Kommentare & Expertenmeinungen | Interview
14.11.2019

"Von 100 Prozent Aktien raten wir ab"

Bei Negativzinsen wird es für Anleger immer schwieriger, gut ausbalancierte Portfolios aufzubauen. Selbst Finanzprofis bleibt oft nichts Anderes übrig, als sich in neue Assetklassen bzw. Sub-Segmente derselben vorzuwagen, die aber häufig ein höheres Risiko beinhalten. Lesen Sie im folgenden Interview mit Constantin Bolz, Portfoliomanager bei der deutschen Vermögensverwaltung Portfolio Concept, welche Strategie er im Nullzinsumfeld verfolgt.

von Wolfgang Regner

Constantin Bolz, Portfoliomanager Portfolio Concept

Constantin Bolz, Portfoliomanager Portfolio Concept

Foto: Concept

FONDS exklusiv: Wie können Anleger in der aktuellen Situation beim Aufbau ihres Portfolios vorgehen?

Constantin Bolz: Bisher war das relativ einfach doch auch jetzt gelten die Grundzüge der Portfolio-theorie von Harry Markowitz weiterhin. Markowitz wollte die Entscheidung zur Risikodiversifizierung der Anleger wissenschaftlich begründen und quantifizieren und ermitteln, welche und wie viele Wertpapiere in ein optimales Portfolio aufgenommen werden müssen. Eine grundlegende Erkenntnis, nämlich die positive Auswirkung von Diversifikation auf Risiko und Rendite des Gesamtportfolios, gilt nach wie vor. Da die Risiken der Einzelanlagen verschieden sind, werden sie im gesamten Portfolio geringer. Es klingt zwar paradox, aber wenn ein Asset zum Portfolio hinzugefügt wird, das ein erhöhtes Risiko aufweist, so kann das Risiko des Gesamtportfolios dennoch sinken.

FONDS exklusiv: Machen die niedrigen Zinsen nicht zunehmend Probleme?

C.B.:
Allerdings. Markowitz benutzte unter anderem den risikolosen Zins für seine Berechnungen. Die Anleger können den risikolosen Zins inklusive des je nach Risikobereitschaft unterschiedlichen Marktbetas lukrieren. Steigt das Beta (= das jeweilige Marktrisiko), steigen auch Rendite und Risiko. Das Problem: Den risikofreien Zins gibt es nicht mehr. Negativ rentierende Anleihen sind keineswegs risikolos. Während die Aktienrenditen relativ gleich geblieben sind, sind die Anleiherenditen deutlich zurückgegangen. Dafür ist die Risikoprämie bei Aktien stark gestiegen. Unter anderem auch deshalb raten wir von Portfolios mit 100 Prozent Aktien ab. Denn dabei besteht die Gefahr, dass die Anleger in eine psychologische Falle tappen. Wenn es wie schon immer einmal an den Märkten massiv hinunter geht, verlieren viele die Nerven und verkaufen ihre Aktien.

FONDS exklusiv: Ein Zinspolster lässt sie auch heute noch besser schlafen?

C.B.: Ja, denn man muss betonen: Trotz einer Nullverzinsung sind Anleihen ein wichtiger Baustein für ein Portfolio, denn im Falle eines Crashs bei Aktien können sie dennoch steigen und zumindest teilweise die Verluste ausgleichen. Bei der starken Marktkorrektur gegen Ende 2018 sind zehnjährige Bundesanleihen immerhin um rund fünf Prozent gestiegen. Um jedoch auch in normalen Marktphasen in unserem Anleiheportfolio eine positive Rendite zu erwirtschaften, mischen wir unseren Portfolios neben diesen Staatsanleihen auch noch hochverzinsliche Unternehmensanleihen sowie Emerging-Markets-Anleihen (beide in Euro) bei. Bei Staatsanleihen wählen wir meist eine längere Duration, bei den beiden anderen Komponenten eine kurze Restlaufzeit. Grob gerechnet: liegen die Zinsen einer Anleihe mit acht Jahren Duration bei 0,5 Prozent und gehen diese auf Null, so steigt der Kurs der Anleihe um vier Prozent (0,5 mal 8).

