Kommentare & Expertenmeinungen | Interview
17.05.2017

Wann geht die Euro-Bombe hoch?

Die Euro-Krise spielt in der öffentlichen Wahrnehmung kaum noch eine Rolle. Dabei brodelt es unter der Oberfläche gefährlich weiter. Das Transaktions-Saldo der Deutschen Bundesbank mit den anderen Euro-Zentralbanken (Target2) ist auf ein Rekordhoch gestiegen. Ob eine neue Euro-Krise droht und wie das Problem zu lösen ist, darüber lesen Sie mehr im folgenden Interview mit Ulrich Kater, Chefvolkswirt der DekaBank.

von Wolfgang Regner

Ulrich Kater, Chefvolkswirt DekaBank

Ulrich Kater, Chefvolkswirt DekaBank

Foto: DekaBank

FONDS exklusiv: Warum haben die Target2-Salden in den letzten Monaten wieder deutlich zugenommen?

Ulrich Kater: Dafür ist einmal das Anleihekaufprogramm der Europäischen Zentralbank (EZB) verantwortlich, in dessen Rahmen die EZB Anleihen von anderen Zentralbanken erwirbt. Dagegen ist die Kapitalflucht zurückgegangen, wenn auch nicht völlig verschwunden. Seit der Finanzkrise 2007/2008 ist zudem die grenzüberschreitende Kreditvergabe gesunken. Letztendlich muss man sich jedoch vor Augen halten, dass die Target2-Salden nur das Spiegelbild der Kapitalströme innerhalb der Eurozone darstellen, also das Abbild der realwirtschaftlichen Entwicklungen. Der hohe Target2-Saldo der Bundesbank geht daher vorwiegend auf Ansprüche zurück, die deutsche Unternehmen oder private Haushalte in der realen Wirtschaft im Ausland aufgebaut haben und auf den entsprechend hohen positiven Leistungsbilanzsaldo (Leistungsbilanzüberschuss), dessen Spiegelbild im Zentralbankensektor die hohen deutschen Target2-Forderungen abbilden.

FONDS exklusiv: Wenn der Euro scheitern sollte, so bleibt Deutschland aber auf seinen hohen Forderungen sitzen.

U.K.: Das ist wahrscheinlich, denn die Salden zurückzuführen wäre in einer solchen Situation faktisch unmöglich. Wiederum finden allerdings die eigentlichen Schäden im privaten Sektor statt. Das Auslandsvermögen der deutschen Wirtschaftssubjekte würde nicht honoriert werden und Abschreibungen unvermeidlich machen. Die größte Belastung hätten die Banken zu schultern, eine neue Bankenkrise wäre wohl kaum abzuwenden. Aber auch Forderungen, die bei Kapitalsammel-stellen gehalten werden, etwa bei Pensionskassen, bei Vermögensverwaltern oder Versicherungen gegenüber den Schuldnern im Ausland würden an Wert verlieren.

FONDS exklusiv: Wie darf man sich das in der Praxis vorstellen?

U.K.: Hält eine deutsche Pensionskasse französische Anleihen im Depot, so könnte nach einem Frexit Frankreich ein Gesetz erlassen, das es ermöglicht, die Anleihe in neue Francs umzuschreiben, die stark abwerten würden. Die Forderungen würden – bestenfalls - in entwerteten neuen Francs getilgt. Hierüber würde es enorme juristische Auseinandersetzungen geben.

FONDS exklusiv: Stünde Deutschland in einem solchen Szenario vor der Pleite?

U.K.: Nein, ich denke nicht. Der deutsche Staat würde stark belastet werden, aber auch er könnte nicht alle Verluste des privaten Sektors auffangen. Dazu käme ein großes Konjunkturprogramm, um die unvermeidliche Wirtschaftskrise etwas abzufedern. Durch diese Krise würden beispielsweise die Sozialausgaben massiv ansteigen, etwa wegen der dann stark steigenden Arbeitslosigkeit. Das belastet natürlich das Staatsbudget. Dennoch hat der deutsche Staat einen gewissen Spielraum angesichts der gegenwärtig deutlich gesunkenen Schuldenquote, die bald wieder unter das Maastricht-Kriterium von 60 Prozent in Relation des Bruttoinlandsproduktes sinken sollte. Sie könnte auf 120 Prozent ansteigen. Allerdings ist ein solches Szenario, das mit einigem Chaos einhergehen sollte, schwierig einzuschätzen.

FONDS exklusiv: Welche Lösungen sind aus Ihrer Sicht möglich, damit es dazu erst gar nicht kommt?

U.K.: Wie schon gesagt sind die Target2-Salden ein Spiegelbild von Ungleichgewichten in der Realwirtschaft der Eurozone. Diese Ungleichgewichte sind nicht unbegrenzt steigerbar. Eine stark zunehmende Vermögenskonzentration in den starken Regionen der Eurozone und die Abhängigkeit der südlichen Mitgliedsstaaten lässt sich politisch und ökonomisch nicht auf Dauer durchhalten. Das typische einer Währungsunion ist, dass die starken Regionen die schwachen Regionen unterstützen und damit die Ausprägung solcher strukturellen Salden abmildern. Innerhalb der Mitgliedstaaten findet ein solcher Ausgleich der Target-Salden bereits jetzt schon statt, hauptsächlich durch automatische Systeme z.B. der Sozialversicherung, wo Transferleistungen wie etwa das Arbeitslosengeld in den schwächeren Regionen zu höheren Auszahlungen führen als in den stärkeren Gegenden. Auch strukturpolitische Leistungen fallen in den schwachen Regionen viel höher aus als in den starken. Zwischen den Mitgliedstaaten sind solche Mechanismen im ursprünglichen Konstrukt der Währungsunion nicht vorgesehen gewesen. Die Erfahrung mit der europäischen Währungsunion ist nicht anders als mit anderen Währungsräumen auch: Ohne solche Ausgleichmechanismen wird es nicht gehen. Entweder man baut sie langsam und unter Beachtung einiger wichtiger Regeln auf oder man muss sich von der Währungsunion irgendwann verabschieden.

FONDS exklusiv: War es ein Fehler, dass der Vertrag von Maastricht, der für die Euro-Einführung und den Aufbau der Währungsunion maßgeblich war, keinen automatischen Ausgleich der Target-Salden per Jahresultimo vorsieht?

U.K.: Allerdings, das war ein schwerer Konstruktionsfehler im Aufbau der Eurozone. Jetzt bleibt nichts anderes übrig, als - wo erforderlich- Ausgleichssysteme einzuführen, wie etwa die bereits bestehende Bankenunion, bei der es im Fall von Bankenkrisen zu erheblichen Umverteilungen kommt. Auch der Europäische Stabilitätsmechanismus (ESM) bringt als Teil des ‚Euro-Rettungs-schirms‘ im Notfall starke Umverteilungseffekte mit sich. Hier ist der Ausgleich als Kredit getarnt, aber zumindest vorhanden. Ein weiterer wichtiger Schritt hin zum Ausgleich der Target2-Salden wäre eine gemeinsame Sozialpolitik innerhalb der EU. Doch bis dahin ist noch ein weiter Weg, und ich befürchte, dass wir jedenfalls keine fünf oder gar zehn Jahre Zeit zur Entwicklung derartiger Lösungen haben werden.