Meldungen | Marktkommentar
20.11.2019

Durchhalten bleibt oberste Devise

Der Wirtschaftszyklus ist noch nicht an seinem Ende angelangt, auch wenn quer deutliche Anzeichen für eine Verlangsamung der Konjunktur zu beobachten sind, meint Christian Nemeth, Chief Investment Officer der Zürcher Kantonalbank Österreich.

Christian Nemeth, Chief Investment Officer ZKB Österreich

Christian Nemeth, Chief Investment Officer ZKB Österreich

Foto: ZKB

Moderater Optimismus ist angebracht. Nur mit einer langfristigen Strategie unter entsprechender Berücksichtigung renditestarker Assets wie Aktien werden Anleger für ihr Durchhaltevermögen belohnt, während zu konservative Anleger etwa durch die Anleihen-Flaute bestraft werden. Denn am Niedrigzinsumfeld wird sich kurzfristig nichts ändern. Den Notenbanken aber dafür den Schwarzen Peter zuzuschieben, ist zu kurz gegriffen. Die Gründe für die Zinssituation sind im strukturellen Wandel der Volkswirtschaften zu sehen und zum Teil demografischer Natur. Unterm Strich wird zu viel gespart und zu wenig investiert.

Der Internationale Währungsfonds IWF sieht die Weltwirtschaft im aktuellen „World Economic Outlook“ in einem synchronen Abschwung begriffen. Diese Verlangsamung der Wirtschaft findet jedoch vor allem im Industriebereich statt, wo sich der schwelende Handelskonflikt zwischen China und den USA am stärksten niedergeschlagen hat. In naher Zukunft ist für den Industriesektor jedoch eine gewisse Stabilisierung zu erwarten. Auch wenn die konjunkturellen Daten noch schwach sind, zeigen die vorlaufenden Indikatoren eher eine Stabilisierung als ein Abgleiten in eine globale Rezession an. Die Zürcher Kantonalbank Österreich AG ist daher im Rahmen ihrer derzeitigen Anlagepolitik moderat positiv eingestellt und behält die leichte Übergewichtung auf der Aktienseite bei. Aktieninvestments bleiben weiterhin der wichtigste Hebel für eine ansprechende Rendite. Wer in ein gut diversifiziertes Portfolio mit entsprechender Aktiengewichtung investiert ist, sollte durchhalten und die Strategie beibehalten.

Die verkannte Gefahr der Vermögenspreisinflation

Wer konservativ anlegt und etwa auf klassische Staatsanleihen setzt, wird in Zeiten des Tiefzinsumfelds mit niedrigen oder neuerdings sogar negativen Zinsen bestraft, de facto gibt es bei diesen Assets keine Renditen. Dabei bleibt es auch, denn seitens der Notenbanken ist keine Abkehr ihrer Geldpolitik zu erwarten. Die EZB wird an ihrem Inflationsziel um zwei Prozent festhalten. Während die Güterpreisinflation dem Einzelnen schon aus dem täglichen Einkauf heraus bekannt ist, werden die Gefahren der Vermögenspreisinflation oft nicht gesehen. Die expansive Notenbankpolitik hat dazu geführt, dass freie Liquidität in Finanzanlagen und Immobilien drängt und die Preise nach oben treibt. Wer allerdings nur auf Sicherheit setzt und selbst nicht in diese renditestarken Assets investiert ist, verliert langfristig an Wohlstand. Das geht im Extremfall so weit, dass man sich zu einem gewissen Zeitpunkt die gewünschte Wohnung oder das ursprünglich überlegte Aktienportfolio schlicht nicht mehr leisten kann, selbst wenn man wollte.

Auch Notenbanken können sich den Marktkräften nicht entziehen

Die Notenbanken versuchen mit ihrer ultralockeren Geldpolitik, Investitionen anzukurbeln und den Konjunkturzyklus weiter am Leben zu erhalten. So hat die US-Notenbank Fed zum dritten Mal hintereinander die Leitzinsen gesenkt. Die EZB hatte den Leitzins zuletzt bei null Prozent belassen, wobei Banken sogar 0,5 Prozent Negativzinsen bezahlen müssen, wenn sie überschüssige Gelder bei der EZB parken. Ein Ende des Tief- oder Negativzinsumfelds in den nächsten Jahren ist nicht in Sicht. Tiefzinsen sind ein globales Phänomen. Auch Notenbanken können sich den sie beeinflussenden Marktkräften nicht entziehen. Die Grundprobleme der Volkswirtschaften sind struktureller und teilweise auch demografischer Natur.
 

Die Gesellschaft ist zu sparsam und zu unproduktiv

Einer der wesentlichen Gründe ist die zunehmende Alterung der Gesellschaft vieler Industrieländer. Die Generation der Babyboomer geht in den Ruhestand, wodurch sich das Verhältnis zwischen unproduktiver und produktiver Bevölkerung verschlechtert. Die Produktivität, die an getätigte Investitionen gekoppelt ist, sinkt. Je älter die Bevölkerung ist, desto größer ist ihr Hang zum Sparen für die Altersvorsorge. Im aktuellen Zinsumfeld ist die Sparneigung besonders ausgeprägt, denn für einen bestimmten Ertrag sind in Zukunft höhere private Rücklagen notwendig, um die Rente zu sichern. Folglich wird derzeit zu viel gespart und zu wenig investiert. Das macht die Investitionsanreize der Notenbankpolitik zunichte, führt aber gleichzeitig dazu, dass brachliegendes Kapital wohl noch länger durch Negativzinsen bestraft werden wird. Es liegt an allen Marktteilnehmern, wieder mehr zu investieren und ein ausgewogenes Verhältnis zwischen Sparen und Investieren wiederherzustellen.