Meldungen | Marktkommentar
07.09.2018

Brexit mit Deal oder No-Deal?

Die Experten der Grazer Privatbank Krentschker erwarten einen "Soft Brexit", also einen "Deal" zwischen Großbritannien und der Europäischen Union. In jedem Fall werde die Trennung für beide Seiten teuer.

Alexander Eberan, Vorstand Bankhaus Krentschker

Alexander Eberan, Vorstand Bankhaus Krentschker

Foto: Krentschker

Die Zeichen in den Brexit-Verhandlungen zwischen der EU und Großbritannien stehen aktuell auf „Deal“. Doch solange der Modus des für 29. März 2019 bevorstehenden Brexit nicht fix ist, herrscht große Unsicherheit. Dies hat bereits massive Auswirkungen auf die britische Wirtschaft und die Menschen im Land, schreibt das Bankhaus Krentschker in seinem jüngsten Marktkommentar, in dem die Brexit-Eckdaten genau unter die Lupe genommen wurden: Seit dem Brexit-Referendum vor zwei Jahren ist laut Bank of England (BOE) bereits ein Wachstumsverlust von 2% entstanden. Jeder Haushalt in Großbritannien hat demnach einen Wohlstandsverlust von rund 1000 Euro hinnehmen müssen. Das Centre for European Reform (ein liberaler Think-tank mit Sitz in London) hat errechnet, dass sich der Brexit aktuell mit einer Belastung von 440 Mio. Pfund pro Woche für den Staatshaushalt niederschlägt.

Wachstumseinbußen, doch auch Chancen

Brexit-Gegner haben für Großbritannien (UK) folgende Kosten ermittelt: Ein „Hard-Brexit“ würde mit 284 Mrd. Euro zu Buche schlagen, ein „Soft-Brexit“ 147 Mrd. Euro kosten und ein „Exit vom Brexit“ bloß 57 Mrd. Euro. Die „Tory Brexiteer“ erwarten, dass die Rückkehr zu WTO-Regeln zu einem Wachstumsverlust von 8% auf 15 Jahre führen wird. Doch sogar ein Hard-Brexit wäre für die britische Wirtschaft, deren aktuelle Staatsverschuldung bei ca. 85% des BIP liegt, zu schaffen. So könnten etwa durch steuerliche Maßnahmen die Mehrkosten für Zölle und deren Administration verringert werden oder mittels niedrigerer Unternehmenssteuern der Standort UK attraktiver werden. Ein Bericht der „Maritime UK“ – die Mitglieder sind mit rund 95% am gesamten UK-Handel beteiligt – besagt, dass UK mit dem Brexit an wirtschaftliche Stärke gewinnen wird. Zahlreiche Firmen planen mit Blick auf den unsicheren Ausgang des Brexits, auf Lager zu produzieren bzw. Standortveränderungen vorzunehmen. Die britische Regierung bereitet sich parallel zu den Verhandlungen bereits auf einen Hard-Brexit vor, und dies generiert zusätzliches Wachstum. UK will bis Ende September diesbezüglich 80 Pläne veröffentlichen – mit dem Ziel, ein Chaos und Engpässe in der Versorgung zu vermeiden.

Die Verlierer

Für die EU erwartet der Internationale Währungsfonds (IWF) bei Zustandekommen eines Handelsabkommens zwischen der EU und UK (Deal) einen langfristigen EU-Wachstumsverlust von 0,8%. Sollte UK zu den WTO-Regeln (No-Deal) zurückkehren bzw. diese neu verhandeln, würde der Rückgang rund 1,5% betragen. Irland wäre mit einem Minus von rund 4% am stärksten betroffen. Verlierer des Brexits sind insbesondere die Autoindustrie in Deutschland, die Landwirtschaft in Frankreich und Italien sowie britische Regionen mit großen Exportindustrien. Das von Marktteilnehmern erwartete BIP-Wachstum samt Arbeitslosenquote lässt vermuten, dass das Jahr 2018 für UK als Anpassungsjahr zu qualifizieren ist. Das UK BIP-Wachstum (2015: 2,3%) ist seit dem Brexit-Votum stark gesunken. Die Arbeitslosenquote (2015: 5,3%) war jedoch rückläufig, und es ist aktuell auch ein leichtes Lohnwachstum zu verzeichnen.

