Kommentare & Expertenmeinungen | Interview
27.03.2019

Quantensprung "Made in China"

China ist einer der wenigen echten Emerging Markets, denn das Wachstum bleibt trotz der immer höher werdenden Vergleichsbasis relativ hoch. Auch die Aufnahme chinesischer A-Aktien in den MSCI EM Index sollte die China-Börsen mittelfristig beflügeln. Wo die größten Chancen und Risiken liegen, erfahren Sie im Interview mit Shannon Zheng, Asien-Spezialistin bei Invesco.

von Wolfgang Regner

Shannon Zheng, Produktspezialistin Asien bei Allianz Global Investors

Shannon Zheng, Produktspezialistin Asien bei Allianz Global Investors

Foto: Allianz Global Investors

FONDS exklusiv: Was spricht Ihrer Ansicht nach für ein Engagement in chinesischen Aktien?

Shannon Zheng: Trotz des sich abschwächenden Wachstums bleibt der Investment Case für China auch 2019 und darüber hinaus intakt. Denn das Wachstum wird auch im Fall eines allmählichen Rückganges überdurchschnittlich hoch bleiben. Die Konsumstory im Verbund mit dem Upgrading-Zyklus chinesischer Konsumenten kann noch viele Jahre laufen, denn sie reflektiert eine geänderte Einstellung vieler Chinesen, was ihre Lebensqualität anbelangt. Zudem sehen wir das Aufkommen immer zahlreicherer „echten“ chinesischen Produkte, welche die ausländischen Güter nach und nach ersetzen. Für Investoren, die diese Makro-Wachstumsstory für Investments nutzen wollen, bieten die an den Festlandsbörsen in Shanghai und Shenzhen gehandelten A-Aktien eine weitaus größere Anzahl an Investmentmöglichkeiten als an den Offshore-Börsen (wie z.B. in Hongkong).

FONDS exklusiv: Welches sind die stärksten Wachstumstreiber?

S.Z.: Der stärkste Antriebsmotor ist noch immer die Konsum-Story, da immer mehr Chinesen eine wachsende Auswahl an hoch qualitativen Produkten aus eigener Produktion im Land bevorzugen und ausländische Konkurrenzprodukte ersetzt werden. Da geht es nicht nur um steigende Einkommen, sondern um eine grundlegende Änderung der Einstellung vieler Chinesen zum Konsum- es beginnt sich ein Trend zum Kauf landeseigener Produkte herauszubilden, der noch viele Jahre laufen kann. Dazu gehören auch die Demografie und die wachsende Anzahl an Chinesen, die High-Tech in ihrem Leben nicht mehr missen möchten. Zwar wird das Konsumwachstum langsam zurückgehen, aber durch den Upgrade-Zyklus weiter unterstützt bleiben. Viele Chinesen kehren dem traditionellen Shopping den Rücken und geben ihr Geld zunehmend für Entertainment, Reisen, E-Commerce und Lifestyle Produkte, die ihnen ein besseres Leben vermitteln, aus. Kultur, landschaftliche Schönheit und geschmackvolles Essen lassen sie dem Alltag in Chinas Riesenstädten entkommen. Allein 2017 gab es fünf Milliarden Reisen chinesischer Touristen in ihrem eigenen Land. Dreimal so viele wie noch vor zehn Jahren. Das Potenzial für Auslandsreisen ist ebenso gewaltig, nur neun Prozent aller Chinesen besitzen einen Reisepass. 2015 haben wir einen der Hauptprofiteure dieses Trends identifiziert, den größten Duty-free-Shop-Betreiber des Landes, China International Travel Services (CITS). Dieser hat in der größten Zollfreizone des Landes in Hainan seinen größten Standort errichtet- zudem die einzige chinesische Provinz mit tropischem Wetter. In den letzten drei Jahren hat CITS die Gewinne jeweils um 20 Prozent pro Jahr gesteigert.

FONDS exklusiv: Wie läuft es im Bereich E-Commerce?

S. Z.: Sehr gut, ist doch Alibaba der größte E-Commerce-Plattform-Betreiber weltweit. Aber auch die traditionellen Offline-Händler klinken sich ins Internet ein und eröffnen Online-Plattformen. Ein gutes Beispiel ist der Markt für Frischprodukte. So erweitert Yonghui Department Store, eine führende Supermarktkette für Frischprodukte, sein Angebot um eine Internet-Linie. Ein paar Clicks auf der mobilen App und schon können sich Konsumenten binnen 30 Minuten an frischem Hummer oder Steaks delektieren. Eine Option ermöglicht sogar die völlig essfertige Zubereitung und die chashlose Bezahlung per elektronischer Bezahl-App. Die Integration von Online-Technologie ermöglicht es dem traditionellen Geschäft zwei Vorteile zu kombinieren: Den Aufbau einer starken Marke mit hoher Konsumententreue mit einer gesteigerten operativen Produktivität.

