Meldungen | Gold & Edelmetalle
25.02.2021

Der Goldpreis in Pausenmodus

Daniel Briesemann, Commerzbank-Analyst, kann die aktuelle Schwäche beim Goldpreis nachvollziehen, rechnet langfristig dennoch mit einem weiteren Aufschwung.

Daniel Briesemann, Commerzbank

Daniel Briesemann, Commerzbank

Commerzbank

Dem Goldpreis schlägt im Moment viel Gegenwind ins Gesicht und es gelingt ihm nicht, seinen Aufwärtstrend wieder aufzunehmen, erklärt Daniel Briesemann, Commerzbank-Analyst, in seinem aktuellen Marktkommentar:

Während wir nicht ausschließen, dass Gold kurzfristig weiter fällt, sind wir langfristig von deutlich höheren Preisen überzeugt. Unseres Erachtens kann man Gold derzeit mit einem Tsunami vergleichen. Silber hat sich in den letzten Monaten von Gold entkoppelt. Es profitiert von seiner Eigenschaft als industrielles Edelmetall und den damit verbundenen Aussichten auf eine Wirtschaftserholung. Gold gelingt es schon seit mehreren Wochen nicht mehr, seinen Aufwärtstrend wieder aufzunehmen. Zuletzt stand der Preis sogar merklich unter Druck und ist wieder unter die psychologisch wichtige Marke von 1.800 US-Dollar je Feinunze auf den tiefsten Stand seit Ende November gefallen. Die charttechnisch wichtige 200-Tage-Linie hatte Gold bereits Anfang Februar nachhaltig unterschritten. Das charttechnische Bild hat sich deutlich eingetrübt, ein Rutsch unter das November-Tief bei 1.765 US-Dollar könnte weitere Anschlussverkäufe auslösen. In Euro gerechnet war Gold bereits unter das November-Tief von 1.473 Euro je Feinunze gefallen.

Gold fehlt schon seit einigen Wochen die Unterstützung der Finanzinvestoren. Hatten die ETF-Anleger in den ersten Januar-Tagen noch Gold gekauft, haben sie sich seitdem merklich zurückgezogen. Die von Bloomberg erfassten Gold-ETFs verzeichnen seit Jahresbeginn mittlerweile Abflüsse von 32 Tonnen. Auch die spekulativen Finanzinvestoren halten sich laut der CFTC-Statistik zurück. Deren Netto-Long-Positionen sind im historischen Vergleich schon seit Monaten unterdurchschnittlich. Von ihnen sehen wir allerdings keine größere Gefahr für den Goldpreis ausgehen.

 

Anleiherenditen als Konkurrenz

Der größte Gegenwind schlägt Gold seitens der Anleiherenditen ins Gesicht. In den USA ist die Rendite 10-jähriger Staatsanleihen von ihrem Tief bei 0,5 Prozent p.a. im letzten Sommer mittlerweile auf über 1,3 Prozent p.a. gestiegen, der höchste Wert seit fast einem Jahr. Zuletzt gewann der Renditeanstieg sogar an Dynamik. Dies macht Gold als zinslose Anlagealternative weniger attraktiv. Hinzu kommen die festen Aktienmärkte, die weiterhin von Rekord zu Rekord eilen, und den nach wie vor hohen Risikoappetit der Marktteilnehmer ausdrücken. Entsprechend ist Gold auch als sicherer Hafen derzeit kaum gefragt. Zudem hat der US-Dollar offenbar seinen Abwärtstrend gestoppt und seit Jahresbeginn etwas aufgewertet. Er hat sich also von einem Unterstützungsfaktor zu einem Belastungsfaktor gewandelt. Solange sich an den aktuellen Rahmenbedingungen nichts ändert, wird Gold dem Gegenwind nur schwer standhalten können und weiter unter Druck bleiben. Wir schließen nicht aus, dass Gold kurzfristig weiter fällt, auch wenn wir keinen Preiseinbruch erwarten. Denn in der Vergangenheit wurden Preise unter 1.800 US-Dollar als Kaufgelegenheit erachtet, wodurch ein Abrutschen verhindert wurde.

Mittel- bis langfristig bleiben wir positiv für Gold gestimmt. Unser Optimismus basiert dabei auf mehreren Gründen. So sind die Schuldenberge vieler Staaten durch die Corona-Hilfsprogramme enorm gestiegen. Ein nennenswerter Abbau dieser ist nicht nur eine Herkulesaufgabe, sondern könnte Generationen beschäftigen. Auch aus diesem Grund führen die Zentralbanken ihre ultra-lockere Geldpolitik fort – hier ist kein Ende in Sicht. Die umfangreichen Anleihekäufe haben die Bilanzsummen der Zentralbanken aufgebläht. Die Rückkehr zu einer „normalen“ Geldpolitik bleibt ihnen versperrt, da wichtige Ziele wie zum Beispiel eine höhere Inflation noch lange nicht erreicht sind. Daher dürfte sich auch das zügellose Gelddrucken auf beiden Seiten des Atlantiks fortsetzen, was dazu führt, dass die Nominalrenditen entweder niedrig (USA) oder negativ (Eurozone) bleiben. Die EZB könnte dieses Jahr sogar nochmal nachlegen. Nach Abzug der Inflationsrate sind die Realzinsen sowohl in den USA als auch in der Eurozone negativ. Und zuletzt steigende Inflationserwartungen drücken die Realzinsen noch weiter ins Negative, da die Zinserwartungen nicht entsprechend mitziehen. Auf absehbare Zeit sind auch mit Blick auf die erwähnten Schuldenberge keine Zinserhöhungen in Sicht.

