein Drittel Erdgas und ein Drittel ist erneuerbar. Davon wiederum ist das meiste Wasserkraft, aber Wind- und Sonnenenergie werden wichtiger. Die kanadische Regierung hat sich im Gegensatz zu unseren Nachbarn im Süden dazu verpflichtet die CO2-Ziele des Klimaabkommens einzuhalten. Bis 2030 soll es zu 90 Prozent saubere Elektrizität am Markt geben.

FONDS exklusiv: Wo sehen Sie das meiste Potenzial? In welche Energieform sollten Anleger investieren?

Zunächst werden die Solaranlagen im Vordergrund stehen, wo wir in den den nächsten Monaten in die ersten Anlagen investieren werden. Binnen drei Jahren planen wir den Schwerpunkt auf Windkraft zu setzen, hier gibt es einen aufstrebenden Markt. Wir verfolgen dabei eine Strategie mit vier Ansätzen. Erstens wäre das das Investment in bereits vorhandene Anlagen mit einigen Jahren Laufzeit, zweitens in Anlagen, die noch in Bau sind, drittens in Anlagen, die genehmigt, aber noch nicht in Bau sind und schließlich in jene, die noch in Planung sind. Wir entwickeln auch nicht selbst sondern arbeiten mit Entwicklern zusammen und steuern unsere Expertise bei.

FONDS exklusiv: Können die Erzeuger von erneuerbarer Energie mit Förderungen der öffentlichen Hand rechnen?

Die Energiepolitik in Kanada fällt in die Kompetenz der Provinzen. Ontario hat sich als bevölkerungsreichste Provinz am Beispiel Deutschland orientiert und 2009 ein System mit Einspeisevergütungen eingeführt. Das FIT-Programm (Feed-In Tariff) sichert eine Vergütung für 20 Jahre zu. Das sind stabile Rahmenbedingungen.

FONDS exklusiv: Wer sind die potenziellen Abnehmer für die zusätzliche Stromproduktion?

Zuerst müssen die Kohlekraftwerke und die die alten Atomkraftwerke ersetzt werden. Im Süden, wo es die meiste Sonneneinstrahlung gibt, lebt die Mehrheit der Bevölkerung und es wird viel vor Ort verbraucht. Ein Teil wird auch über die Grenze in die USA exportiert. Weiter im Norden und Westen gibt es große Bergbaugebiete, die ebenfalls viel Strom benötigen. Dieser kann in Zukunft erneuerbar und nahe am Verbraucher hergestellt werden.