FONDS exklusiv: Welches sind weitere Wachstumssektoren der chinesischen Wirtschaft?

S.Z.: Ein noch junger, aber rasant wachsender Bereich ist die Gesundheitsbranche. Verglichen mit Europa oder den USA gibt China nur einen Bruchteil für sein Gesundheitswesen aus. 2015 lagen die Ausgaben nur bei 5,3 Prozent des BIP, verglichen mit zehn Prozent in Europa und 16,8 Prozent in den USA. Pro Kopf wird nur 426 Dollar pro Jahr für Gesundheit ausgegeben, weniger als 5 Prozent der US-Ausgaben. Dabei altert die chinesische Bevölkerung rapide, ein demografischer Wachstumsfaktor für den gesamten Sektor. 2050 wird China 490 Millionen Pensionisten haben, 35 Prozent der Gesamtbevölkerung. Das zwingt die Gesundheitsdienstleister zu raschen Innovationen. Nehmen Sie den Pharmasektor als Beispiel: Derzeit verkaufen sich noch immer Medikamente der Traditionellen Chinesischen Medizin (TCM) am besten, neben billigen Low-End-Generika. Doch diese Rechnung wird in einigen Jahren schon ganz anders aussehen. Die chinesische Gesundheitsbehörde hat den Zulassungsprozess für neue Medikamente deutlich beschleunigt. 2017 wurden 35 neue wichtige Medikamente zugelassen- 2016 waren es nur fünf landesweit zugelassene Präparate, vorwiegend von ausländischen Pharmamultis. Aber lokale Pharmafirmen beschleunigen ihre Innovationen rasch: Die Zulassungsansuchen lokaler Anbieter für innovative Präparate in klinischen Studien ist von 21 im Jahr 2011 auf 88 im Jahr 2016 gestiegen. Dazu kommen starke Pipelines an neuen Produkten und die weiterhin starke Nachfrage nach solchen Produkten- somit ist das Wachstumspotenzial sehr hoch.

FONDS exklusiv: Wie sieht es bei heimischen Konsumgütern aus?

S.Z.: Hier können wir schon seit Jahren einen sich beschleunigenden Substitutionsprozess beobachten- ausländische Marken werden von inländischen langsam aber sicher verdrängt. Denn die Chinesen verlangen nach hochwertigen, aber gleichzeitig vergleichsweise günstigen Alternativen zu ausländischen Luxusgütern. Es gibt bereits einige Marktsegmente, in denen einheimische Marken die ausländische Konkurrenz verdrängen- da sie qualitativ hochwertiger, für Chinesen geeigneter und zudem günstiger sind. 2008 lagen bei den Smartphone-Verkäufen drei Auslandsmarken mit 90 Prozent Marktanteil an der Spitze: Nokia, Motorola und Sony. Heutzutage sind acht der zehn größten Anbieter chinesische Firmen- wobei Huawei, Oppo, Xiaomi und Vivo in Führung liegen.

FONDS exklusiv: Wie hat sich die verarbeitende Industrie entwickelt?

S.Z.: Auch im Bereich der verarbeitenden Industrie sehen wir große Umwälzungen. In einigen selektiven Segmenten können chinesische Anbieter bereits bei der Qualität mit ausländischen Konkurrenten mithalten. Der Haupt-Wettbewerbsvorteil ist dabei nicht der billige Preis sondern vielmehr das hochwertige Service und ein starkes Verkaufsnetz. So haben die chinesischen Anbieter etwa im Bereich der Maschinen-Schwerindustrie die Marktführerschaft erobert. San Heavy hat bei Aushub-Baumaschinen mit 25 Prozent Marktanteil den US-Konkurrenten Caterpillar überflügelt. Der größte Hersteller von Laser-Equipment hat der taiwanesischen Konkurrenz Marktanteile abgejagt und bietet die gleiche Qualität wie etwa deutsche Produkte. Diese Technologie ermöglicht es den Chinesen, in weitere Industriezweige zu expandieren, etwa Batterien für E-Automobile oder gleich in den gesamten Bereich der Industrieautomation. Ein weiteres Beispiel für die Produktsubstitution ist die Automobilindustrie. Als Folge deutlicher Qualitätsverbesserungen liegt der aktuelle Marktanteil chinesischer Hersteller bei 45 Prozent- vor 15 Jahren waren es noch 21 Prozent. Vor allem koreanische und japanische Konkurrenten waren davon negativ betroffen. Bei „New Energy Vehicles“ (NEV) waren 2017 von zehn verkauften NEV gleich neun aus lokaler Produktion. Nur noch im Premium- bzw. Luxussegment können sich die europäischen Player einigermaßen behaupten.

