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04.06.2020

Corona-Krise: Vermögende Anleger behielten die Nerven

Der LGT Private Banking Report 2020 zum Anlageverhalten in Österreich, Deutschland und der Schweiz zieht ein klares Fazit: Vermögende Anleger haben aus vorherigen Krisen ihre Lehren gezogen.

Meinhard Platzer, Co-CEO LGT Bank Österreich

Meinhard Platzer, Co-CEO LGT Bank Österreich

LGT Bank Österreich

Von der Finanzkrise 2008 bis zur Corona-Krise im Frühjahr 2020: Vermögende österreichische Anleger haben in den vergangenen Jahren turbulente Zeiten erlebt. Aus den Krisenerfahrungen haben sie Lehren gezogen, im Portfolio hat sich – falls überhaupt–- nur kurzfristig etwas geändert. Das zeigt der neue, umfassende LGT Private Banking Report 2020 zum Anlageverhalten in Österreich, Deutschland und der Schweiz. Persönliche Beratung bleibt trotz der Digitalisierungswelle wichtig und nachhaltige Anlagen werden noch wenig genutzt.

Seit zehn Jahren erstellt die Abteilung für Asset Management der Johannes Kepler Universität Linz unter der Leitung von Univ.-Prof. Dr. Teodoro D. Cocca im Auftrag der LGT zweijährlich eine umfassende Studie zum Anlageverhalten von Private-Banking-Kunden in Österreich, Deutschland und der Schweiz. Der LGT Private Banking Report verfügt daher über langjährige Daten zum Anlegerverhalten in der DACH-Region und zeigt auf, wie äußere Ereignisse und persönliche Einstellungen das Verhalten von vermögenden Anlegern beeinflussen. Der Fokus der Studie lag in diesem Jahr auf dem Anlageverhalten seit der Finanzkrise 2008 sowie aktuell während der Corona-Krise. Dazu wurden vermögende Anleger im Jänner/Februar 2020 sowie für eine Spezialstudie im April 2020 (nur Schweiz) befragt.

Krisen beeinflussen den Anlagenmix nur kurzfristig

80 Prozent der Befragten in Österreich, Deutschland und der Schweiz haben die Finanzkrise 2008 als Anleger miterlebt und rund die Hälfte von ihnen hat sie als einschneidendes Ereignis empfunden. Im Langzeitvergleich zeigt der LGT Private Banking Report, dass Krisen zwar Ängste wecken, der Anlagenmix aber meist nur kurzfristig durch die Erhöhung der Cash- oder Goldquoten beeinflusst wird. Die „Suche“ nach Rendite bleibt für viele der stärkste Treiber ihres Anlageverhaltens.

Die Finanzkrise 2008 hat zu einer kritischeren Haltung gegenüber Banken und Kundenberatern geführt. Das sagen 65 Prozent der Befragten, welche die Krise als Anleger erlebt haben. Der aktuelle Report zeigt, dass das Vertrauen in und die Zufriedenheit mit den Banken in den Folgejahren zurückgekehrt sind. In der Corona-Krise wurden sie aber erneut auf die Probe gestellt – und auch dieses Mal scheinen Banken und Berater den Krisentest nur teilweise bestanden zu haben.

63 Prozent der Befragten, die die Finanzkrise als Anleger miterlebt haben, sagen, dass sie seither Anlagen meiden würden, die sie nicht verstehen. Zudem würden sie ihre Anlageentscheidungen vermehrt auf Grundlage von Fakten treffen, seien vorsichtiger geworden und hätten ihr Portfolio konservativer ausgerichtet, um weniger Risiken einzugehen. Auch die Corona-Krise stützt diese These. Die befragten Anleger in der Schweiz haben die Nerven behalten: Panikkäufe waren selten. Nur die Hälfte hat zwischen Mitte Februar und Ende April 2020 Veränderungen im eigenen Anlageportfolio vorgenommen und dabei mehrheitlich günstige Kurse für Aktienkäufe genutzt.

Krisen und andere Negativereignisse führen auch immer zu einer kurzzeitigen Flucht in Cash oder Gold. So hat der Cash-Anteil in den Portfolios in den vergangenen zehn Jahren zwischen 28 Prozent und 34 Prozent je nach Börsenlage fluktuiert und eine gegenläufige Entwicklung zum Aktienanteil gezeigt. Nach der Finanzkrise wurde die Aktienquote wieder langsam ausgeweitet (Risiko wurde erhöht), während aufgrund der Schuldenkrise in der Eurozone und der Freigabe des Schweizer Franken-Euro-Kurses 2015 der Aktienanteil verkleinert und das Risiko gesenkt wurden. Die Abkehr von risikoreichen Anlagen ist jeweils nur von kurzer Dauer. „Obwohl sie Aktien für überbewertet halten, reiten sie auf der Welle mit. Das hat auch damit zu tun, dass die Anleger ‚echte‘ Alternativen zu Aktien – wie Private Equity – zu wenig verstehen und ihnen skeptisch gegenüberstehen», sagt Univ.-Prof. Dr. Teodoro D. Cocca.

