Kommentare & Expertenmeinungen | Emerging Markets
02.09.2015

Nicht nur viel Lärm um nichts

Die Aktienkurse in China sind weit davon entfernt, den tatsächlichen Zustand der Wirtschaft darzustellen. Experten sehen hinter den Stimmungsschwankungen eher eine globale Verunsicherung und einen schwindendes Vertrauen in das Regime in Peking.

von Thomas Müller

Chinas Börsen und die dramatischen Kurseinbrüche waren das dominierende Finanz-Thema der vergangene zwei Wochen. Im Gegensatz zu den nervösen Anlegern, zeigten sich die Kommentatoren aus dem Westen eher entspannt, wenn auch leicht besorgt. Bei aller Härte des Crashs ging in Shanghai etwa nur ein Teil der Kursgewinne von 2014 und 2015 verloren, relativiert der Ökonom Martin Wolf in der "Financial Times". Mit der chinesischen Volkswirtschaft wiederum haben die dortigen Börsen noch weniger zu tun als in Deutschland oder Österreich. Maria Municchi, vom Multi-Asset Team von M&G Investments sieht eher in den Stimmungsschwankungen den Grund für die derzeitigen Turbulenzen als in den Fundamentaldaten: „Es scheint bei den Anlegern die Zuversicht zu schwinden, dass die Politik den Wachstumsrisiken der Emerging Markets etwas entgegen zu setzen hat. Nachdem alle genau diese Politik im Auge haben, drückt das natürlich auf die Stimmung. Eine Verlangsamung in China war schon lange offensichtlich, aber erst die Yuan-Abwertung hat dann die Marktteilnehmer überrascht“. Auch wenn die plötzliche Aufmerksamkeit nicht ausschließlich „Viel Lärm um nichts“ gewesen sei, so sei es bezeichnend, dass gebannt auf Unwesentliches gestarrt wird, wie etwa Kurse, die bestimmte Werte unterschreiten.



Im Osten nichts Neues

Ähnlich die Analyse von, Didier Saint-Georges, Chefvolkswirt bei Carmignac Gestion: „Auf Grundlage eigener Analysen und Daten ist in China auf volkswirtschaftlicher Ebene nichts wirklich Neues passiert. Das Wirtschaftswachstum wird auf Jahresbasis vermutlich im niedrigen 5%-Bereich liegen. Dies ist zwar eher schwach, aber darauf hatten wir ja bereits seit längerer Zeit hingewiesen.“ Das geringe Wachstum sei die Folge einer Kombination aus der wirtschaftlichen Restrukturierung, der monetären Verknappung und einer globalen konjunkturellen Schwäche. So weit so bekannt. Nicht von der Hand zu weisen sei aber der Faktor Notenbanken bzw. Quantitative Easing: „Das Risiko für die Märkte, die Unterstützung durch die QE-Maßnahmen (die fünf Jahre lang ihre einzige Unterstützung waren) in einer Phase zu verlieren, in der das Wirtschaftswachstum nach wie vor sehr instabil ist, ist jetzt eindeutig gegeben. Und es wird vorerst auch nicht so schnell wegfallen. Außerdem bieten die Bewertungen auf ihren aktuellen Niveaus keine besonders gute Absicherung nach unten. Darüber hinaus bedarf es vermutlich einer noch kritischeren Lage, bevor die Notenbanken der Industriestaaten weitere QE-Maßnahmen beschließen."



Ratlosigkeit an der Spitze

Die chinesische Regierung hat jedenfalls ziemlich unentspannt auf den von ihr mitverursachten Crash reagiert. Immerhin hatte sie zuvor die Liquidität der zu bescheidenem Vermögen gekommenen Chinesen in die Aktienmärkte gelenkt, nachdem der Immobiliensektor bereits aufgebläht war. Als sich auch an den Börsen eine Blase aufbaute, wurde noch verzweifelt versucht deren Implosion mit Aktienkäufen zu verhindern, freilich ohne Erfolg. Für Martin Wolf sind das Anzeichen von Ratlosigkeit in den höchsten Regierungskreisen. Hinzu kommt die allgemeine Ungewissheit darüber wie die Makro-Daten in China wirklich aussehen. Es ist zu befürchten, dass selbst in Peking niemand verlässliche Zahlen zum BIP oder zur Handelsbilanz hat. Fest steht nur, dass keine Volkswirtschaft jahrzehntelang "emerging" sein kann, ohne dass das Wachstumsmodell irgendwann verändert werden muss. Die Zweifel daran, ob das ohne demokratische Korrektive regierte China das gut meistern wird können, sind jetzt größer geworden.