FONDS exklusiv: Werden die Chinesen auch im Exportgeschäft immer stärker?

S.Z.: Allerdings. Dadurch, dass viele chinesische Firmen keine verlängerte Werkbank mehr für ausländische Anbieter darstellen, gewinnen sie auch im Export aufgrund des Qualitäts-Upgradings zunehmend Marktanteile. So hat etwa der E-Automobil-Batteriehersteller Contemporary Amperex Technology (CATL) bereits sein erstes Batteriewerk in Deutschland im Bau und auch schon einen Top-Abnehmer gefunden, nämlich BMW. Natürlich gibt es in weiten Bereichen der Technologieindustrie noch keine gleichwertigen chinesischen Hersteller. So müssen etwa 70 Prozent der in China benötigten Halbleiter importiert werden, mit einem Wert von 260 Milliarden Dollar (2017). Die Erdölimporte liegen nur bei 162 Milliarden Dollar. Praktisch alle Flugzeuge werden von Boeing oder Airbus erzeugt. Sogar im Bereich der industriellen Robotik, ein Schlüsselelement der intelligenten Herstellung, repräsentieren chinesische Anbieter nur ein Drittel des Heimatmarktes. Die meisten Hightech-Komponenten müssen importiert werden.


FONDS exklusiv: Wie steht es um die groß angekündigte Initiative "Made in China 2025"?

 

S.Z.: Dabei geht es darum, die intelligenten Produktionskapazitäten in China deutlich zu erhöhen und in vielen Bereichen autark von Auslandsimporten zu werden. Und zwar in zehn Schlüsselindustrien: Unter anderen Robotics, Chipsets, Biotech und erneuerbare Energien (vor allem Photovoltaik). Erstmals hat der Nationale Volkskongress auf Initiative des Präsidenten Xi Jingpin verbindliche Benchmarks für die Erreichung der Ziele in diesen Industrien vorgegeben. So sollen 40 Prozent der Mobilfunkchips bis 2025 exklusiv in China produziert werden, 70 Prozent der Industrie-Roboter und 80 Prozent der Ausrüstung für erneuerbare Energien. Zwar erscheint es fraglich, ob ein derart zentralisiertes Programm zu einer optimalen Allokation des Kapitals führen kann, doch so werden zentrale Entwicklungslinien in der chinesischen Wirtschaftspolitik gut erkennbar. Und in einigen Bereichen stehen die Chancen gut, dass chinesische Anbieter zu Weltmarktführern aufsteigen können, vor allem in der Industrieautomation und bei Elektroautos. Denn diese profitieren am stärksten von den Subventionen der Regierung. Damit wird sich der US-chinesische Handelskonflikt wohl zu einem regelrechten Handelskrieg um die technologische Marktführerschaft ausweiten. Und es ist zu befürchten, dass als ein Resultat dieses Krieges der Transfer von geistigem Eigentum international behindert wird. Damit erhöht sich auch die Abhängigkeit Chinas von inländischen Innovationsfaktoren, von im Land ausgebildeten Wissenschaftlern, für die es attraktiver erscheint, im Land zu bleiben anstatt etwa wie viele chinesische Ingenieure noch vor wenigen Jahren vor allem ins Silicon Valley abzuwandern. Doch dass die langfristige Planung, Entwicklung und die schiere Größe des Reiches der Mitte ihre Vorteile haben, wird bereits jetzt sichtbar. 2017 hatte China acht Millionen College-Absolventen, mehr als doppelt so viele wie die USA. China verfügt auch über die meisten STEM-Absolventen (Science, Technology, Engineering, Mathematik). Was die Finanzierung und die Förderung der technologischen Entwicklung anbelangt, so ist China der weltweit zweigrößte Investor in die Forschung und Entwicklung- 2017 lagen die F&E-Ausgaben bei 280 Milliarden Dollar, nur mehr knapp hinter den USA. Was die Venture Capital-Aufbringung betrifft, so kann China in den Bereichen Finanztechnologie, virtuelle Realität, Künstliche Intelligenz und Robotics es schon heute mit den USA aufnehmen. Aufgrund der höheren Publizität für den A-Aktienmarkt haben viele ausländische Investoren erkannt, dass Chinas Wachstumsstory mehr ist als nur jene der Internetriesen. Attraktiv erschienen auch die Bereiche Konsumgüter, Dienstleistungen, Gesundheit, intelligente Produktion in der Industrie sowie natürlich auch Technologie.

FONDS exklusiv: Und was bleibt für die jahrelang dominante Börse Hongkong übrig?

