Kommentare & Expertenmeinungen | Interview
28.06.2017

Was für ein "Goldlöckchen-Szenario" an den Aktienmärkten spricht

Die globale Wirtschaft brummt stärker als erwartet, die Aktienindizes reagieren auch zumeist positiv. Nur die meisten Privatanleger halten sich weiter abseits und bevorzugen das Nullzinsen-Sparbuch. Im Interview möchte Peter E. Huber, Gründer und Fondsmanager bei StarCapital, den Anlegern Mut zu machen, in Aktien einzusteigen.

von Wolfgang Regner

Peter E. Huber, Fondsmanager StarCapital

Peter E. Huber, Fondsmanager StarCapital

Foto: StarCapital

FONDS exklusiv: Herr Huber, die Anlegerstimmung ist nach wie vor gedämpft, viele befürchten gar einen Crash. Wie sieht ihre Einschätzung des globalen Makro-Gesamtbildes aus?

Peter E. Huber: Ja, die Privatanleger, aber auch große institutionelle Investoren, zeigen sich zurückhaltend. Dabei ist die wirtschaftliche Entwicklung gar nicht so schlecht. Weltweit verzeichnen wir einen mäßigen, aber robusten konjunkturellen Rückenwind. In Europa zogen nach Daten der DZ Bank die Umsätze der Unternehmen aus dem Stoxx 600 im ersten Quartal im Schnitt um zehn Prozent gegenüber dem Vorjahreszeitraum an. Die Gewinne kletterten sogar um 37 Prozent. Auch von der monetären Seite gibt es weiter Unterstützung. So sind also die drei Voraussetzungen für ein „Goldilocks-Szenario“ (Goldlöckchen-Wirtschaft) gegeben. Damit beschreibt man ein ideales Umfeld für weiter steigende Aktienkurse.

FONDS exklusiv: Welche Indikatoren sprechen für ein solches Szenario?

P.H.: Die politisch bedingte Verunsicherung der Investoren und wiederholte Warnungen vor einer scharfen Kurskorrektur sorgen dafür, dass aktuell viel Geld auf der Seitenlinie geparkt wird. Dabei sieht StarCapital die drei wesentlichen Voraussetzungen für ein Goldilocks-Szenario gegeben. Erstens ist weltweit ist ein mäßiger, aber robuster konjunktureller Rückenwind zu beobachten und die Gewinne der Unternehmen sind zuletzt deutlich gestiegen. Zweitens sorgen die extrem niedrigen Zinsen und die expansive Politik der Notenbanken weiter für Unterstützung. Drittens kommt durch die tiefe Verunsicherung der Anleger keine Aufbruchstimmung auf. Die Kennzeichen sind also: Passables Wachstum mit nur leichtem Inflationsdruck und fehlender Anlegereuphorie auf dem Weg zur allmählichen geldpolitischen Normalisierung.

FONDS exklusiv: Können Sie etwa für den DAX eine Jahresprognose geben?

P. H.: Leider wissen wir auch nicht, ob der DAX am Jahresende 20 Prozent höher oder tiefer notiert. Beides ist möglich. Kurz- und mittelfristige Börsenprognosen haben sich als äußerst unzuverlässig erwiesen, sodass wir komplett auf sie verzichten. Anders sieht es allerdings bei längerfristigen Zeiträumen aus. Hier sind die Kurspotenziale anhand des Shiller-KGV als ertragsorientierte Größe und anhand des Kurs/Buchwert-Verhältnisses als Substanzwert relativ zuverlässig zu bestimmen. So haben wir bereits in der Star-Invest-Ausgabe vom März 2014 folgende Szenarioanalyse für den DAX-Verlauf bis 2028 veröffentlicht. Daraus lassen sich zwei Feststellungen treffen: Das langfristige Kurspotenzial (DAX von 27.000 Punkten im Jahr 2028) ist noch lange nicht ausgeschöpft. Anleger sollten sich daher nicht verunsichern lassen und weiter eine konstruktive Haltung zu Aktien einnehmen.

FONDS exklusiv: Wie sollte ein Anleger vorgehen?

P.H.: Insbesondere Rückschläge – wie wir sie auch in den letzten drei Jahren verzeichnen konnten – sollten zum Aufbau von weiteren Positionen genutzt werden. Wir gehen davon aus, dass Über-raschungen eher nach oben zu erwarten sind. Die Kursindizes europäischer und japanischer Aktien beispielsweise laufen jetzt zum vierten Mal starke historische Widerstände an. Es würde uns nicht wundern, wenn diese in den nächsten Monaten überwunden werden und damit erhebliches neues Kurspotenzial freigesetzt wird.

FONDS exklusiv: Welche Chancen sehen Sie in den entwickelten Volkswirtschaften?