Handelsdefizit mit der EU

Laut einem Bericht vom 4. Juli 2018 des House of Commons (Unterhaus des britischen Parlaments) wurden im Jahr 2017 in die EU 44,5 % (274 Mrd. Pfund) und Nicht-EU 55,5 % (342 Mrd. Pfund) an Dienstleistungen und Waren exportiert. Die Importe beliefen sich 2017 auf 53,1 % (GBP 341 Mrd. Pfund) aus der EU und 46,9 % (GBP 301 Mrd. Pfund) aus Nicht-EU-Ländern. In Summe kam es im Jahr 2017 zu einem Defizit mit der EU von 67 Mrd. Pfund und einem Überschuss mit der Non-EU von GBP 41 Mrd. Pfund. Im Bericht ist außerdem ersichtlich, dass der Handel in Gütern und Dienstleistungen mit der EU seit 1999 (Export: 54,6 %, Import: 56 %) rückläufig ist.

Hard Brexit: Druck auf Pfund

Seit dem Ergebnis der Brexit-Abstimmung (23. Juni 2016) hat das Britische Pfunf gegenüber dem Euro ca. 14,6% an Wert verloren. Seit September 2017 bewegt sich der EUR-GBP-Kurs seitwärts (Trading-Range: 0,87 - 0,90). Ein Hard-Brexit könnte zu einem EUR-GBP-Kurs um 1 führen. Investoren sollten daher die Entwicklung des britischen Pfund laufend beobachten.

Aktien dümpeln dahin

Sollte eine Abkommen unter Wahrung der jeweiligen Interessen („Deal“) zustande kommen und somit eine neue Partnerschaft begründet werden, wäre dies ein positives Signal für die Märkte, etwa für die Aktienkurse. Bei einem „Hard-Brexit“ sind zunächst starke Markt-Volatilitäten zu erwarten. Die Entwicklung des britischen Aktienindex FTSE 100 seit Juni 2016 zeugt ebenso von der Unsicherheit, die sämtliche Marktteilnehmer verspüren: Der FTSE 100 ist seither auf Euro-Basis um nur 0,5 % gestiegen (plus 17,3 % in GBP). Im Vergleich dazu auf Euro-Basis: S&P-500: plus 34,4%, DAX: plus 20,5% oder Eurostoxx 50: plus 11,7%. Das KGV britischer Unternehmen beläuft sich derzeit auf rund 16,5. Im Vergleich dazu: S&P-500: 21, DAX: 14,4 oder Eurostoxx 50: 15,7.

Der aktuelle Leitzins der BOE beträgt 0,75 %. In Folge der seit dem Brexit-Votum gestiegenen Inflation (VPI 2016: 0,7 %; 2018e: 2,4 %) wird prognostiziert, dass 2019 der Leitzins auf zumindest 1 % angehoben wird. Die 10jährigen „Gilts“ (UK-Staatsanleihen) bringen aktuell eine Rendite von 1,44 % (Juni 2016:  1,37 %) bei einem derzeitigen Moody‘s-Rating von Aa2.

Rechtliche Rahmenbedingungen

Mit Austritt (Art. 50 EUV oder Brexit) von UK aus der EU zum 29. März 2019, 24 Uhr Brüsseler Zeit wird UK zum Drittstaat. Für UK gelten in Folge nicht mehr die EU-Binnenmarktregeln und die Zollunion. Für die EU und UK entsteht dadurch ein zusätzlicher administrativer und finanzieller Aufwand. Damit eine fristgerechte Ratifizierung seitens UK- sowie EU-Parlaments samt qualifizierter Zustimmung der Mitgliedsstaaten der EU-27 zum Austrittsdatum möglich ist, müssen die Verhandlungen bis spätestens Mitte November 2018 abgeschlossen sein.

In UK gibt es vermehrt Stimmen, die eine neuerliche Brexit-Abstimmung befürworten. Nach aktuellen Umfragen würden derzeit 46% für einen Verbleib und 41 % für einen Austritt aus der EU stimmen. Hinsichtlich der Zurücknahme des Antrags gemäß Art. 50 EUV stellt eine Ausarbeitung des deutsches Bundestags vom 28. Juni 2016 fest, dass dies im gegenständlichen Artikel nicht geregelt ist. Eine Fristverlängerung der Austrittsverhandlungen ist gemäß Art. 50 (3) EUV möglich, wenn dies im Europäischen Rat und UK-Parlament beschlossen wird.