FONDS exklusiv: Es kann aber mit den Anleihekursen aber auch kräftig nach unten gehen, gerade in einem derartig extremen Niedrigzinsumfeld…

C.B.:
Ja, durchaus. Aus Angst vor einer Rezession sind neben den Aktien 2018 auch die europäischen High-Yield-Anleihen gefallen, da deren Zinsen von drei auf 5,5 Prozent gestiegen sind. Bei einer Zinsbewegung von 2,5 Prozent bedeutet auch eine Duration von nur zwei Jahren, dass diese Anleihen um fünf Prozent gefallen sind. Gleichzeitig sind Staatsanleihen gestiegen. Denn der Zins von zehn-jährigen deutschen Staatsanleihen ist im Jahr 2018 von 0,7 Prozent auf nahe null Prozent gefallen. Bei einer Duration von acht Jahren, bedeutet das ein Kursplus von 5,6 Prozent. Auch bei negativen Zinsen wirkt dieser Risikoausgleich: Fallen die Zinsen von – 0,7 auf – 0,9 Prozent, so steigt die Anleihe mit acht Jahren Duration um 1,6 Prozent im Kurs- steigen die Zinsen etwa von – 0,7 auf – 0,4 Prozent, so verliert man mit dieser Anleihe hingegen 2,4 Prozent. Selbst Minuszinspapiere helfen dabei, die Balance im Portfolio zu halten. Und wenn in einem Portfolio anstatt ausschließlich Aktien, auch EM-Bonds und High-Yield-Anleihen eingesetzt werden, sinkt normalerweise die Korrelation- es gehen also nicht alle Anlagen im Gleichschritt nach unten (oder auch nach oben), bei sich kaum verändernder Rendite.

FONDS exklusiv: In Krisenphasen sieht das jedoch oft ganz anders aus…

C.B.: Ja, das stimmt. Bei einem Crash steigen die Korrelationen zumeist generell an. Man muss allerdings auf die Treiber einer solchen Kursbewegung achten. Handelt es sich um Rezessionsängste, dann fällt fast alles (Aktien, High Yield und EM-Bonds), Staatsanleihen steigen jedoch. Schwenkt die US-Notenbank Fed in ihrer Zinspolitik um und beginnt mit Zinssenkungen, so steigen EM-Bonds in Dollar besonders stark. Im Herbst 2018 ist auch die beste Diversifikation fehlgeschlagen, da neben den Aktien auch Anleihen (wegen steigender Zinsen) und auch Rohstoffe (wegen dem Handelskrieg) sowie auch Gold (wegen steigender Zinsen) gleichzeitig gefallen sind. Es gibt aber defensive Dividendenaktien, die sogar in einem solchen Szenario positiv gelaufen sind.

FONDS exklusiv: Es macht also Sinn, auch risikoreichere Segmente des Fixzinsbereichs beizumischen?

C.B.: Ja, denn über die letzten Jahre sieht die Performance-Bilanz der europäischen Aktien betrüblich aus: DAX und Euro Stoxx brachten seit 2017 fast nur eine Nullperformance. Ein Hochzins-ETF erzielte dagegen rund 3,5 Prozent pro Jahr, kumuliert also fast zwölf Prozent.

FONDS exklusiv: Haben Sie sonst noch Tipps für unsere Leser?

C.B.: Was die Gewichtungsfrage angeht, so können Anleger nach dem groben Maßstab 100 Prozent minus das Alter vorgehen. Dadurch ergibt sich die Aktienquote. Von Beimischungen offener Immobilienfonds raten wir eher ab, es handelt sich dabei um den untauglichen Versuch, etwas von Natur aus Illiquides in ein liquides Investment zu verwandeln. Das ist in der Finanzkrise total schief gegangen, viele Fonds mussten wegen der hohen Rückflüsse ängstlicher Anleger geschlossen werden und die Investoren waren mit illiquiden Immobilien gefangen. Rohstoffe lassen sich über ETFs oder Zertifikate (ETCs) abbilden. Zusätzlich raten wir Anlegern zum Rebalancing: Durch die asymmetrische Entwicklung bei Aktien und Anleihen im Herbst 2018 war ein Depot im Dezember nicht mehr zu einer Quote von z.B. 60 zu 40 auf Aktien und Anleihen aufgeteilt, sondern zu 55 zu 45 (Aktien fielen, Anleihen stiegen). In diesem Moment haben wir fünf Prozent Anleihen verkauft und fünf Prozent Aktien nachgekauft, um das Depot wieder in die richtige Quote zu versetzen. Fünf Monate später hatten sich die Aktienmärkte 15 Prozent erholt und wir haben die gleiche Quotenanpassung vorgenommen, nur diesmal von Aktien in Anleihen. Die Diversifikation auf verschiedene Anlageklassen ermöglicht es dem Anleger von schlechten Zeiten an den Aktienmärkten zu profitieren, die der 100-Prozent-Aktienanleger nicht nutzen kann.