2020 haben deutsche Befragte durchschnittlich 12 Prozent und die Schweizer und Österreicher je vier Prozent ihres Vermögens in alternative Anlagen investiert, obwohl im spezifischen Fall von Private Equity 40 Prozent angeben, dass sich diese Anlageklasse unabhängig von Aktienmärkten und anderen Anlagekategorien entwickle – und somit eine Portfoliobeimischung sinnvoll sein könnte. Allerdings findet auch ein Drittel der Befragten, dass Private-Equity-Anlagen schwer zu verstehen seien. Im Aktienbereich tendieren Anleger weiterhin dazu, heimische Titel zu bevorzugen. Die geografische Diversifikation hat sich leicht verbessert, insgesamt ist die Diversifikation wie auch schon in früheren Ausgaben des LGT Private Banking Reports aufgezeigt wurde, suboptimal.

All diese Effekte – die kritischere Haltung gegenüber den Beratungsbemühungen der Banken, der Verzicht auf Anlagen, die man nicht versteht, und die Skepsis gegenüber alternativen Anlagen – haben dazu geführt, dass sich an der Portfolio-Struktur der Anleger in den letzten zehn Jahren nur wenig geändert hat. Die Aktienquote und der Cash-Anteil erhöhten sich von 2010 bis 2020 nur leicht (von 34% auf 36% bzw. von 28% auf 29%). Lediglich der Anteil von Anleihen hat kontinuierlich und bis 2020 signifikant abgenommen (von 14% auf 6%).

«Private-Banking-Kunden erlebten in den letzten zwölf Jahren mit der Finanzkrise 2008, der Schuldenkrise in der Eurozone, Ereignissen wie Fukushima oder dem Brexit sowie schwelenden Handelskonflikten turbulente Zeiten. Diese Turbulenzen scheinen, wenn, dann eher eine kurzfristige Wirkung auf die Anlage- und Entscheidungsmuster zu haben. Längerfristig ist es erstaunlich, wie gering ihr Einfluss bleibt», sagt Univ.-Prof. Dr. Teodoro D. Cocca. Dies bestätigt auch Meinhard Platzer, Co-CEO der LGT Bank Österreich: «Für den Anlageerfolg ist das Zusammenspiel der strategischen, langfristigen und der taktischen, kurzfristigen Vermögensallokation entscheidend. So können Anleger auch sicher durch turbulente Zeiten wie die Corona-Krise navigieren und kurzzeitig Chancen nutzen.»

Persönliche Beratung bleibt die Kerndienstleistung

Auch wenn einzelne Anleger aufgrund von Krisenerfahrungen vermehrt auf die eigenen Fähigkeiten gesetzt haben, bleibt für die große Mehrheit der Kunden die persönliche Beratung sehr wichtig. Dabei wird sogar eine höhere Kontaktintensität gewünscht, speziell im Rahmen von persönlichen Gesprächen und Events. Der Digitalisierungstrend ist vor allem in den letzten zwei Jahren abgeflacht. Online-Angebote, v.a. für die Auftragserteilung und das Monitoring der Portfolios, haben zwar mittlerweile in allen Altersklassen eine konstante hohe, teils aber sogar leicht rückläufige Bedeutung. Tendenziell hat in den vergangenen zehn Jahren auch die Wechselbereitschaft der Private-Banking-Kunden abgenommen und die Bindung der Kunden an die Banken zu Lasten der Rolle des Kundenberaters zugenommen.


Obwohl das Thema Nachhaltigkeit in den Medien viel Aufmerksamkeit erhält und die Anleger die Wichtigkeit von ökologischen, sozialen und ethischen Aspekten bei der Auswahl von Anlagen betonen, werden nachhaltige Anlagen aktuell nur wenig genutzt. Die Hälfte der Anleger gibt sich überzeugt, dass nachhaltige Vermögensanlagen helfen würden, ethische Standards in der Wirtschaft durchzusetzen, soziale Bedingungen zu verbessern und die Umwelt und das Klima zu schützen. Ein Großteil zeigt sich sogar „besorgt“ über den Klimawandel und die sich zunehmend öffnende Schere zwischen Armen und Reichen. Die Anleger gewichten in ihrer Wahrnehmung (vermeintlich) reine Renditeüberlegungen klar höher als Umwelt- oder soziale Risiken – obwohl inzwischen die meisten Studien belegen, dass nachhaltige Anlagen langfristig bessere Renditen erzielen.

Methodik

Im Rahmen des LGT Private Banking Reports führte die Abteilung für Asset Management der Johannes Kepler Universität Linz unter Leitung von Univ.-Prof. Dr. Teodoro D. Cocca im Januar/Februar 2020 die seit 2010 sechste Befragung zum Anlageverhalten von Private-Banking-Kunden in Deutschland, Österreich und der Schweiz durch. Insgesamt wurden 358 Personen befragt. Zentrales Kriterium für die Teilnahme an der Befragung war das frei verfügbare Anlagevermögen: in Deutschland und Österreich mehr als EUR 500 000 und in der Schweiz mehr als 900.000 Schweizer Franken. Aufgrund der Auswirkungen der Corona-Pandemie auf die Finanzmärkte wurde im April 2020 eine Anschlussbefragung mit den bereits im Jänner durch das LINK Institut befragten Private-Banking-Kunden in der Schweiz durchgeführt (127 Personen).