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05.01.2022

Ausblick 2022: Beginn einer Post-Covid-Ă„ra?

Silvia Dall’Angelo, Senior Economist bei Federated Hermes, erklärt, weshalb sie zuversichtlich auf das neue Börsenjahr blickt, verweist aber auch auf mögliche Risiken.

Silvia Dall’Angelo, Federated Hermes

Silvia Dall’Angelo, Federated Hermes

Federated Hermes

In unserem makroökonomischen Basisszenario für 2022 wird sich die wirtschaftliche Erholung von der durch Covid ausgelösten Rezession fortsetzen, wenn auch langsamer und weniger volatil als 2021, konstatiert Silvia Dall’Angelo, Senior Economist bei Federated Hermes. Die Verlangsamung wird wahrscheinlich weitgehend eine physiologische Normalisierung der Wachstumsraten widerspiegeln, da die anfänglichen Auswirkungen der Wiedereröffnung der Volkswirtschaften und die Euphorie der fiskalischen und geldpolitischen Anreize allmählich abklingen.

Die Nachfrage dürfte sich stabilisieren, da großzügige Liquiditätspuffer es den Haushalten und Unternehmen ermöglichen, die Auswirkungen der fiskalischen Klippe aufgrund des Auslaufens der meisten fiskalischen Notmaßnahmen zu verkraften. Insbesondere die privaten Haushalte haben erhebliche Ersparnisüberschüsse aufgebaut, die sich in den fortgeschrittenen Volkswirtschaften auf 5 bis 11 Prozent des nominalen BIP 2019 belaufen. Die Angebotsbeschränkungen dürften allmählich nachlassen, da sich die Pandemie auf ein endemisches Gleichgewicht zubewegt, die Versorgungsketten sich neu ausrichten und die Ungleichgewichte zwischen Angebot und Nachfrage abnehmen.

Inflation wird zurückgehen

Dementsprechend dürfte die Inflation nach dem Winter allmählich zurückgehen. Ein moderateres Bild der Inflation und mehr Klarheit über die zugrunde liegenden Trends auf den Arbeitsmärkten (die wahrscheinlich noch eine gewisse Flaute aufweisen) dürften es den Zentralbanken in den fortgeschrittenen Volkswirtschaften ermöglichen, die akkommodierenden Finanzierungsbedingungen beizubehalten, wobei die geldpolitischen Impulse nur allmählich zurückgenommen werden. Die Bilanzen der G4-Zentralbanken werden auch nach dem Auslaufen der großen quantitativen Lockerungsprogramme im ersten Halbjahr 2022 umfangreich bleiben, und der Zinserhöhungszyklus wird wahrscheinlich um die Jahresmitte 2022 beginnen und langsam voranschreiten.

Allerdings sind alternative und weniger günstige Szenarien durchaus möglich. Langwierige Angebotsengpässe und eine erhöhte kostengetriebene Inflation in den Wintermonaten könnten den Aufschwung zum Scheitern bringen und den Weg für Stagflationsszenarien ebnen. Es ist auch möglich, dass die Inflationsdynamik auf die Erwartungen und den Arbeitsmarkt übergreift und sich somit verfestigt, was eine straffere Geldpolitik erforderlich machen würde. Entscheidend ist: Bei unserer Basisprognose gehen wir für die Inflation von einer Rückkehr zu den Mustern von vor der Covid-Krise aus. Also von einer Verlagerung des Verbrauchs von Waren auf Dienstleistungen, einer Rückkehr der Erwerbsquote auf das Niveau von vor der Covid-Krise und einer Korrektur der Unterbrechungen der Lieferketten. Es besteht jedoch die Gefahr, dass einige dieser Covid-bedingten Veränderungen dauerhafter und struktureller werden.

Ungewissheit bleibt

Im Allgemeinen sind die Risiken für unser Basisszenario aufgrund der verbleibenden Ungewissheit über die Entwicklung des Virus, der anhaltenden Divergenzen zwischen Ländern und Regionen sowie der (geo-)politischen Risiken eher abwärtsgerichtet. Das Auftreten neuer Varianten würde wahrscheinlich zu länger andauernden Unterbrechungen der Versorgungskette führen, was sowohl die Wirtschaftstätigkeit als auch die Inflation belasten würde. Der Aufschwung wird wahrscheinlich ungleichmäßig und daher von Natur aus anfällig bleiben, wobei die Schwellenländer weiterhin hinter den fortgeschrittenen Volkswirtschaften zurückbleiben. Der laufende Strukturwandel in China hin zu einer reiferen und langsamer wachsenden Wirtschaft ist mit Risiken behaftet, da die Korrektur auf dem Immobilienmarkt anhält. Die politische Unsicherheit - in Bezug auf die Steuer- und Geldpolitik, Strukturreformen und Vorschriften - hat zugenommen und wird durch politische Ereignisse in mehreren wichtigen Ländern (Präsidentschaftswahlen in Frankreich, Zwischenwahlen in den USA, 20. chinesischer Parteitag) noch verstärkt.

Wird das Jahr 2022 den Beginn einer Post-Covid-Ära einleiten? Die mit dem Covid zusammenhängenden Verzerrungen dürften sich allmählich auflösen und die dauerhafteren Auswirkungen der Pandemie sowie die Konturen einer neuen Normalität offenbaren. Eine Normalität, die von einer sich immer weiter ausbreitenden ökologischen Krise und der Notwendigkeit geprägt sein wird, unsere wirtschaftlichen und politischen Rahmenbedingungen so umzugestalten, dass ökologische und soziale Erwägungen in den Vordergrund rücken.