Meldungen | Emerging Markets, Marktkommentar
05.07.2012

"Die Gefahr einer Kapitalflucht aus den Schwellenländern ist real"

Jim Leaviss, Fondsmanager und Leiter des Anleihenbereichs bei M&G Investments, zu den Auswirkungen der Euro-Schuldenkrise auf die bisher als sicherer Hafen geglaubten Schwellenländer.

Jim Leaviss, Leiter des Anleihenbereichs bei M&G Investments

Jim Leaviss, Leiter des Anleihenbereichs bei M&G Investments

Schroders

Die Gefahr einer Kapitalflucht aus den Schwellenländermärkten zurück in die etablierten Industriestaaten ist aufgrund der sich zuspitzenden Schuldenkrise im Euroraum angestiegen. Nach meiner Auffassung könnte eine Kapitalflucht für Schwellenländeranleihen beträchtliche Probleme mit sich bringen: geringere Liquidität von Schwellenländeranleihen, höhere Kreditkosten für die Schwellenländer, Abwertung der lokalen Währungen. In den Anleihekursen werden diese Risiken häufig nicht angemessen berücksichtigt. So liegt beispielsweise der Spread von Kreditausfallversicherungen, so genannten Credit Default Swaps (CDS), auf brasilianische Staatsanleihen derzeit in etwa auf demselben Niveau wie die CDS-Spreads von niederländischen und deutschen Staatsanleihen. Meiner Meinung nach deutet dies darauf hin, dass die Anleger viele Schwellenländermärkte immer noch als "sichere Häfen" betrachten – eine Auffassung, die ich nicht teile. Anleiheinvestoren unterschätzen zudem die Risiken, mit denen Staaten wie Polen, Russland und die Türkei momentan zu kämpfen haben.

 

Internationale Investoren halten einen hohen Anteil an Anleihen in lokaler Währung. Ein Beispiel dafür ist Peru, wo ausländische Anleger 48% der in lokaler Währung denominierten Staatsanleihen besitzen. In Ungarn liegt dieser Anteil bei 39%, in Malaysia bei 26% und in Mexiko bei 24%. Nach meiner Einschätzung könnte es für die Schwellenländermärkte gravierende Folgen haben, sollten ausländische Gläubiger damit anfangen, diese Positionen abzustoßen.

 

Banken reduzieren bereits ihre Engagements in den aufstrebenden Märkten und veräußern einen Teil ihrer Positionen in Schwellenländeranleihen. Dies ist auch darauf zurückzuführen, dass Banken in Europa zurzeit mit strengeren Regulierungen konfrontiert werden, die auch eine Aufstockung der Kernkapitalquoten umfassen. Falls Banken durch die Emission von Aktien nicht ausreichend Kapital beschaffen können, bleibt als einzige Option der Abbau von Verbindlichkeiten, was wiederum eine Einschränkung bei der Kreditvergabe zur Folge hat.

 

Eine große, internationale Bank hat aufgrund des nachlassenden Wachstums in Lateinamerika schon mit dem Rückzug aus dieser Region begonnen. Gleichzeitig haben deutsche und österreichische Finanzinstitute zuletzt die Kreditvergabe an osteuropäische Staaten wie Ungarn und Rumänien eingeschränkt, wo sich nach Schätzungen von Bloomberg jeder vierte Kredit im Verzug befindet.

 

Vor diesem Hintergrund ich die Gewichtung des M&G Global Macro Bond Fund in den Schwellenländermärkten kürzlich auf eine Short-Positionierung (-3,6% per 28. Mai 2012) reduziert. Im Gegenzug favorisiere ich Papiere aus den USA, den europäischen Kernstaaten sowie aus Großbritannien.

 

Derzeit ist der Fonds nicht in Schwellenländerwährungen investiert. Stattdessen hält der Fonds den Großteil seiner Währungen im US-Dollar, im britischen Pfund sowie im japanischen Yen. Darüber hinaus hat der Fonds Short-Positionen im australischen und neuseeländischen Dollar aufgebaut, weil ich diese beiden Währungen für überbewertet halte.