P.H.: Europa hat die USA in puncto Bruttoinlandprodukt-Wachstum überholt. Inzwischen weist der Kontinent sogar eine stärkere Konjunkturdynamik auf als manche Schwellenländer. Auch Japan verzeichnet ein positives Wachstum, das über dem Potenzial liegt, auch wenn die deflationären Kräfte noch nicht gänzlich ausgeräumt sind. Die USA dagegen bereiten aufgrund der herrschenden Unklarheit zur Wirtschaftslage Sorgen: Ein politischer Unruheherd könnte jederzeit in den USA entstehen, wo der zunehmend unberechenbare Präsident Trump das Ruder führt. Das hat Analysten nicht daran gehindert, die Umsätze bei US-Aktien nach oben zu revidieren und sich auf einen steigenden Trend einzustellen. Unterdessen verhalten sie sich wahrscheinlich angesichts der mit den versprochenen Steuerreformen verbundenen Unsicherheiten hinsichtlich der Unternehmenserträge noch abwartend. Fazit: In Japan und Europa ist das Kurspotenzial deutlich höher als in den USA.

FONDS exklusiv: Wie schätzen Sie die Emerging Markets sein?

P.H.: Nachdem nun bereits fast die Hälfte des Jahres 2017 verstrichen ist, lässt sich konstatieren, dass der Aktienindex der Schwellenländer (MSCI EM) um beinahe 20 Prozent gestiegen ist, während der S&P 500 von „Trump's own country“ weniger als zehn Prozent geschafft hat. Und das hat gute Gründe. Erstens: Seit Frühjahr 2016 sehen wir eine Stabilisierung bei den Rohstoffpreisen auf Basis massiver Kapazitätsanpassungen der großen Bergbaukonzerne. Trotz der US-Schieferölproduktion hat sich der Ölpreis wieder deutlich von seinen Tiefs nach oben bewegt. Zudem sind viele Schwellenländer (außer Russland) heute weniger von Rohstoffexporten abhängig als früher. Zweitens: Die Überbewertungen vieler Schwellenländerwährungen und deren hohe Leistungsbilanzdefizite sind weitgehend verschwunden. Flexible Wechselkurse und eine geringere Verschuldung, zudem eher in lokaler Währung und nicht mehr in US-Dollar, reduzieren das Risiko künftiger Währungs- und Verschuldungskrisen. Gleichzeitig ist keine weitere kräftige Dollaraufwertung mehr zu erwarten. Drittens: Die Inflationsraten in den meisten Schwellenländern haben sich seit 2015 zurückgebildet und erlauben den dortigen Zentralbanken – im Gegensatz zu den USA und streng genommen auch Europa – noch eine eher expansive Geldpolitik. Viertens: Trotz des nachlassenden Wachstums in China steigt die Wachstumsdynamik der Schwellenländer relativ zu den entwickelten Volkswirtschaften. Historisch ging eine solche Entwicklung stets mit einer Outperformance der Schwellenländeraktienmärkte einher.

FONDS exklusiv: Sind diese Erwartungen nicht schon in den Kursen eingepreist?

P.H.: Die jahrelange Baisse der Schwellenländer hat deren Marktbewertung extrem attraktiv gemacht. Unsere hauseigenen empirischen Forschungen lassen auf Basis der aktuellen Bewertungen (Kurs-Buchwert von 1,7 und Shiller-KGV oder CAPE- also das ‚Cyclically adjusted price-to-earnings ratio‘ von 15,5) eine reale Wertentwicklung von jährlich 7,8 Prozent für die nächsten zehn bis 15 Jahre erwarten. Zum Vergleich: Für die USA ist in diesem Zeitraum lediglich eine mittlere Performance von 3,6 Prozent p.a. anzunehmen. Das Risiko, einen realen Kapitalerhalt in diesem Zeitraum zu verfehlen, liegt in den USA deutlich höher! Last but not least liegen wegen der verbesserten Wachstumsperspektiven für die Unternehmen die Konsensgewinnschätzungen für die Jahre 2017 bei über 22 Prozent und für 2018 bei über zehn Prozent (MSCI EM). Selbst bei realistischer Betrachtung und der Erfahrung, dass Analysten berufsbedingt zu übertriebenem Optimismus neigen, ist noch mit kräftigen Gewinnsteigerungen zu rechnen.

FONDS exklusiv: Wie lautet Ihr Resümee?

P.H.: Etwas mehr Mut kann sich lohnen. Nach Meinung von StarCapital ist das langfristige Kurspotenzial der Aktienmärkte noch lange nicht ausgeschöpft. Diffuse Ängste verstellen den Blick auf die positiven Fakten. Die Kursindizes europäischer und japanischer Aktien laufen jetzt zum vierten Mal starke historische Widerstände an. Diese könnten diese in den nächsten Monaten überwunden werden und damit erhebliches Kurspotenzial freisetzen. Ein Einstieg, insbesondere bei etwaigen Rückschlägen, kann sich also lohnen. Und wir bleiben bei unserer positiven Langfrist-prognose: Bis 2028 wird der DAX 27000 Punkte erreichen.