 

Münzabsätze legen zu

Die Investmentnachfrage dürfte zwar ihr Rekordniveau des letzten Jahres nicht wieder erreichen, wir erwarten hier jedoch keinen Einbruch. Zu erwähnen ist dabei, dass die Nachfrage nach US-Goldmünzen im Januar so hoch war wie zuletzt vor 11 Jahren. Die Münzabsätze im Februar sind bislang ähnlich stark. Dies zeigt, dass Gold von den Anlegern weiterhin gefragt ist. Gold würde unserer Meinung nach zusätzlich von einer wieder anziehenden physischen Goldnachfrage in Asien profitieren. Anzeichen einer Erholung gibt es diesbezüglich zumindest in Indien, dem zweitgrößten Goldkonsumenten hinter China, wo ab März die Importsteuer auf Gold gesenkt wird. Wir erwarten ferner, dass auch die Zentralbanken ihre Kaufzurückhaltung aufgeben werden. Unter dem Strich haben wir unsere Goldpreisprognose leicht nach unten genommen. Am Ende des Jahres sehen wir Gold jetzt bei 2.000 US-Dollar je Feinunze.

Silber hat seine Unterbewertung gegenüber Gold nicht nur weiter aufgeholt, sondern mittlerweile auch komplett abgebaut. Das viel beachtete Gold/Silber-Verhältnis liegt aktuell bei rund 65 und damit auf dem langjährigen Durchschnitt. Silber, dessen Richtung oft von Gold vorgegeben wird, hat sich in den letzten Monaten von Gold entkoppelt. Während der Goldpreis seit Jahresbeginn um 6,5 Prozent gefallen ist, ist der Silberpreis um gut 2 Prozent gestiegen. Silber als industrielles Edelmetall hat dabei unseres Erachtens von der Stärke der Industriemetallpreise profitiert. Zwischenzeitlich war Silber Spielball von Spekulanten, die zu Verwerfungen am Silbermarkt geführt und den Silberpreis Anfang Februar auf ein 8-Jahreshoch von 30 USD je Feinunze getrieben haben. Die Lage hatte sich aber nach wenigen Tagen wieder beruhigt, wobei der Silberpreis einen Teil der Gewinne bis zuletzt beibehalten hat. Konträr zu Gold haben sich auch die Bestände der Silber-ETFs entwickelt: Noch unter dem Einfluss der Verwerfungen von Ende Januar/Anfang Februar stehend, haben die von Bloomberg erfassten Silber-ETFs in diesem Jahr bislang Zuflüsse von 2.590 Tonnen verzeichnet. Zwischendurch waren es sogar rund 1.450 Tonnen mehr. Die spekulativen Finanzinvestoren waren Silber ebenfalls mehr zugetan als Gold: Deren Netto-Long-Positionen sind im historischen Vergleich klar überdurchschnittlich, auch wenn sie zuletzt etwas abgebaut wurden.

 

Silbernachfrage steigt

Mitte Februar äußerte sich das Silver Institute sehr optimistisch zur globalen Silbernachfrage in diesem Jahr. Diese soll angeführt durch die Industrienachfrage und die physische Investmentnachfrage um 11 Prozent auf ein 8-Jahreshoch von 1.025 Millionen Unzen steigen. Damit würde der Rückgang im letzten Jahr mehr als wettgemacht werden. Die Industrienachfrage soll angetrieben durch elektrische und elektronische Anwendungen um 9 Prozent auf 510 Millionen Unzen steigen, die physische Investmentnachfrage ein 6-Jahreshoch von 257 Millionen Unzen erreichen. Die Silberminenproduktion soll die Corona-bedingten Verluste des Vorjahres ebenfalls wettmachen und auf ein 5-Jahreshoch von 866 Mio. Unzen steigen. Das Angebot aus Altsilber soll auch wegen der stärkeren Preise das fünfte Jahr in Folge zunehmen. Die höhere Nachfrage kann zwar nicht verhindern, dass der physische Silbermarkt (d.h. ohne ETFs) auch in diesem Jahr einen Angebotsüberschuss aufweist. Dieser soll aber deutlich geringer ausfallen als im Vorjahr und der niedrigste seit dem letzten Defizit vor sechs Jahren sein. Detaillierte Zahlen veröffentlicht das Silver Institute im Rahmen seines „World Silver Survey“ im April.

Die kurzfristigen Aussichten sind für Silber unseres Erachtens positiver als für Gold. Denn Silber sollte von seiner Eigenschaft als industrielles Edelmetall und den damit verbundenen Aussichten auf eine Wirtschaftserholung profitieren. Wir haben daher unsere Silberpreisprognose leicht nach oben angepasst. Ende des Jahres sehen wir den Silberpreis nun bei 30 US-Dollar je Feinunze. Das Gold/Silber-Verhältnis würde dann bei 67 liegen, also in etwa auf dem gegenwärtigen Niveau.