Meldungen | Emerging Markets, Marktausblick
14.02.2019

China im Jahr des Erdschweins

Was sagen Emerging-Markets-Fondsmanager zum neuen Jahr in China? Was hat die Regierung bisher unternommen um das Land auf Kurs zu halten? Wir haben uns eine kleine Übersicht über die Jahresausblicke verschafft.

von Thomas M├╝ller

China ist als Faktor in der Weltwirtschaft nicht mehr wegzudenken und Fondsmanager investieren inzwischen auch direkt am dortigen Wertpapiermarkt im großen Stil. Der Anteil chinesischer Aktien am weltweiten Index MSCI Emerging Markets wird weiter steigen und den Einfluss des bevölkerungsreichsten Landes der Erde auch hier vorantreiben. Mit dem chinesischen Neujahr begann vor wenigen Tagen das Jahr des Erdschweines, was Anlass für etliche Jahresausblicke der Fondsgesellschaften war. Der Status quo ist nach wie vor bedrohlich, mit einer Verschuldungsquote von 155 Prozent zum BIP stehen die Unternehmen im Spitzenfeld der wichitigsten Volkswirtschaften. Der Schattenbanksektor hat risikoreiche Kredite finanziert, die konventionelle Banken nicht mehr tragen wollten. Im Frühjahr 2018 hat Peking dann die Notbremse gezogen und die Kreditvergabemöglichkeiten für Schattenbanken eingeschränkt. „Diese Maßnahmen haben zwar den gewünschten Effekt erzielt – die Verschuldungsquoten sind gefallen –, jedoch zum Preis eines langsameren Wachstums“, erklärt Tilmann Galler, Kapitalmarktstratege von J.P. Morgan Asset Management. „Just in diesem fragilen Moment für die chinesische Wirtschaft hat die US-Administration den Handelskonflikt mit China verschärft. Damit hat sich die Abschwächung der chinesischen Wirtschaft noch weiter beschleunigt.“

Jason Pidcock, Fondsmanager bei Jupiter Asset Management, verweist auf einen weniger beachteten Aspekt, der bisher zum Wohlstand des Landes beigetragen hat: „China verzeichnete in den ersten sechs Monaten des Jahres 2018 sein erstes Leistungsbilanzdefizit seit 20 Jahren. Das bedeutet, dass die chinesische Regierung ihre Infrastrukturausgaben nicht mehr so weit erhöhen kann, wie sie es bisher getan hat. Denn das würde zu ansteigenden Rohstoffimporten führen, die wiederum zu einem Zeitpunkt bezahlt werden müssten, an dem das Geld in der Staatskasse zunehmend knapp wird.“ 2019 ist Pidcock zurückhaltend bei den direkten Investitionen in China und setzt statt auf Exporteure lieber auf inländische verbrauchsorientierte Unternehmen mit guter Liquidität.

Kehrtwende in der Wirtschaftspolitik

Die Regierung in Peling beließ es allerdings nicht bei Reglierungsmaßnahme. In der zweiten Jahreshälfte 2018 hat ist die Wirtschaftspolitik von Konsolidierung zu Wachstumsförderung umgeschwenkt: „Die Geldpolitik wurde gelockert und im November 2018 wurden zahlreiche Steuererleichterungen für Privathaushalte und Unternehmen verabschiedet. Die Steuerlast für Privathaushalte wird nun schätzungsweise um 40 Prozent fallen, was einen kräftigen Schub für das verfügbare Einkommen bedeutet“, analysiert Tilmann Galler. Für 2019 sind zusätzlich weitere stimulierende Maßnahmen geplant: Neben der Senkung und Vereinfachung der Mehrwertsteuer werden insbesondere die Infrastrukturausgaben wieder nach oben gefahren. „Diese Maßnahmenpakete dürften nach unserer Einschätzung ausreichen, eine härtere Landung der chinesischen Wirtschaft in 2019 zu verhindern“, ist Galler zuversichtlich. Jetzt müsse nur noch der Handelskonflikt mit den USA ein gutes Ende nehmen.

Technologiesektor belastet

Ein insgesamt positives Bild zeichnet auch Wolfgang Fickus, Mitglied des Investmentkomitees von Comgest, und betont die wachsenden Investitionen in Forschung und Entwicklung, die steigenden Realeinkommen und die stetige Ausweitung des Dienstleistungssektors. "Durch den Dämpfer am Aktienmarkt im vergangenen Jahr sind auch die Kurse wieder attraktiver. Wir sehen in vielen Bereichen wie zum Beispiel Gesundheit, Versicherungen, Software und Internet-Unternehmen, in die sich ein langfristiges Investment lohnt", sagt der Aktienfondsmanager. Mehr noch als durch den Handelskonflikt mit den USA sei Chinas Technologiesektor im vergangenen Jahr durch regulatorische Eingriffe belastet gewesen: "Dämpfend auf das Wachstum wirkten sich vor allem ein neues E-Commerce-Gesetz, eine verstärkte Überwachung digitaler Medieninhalte und schleppende Zulassungen im Gaming-Bereich aus." Langfristig sei der „Sozialismus mit chinesischem Antlitz“ trotz sinkender Wachstumraten ein Erfolg und noch lange keine Auslaufmodell, resümiert Fickus: "Im Jahr des Erdschweins kann China feiern, was in 40 Jahren seit den großen Reformen Deng Xiaopings gewachsen ist."