Kommentare & Expertenmeinungen | Interview
14.10.2015

"Wir müssen die Emerging Markets differenzierter betrachten"

Peter Marber, Head of Emerging Markets bei Loomis & Sayles, erklärt im Interview, warum das BIP als Indikator für die Beurteilung von Ländern nicht ausreicht und warum die Globalisierung bei der Pensionsvorsorge hilfreich ist.

von Thomas Müller

Peter Marber

Peter Marber

FONDS exklusiv: Was waren die wesentlichen Performance-Faktoren für den Emerging Markets Opportunities Fund in diesem Jahr?

Peter Marber: Dieses Jahr haben vor allem die Anleihen mit langen Laufzeiten gelitten, für uns war es daher wichtig, bei kürzeren Laufzeiten mit weniger als sechs Jahren zu bleiben. Wir haben außerdem versucht Staatsanleihen, mit einer Orientierung an Rohstoffen zu vermeiden. In weiser Voraussicht haben wir diese Trends rechtzeitig registriert. Wir haben zwar auf diese Weise nicht viel Geld gemacht, aber wir haben auch keines verloren. Bei den Emerging Markets ist die derzeitige Flaute in Wirklichkeit der nächste Aufschwung. Wir rechnen früher oder später mit einer kleinen Rally und haben Währungen aus Brasilien, Mexiko und Südafrika zugekauft.



Der Bericht der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich zu den Schulden von EM-Unternehmen in US-Dollar, warnt vor dem riesigen Volumen von 3000 Mrd. US-Dollar und dem Währungsrisiko. Teilen Sie die Sorge?

Die Sorge ist berechtigt, aber das Problem wird überschätzt. Wir sprechen hier überwiegend von Dollar-orientierten Exporteuren wie Petronas in Malaysia und Pemex in Mexico, die Erdöl in US-Dollar verkaufen. Die Banken haben zu 80 Prozent solchen Firmen die USD-Kredite gegeben. Beim Rest bleibt die Frage, ob sie gehedged haben oder nicht. Es gibt aber das Gerücht, dass die EM-Währungen genau deshalb so schwach sind, weil viele zu hedgen versuchen.



Die Deutschen und Österreicher interessieren sich beim Investieren vor allem für ihre Altersvorsorge und eine langfristige Absicherung. Können die Emerging Markets das für die nächsten 40 Jahre leisten, wie es von der Finanzbranche suggeriert wird?

Ich denke wir müssen die Emerging Markets viel differenzierter betrachten als es etwa in den Indizes dargestellt wird. Da sind auch Länder wie Taiwan mit 22.000 US-Dollar nominalem BIP pro Kopf noch drinnen oder Südkorea mit 58 Prozent College-Absolventen in einem Jahrgang. Ich habe vor einem Jahr eine Studie mit 93 Ländern der Welt gemacht, bei der nicht nur das BIP sondern auch 8 weiter Indikatoren in die Bewertung eingeflossen sind. Diese finanziellen, ökonomischen und sozialen Indikatoren ergaben zusammen eine Einstufung in zehn Cluster je nach Entwicklungsgrad. Das habe ich für 2003 und 2013 gemacht und es zeigte sich eine interessante Konvergenz. Einige Länder mit hoher Entwicklung sind abgerutscht, wie Spanien, Italien, Griechenland oder Irland. Dafür sind viele andere wie Mexiko, die Türkei, Russland und Brasilien in die Mitte gerückt. In diesem Mittelfeld mit zum Teil gut gerateten Ländern entstehen neue Anlagechancen. Hier ist es sicher sinnvoll jedes Monat etwas Geld in einen Pensionssparplan zu investieren und Aktien zu akkumulieren. Langfristig werden die Anleger ihre derzeitige Allokation ohnehin überdenken müssen, denn es gibt immer noch einen home bias. 2010 hatten die EM-Finanzmärkte bereits einen weltweiten Anteil von 21 Prozent, der typische Investor hat vielleicht 5 Prozent. Die Globalisierung gibt uns hier neue Möglichkeiten der Diversifikation. Das Kurs-Buchwert-Verhältnis ist mit 1,5 zudem sehr günstig, die Währungen sind schwach. Das wäre ein guter Zeitpunkt um einzusteigen.



Wo sehen sie die Emerging Markets des nächsten Jahrzehnts?

Ich denke auch langfristig sind die erwähnten fortgeschritteneren Länder am interessantesten. Ein Land, das in keinen Cluster wirklich hineinpasst, aber meiner Meinung nach noch viel Potenzial hat ist Indien. Es sind zum Beispiel erst 77 Prozent der Menschen alphabetisiert und die Infrastruktur hat massiven Nachholbedarf. Anders als bisher könnte der begonnene Reformprozess und die günstige Demografie zu zweistelligen Wachstumsraten führen, wie es bei anderen Emerging Markets der Fall war. Man muss bei diesen Ländern in die Zukunft schauen und nicht von der Vergangenheit ausgehen.