S.Z.: Die Börse Hongkong beherbergt einen unverhältnismäßig hohen Anteil von Chinas reiferen Old-Economy-Aktien in Sektoren wie Immobilien, Banken, Telekom und Versorger. Chinas Technologie-konzerne werden an der New Yorker Börse besser repräsentiert. Chinas A-Aktien vertreten rund 70 Prozent der Konsum,- Gesundheits- und Industrie-Investments, letztere vor allem die intelligente verarbeitende Industrie. Wir weisen ausdrücklich darauf hin, dass 89 Prozent des Umsatzes der A-Aktien (ohne Finanzwerte) aus der Heimatbasis kommen. Sieht man sich den MSCI China-A-Aktien-Index an, so haben nur 2,5 Prozent der Umsätze ihren Ursprung in den USA. Was den Ausblick anbelangt, so erwarten wir eine steigende Inlandsnachfrage, getrieben vor allem von der Konsum-Upgrade-Story, was Investmentchancen für einheimische innovative Unternehmen bietet, die ausländische Marken sukzessive ersetzen. Unternehmen können sich durch hohe Forschungs-ausgaben, ausgefeilte Geschäftsmodelle und Produktinnovation differenzieren und so die Gewinner der Zukunft werden. Es ist nun einmal so, dass Investoren, die Chinas Makro-Wachstumsstory für ihre Kapitalanlagen nutzen wollen, die A-Aktien der Festlandsbörsen eine weitaus breitere Palette an Möglichkeiten bieten als „Offshore China“.

FONDS exklusiv: Welche Auswirkungen wird die erneute Anhebung der Gewichtungen chinesischer A-Aktien in den MSCI-Indizes haben?

S.Z.: Bei den chinesischen A-Aktien, das sind Festlandsaktien, die an der Börse Shanghai gehandelt werden, handelt es sich immerhin um den zweitgrößten Aktienmarkt der Welt. Die Anhebung der Gewichtung war erwartet worden und hat die Investoren nicht überrascht. Allerdings wird die Umsetzung der Neuaufnahmen von A-Aktien rascher vor sich gehen als erwartet. Sie wird in drei Etappen über die Bühne gehen: Im Mai, August und November 2019. Ursprünglich war die letzte Ausbaustufe für Mai 2020 vorgesehen gewesen. Auch A-Share Mid Caps werden ab November erstmals aufgenommen. Insgesamt steigt damit die Gewichtung der A-Aktien im MSCI Emerging Market (EM) Index von 0,8 auf 3,3 Prozent. Bereits im Vorfeld dieser Entscheidung kam es zu starken Kapitalzuflüssen ausländischer Investoren mit Hilfe des Stock Connect-Programms. Im Januar und Februar flossen 16 Milliarden Dollar in die chinesischen Festlandsmärkte. Wir rechnen aber damit, dass rund die Hälfte von EM-Fonds derzeit keine Exposure in A-Aktien haben. Mit 0,8 Prozent untergewichtet zu sein oder mit 3,3 Prozent ist ein großer Unterschied und wir erwarten daher eine deutliche Verschiebung der Investoreneinstellung gegenüber dem A-Aktienmarkt. Insgesamt könnten rund 70 Milliarden Dollar in die chinesischen Aktienmärkte fließen. Das ist aber gar nicht so viel wenn man bedenkt, dass das tägliche Handelsvolumen an den Börsen Shanghai und Shenzhen oft über 100 Milliarden Dollar liegt. Allerdings werden viele neue institutionelle Investoren nach China kommen und die Marktstruktur weiterhin aufwerten. Denn der Marktzugang hat sich deutlich verbessert und die Marktöffnung wird sich noch beschleunigen. Auch die regulatorischen Strukturen werden auf ein neues Qualitätsniveau gehoben, denn die Zahl der Aktien, bei denen der Handel einfach ausgesetzt werden kann, wenn es Probleme gibt, wird sich spürbar verringern. Zudem werden die chinesischen Aktienmärkte durch die MSCI-Entscheidung deutlich an Glaubwürdigkeit gewinnen. Was den Ausblick anbelangt, befinden wir uns noch immer im frühen Stadium einer langjährigen Entwicklung. Der Inklusionsfaktor der A-Aktien wird immer noch niedrig sein- ungefähr 20 Prozent. Wir meinen jedoch, dass die MSCI-Gewichtungen weiter steigen werden- schließlich sollte China insgesamt rund 40 bis 50 Prozent der Gewichtung des MSCI EM Index ausmachen, davon rund die Hälfte mittels A-Aktien. Das stellt globale Investoren vor Herausforderungen- sie werden früher oder später nachziehen müssen und ihre Gewichtungen z.B. in globalen Aktienfonds erhöhen. Oder sie könnten separate Investmentvehikel mit einer reinen A-Share-Gewichtung oder auch mit einem Investmentansatz für ganz China auflegen, um weiteren Indexanhebungen zuvor zu kommen. Reine A-Aktien-Fondsmanager werden sehr gefragt sein.