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14.10.2020

Europa bleibt ESG-Spitzenreiter

Craig Sterling, Head of Equity Research und US Director Core Equity bei Amundi, zeigt auf, wie die USA die ESG-Lücke schließen und wie Joe Biden Umwelt- sowie Sozialpolitik nach einem Wahlsieg voranbringen würde.

Craig Sterling, Amundi

Craig Sterling, Amundi

Amundi

Europa vereint noch etwa 75 Prozent der ESG1-Investmentfonds weltweit auf sich und ist somit Spitzenreiter, zeigt Craig Sterling, Head of Equity Research und US Director Core Equity bei Amundi, in seinem neuen Kommentar auf. US-amerikanische ESG-Investoren dürften von der aktuellen Aufholjagd profitieren, da US-Unternehmen die Lücke zu den führenden globalen Unternehmen in Bezug auf ESG-Transparenz und -Performance schließen müssen. Der Trend zu ESG wird in den Vereinigten Staaten sowohl von den Anteilseignern vorangetrieben, die eine ESG-Integration in die Geschäftsstrategien der Unternehmen fordern, aber ebenso von Investoren, die ESG als Alpha-Quelle nutzen, und von Aufsichtsbehörden, die ESG in ihren Regelwerken formalisieren wollen.

Es gibt immer mehr empirische Belege, dass Unternehmen, die ESG aktiv vorantreiben, mit positiven risikobereinigten Renditen korreliert sind. ESG kann so eine regelmäßige Outperformance gegenüber traditionellen Benchmarks für aktive Aktieninvestoren liefern. In der ersten Hälfte des Jahres 2020 lagen die Vereinigten Staaten bei den ESG-Ratings der großen Agenturen weiterhin hinter anderen Ländern und Regionen zurück. Die US-Firmen holen aber auf. Wenn Joe Biden gewinnt und die Demokraten den Kongress übernehmen, werden sie sich bei ESG-Kriterien im Vergleich zur weltweiten Konkurrenz weiter verbessern.

USA schließen die ESG-Datenlücke

Auch ohne neue föderale Vorschriften fördern Verbesserungen bei der ESG-Datenbasis und damit mehr Transparenz die Dynamik: ein wichtiger Grund für den Unterschied in der ESG-Punktzahl zwischen US-Unternehmen und den weltweit besten ESG-Unternehmen. Und die Anteilseigner beeinflussen durch ihre ökologisch und sozial orientierten Aktionärsbeschlüsse die Entwicklung zusätzlich.

Die „ESG-Assets under Management“ sind gemäß Morningstar bereits von 96 Milliarden US-Dollar Anfang 2017 auf 145 Milliarden US-Dollar im Juli 2020 gestiegen. Allein in der ersten Hälfte dieses Jahres erhöhte sich das Volumen um 20,9 Milliarden US-Dollar. Wenn die Verbesserung des ESG-Profils eines Unternehmens ein wesentlicher Faktor für den künftigen Ertrag darstellt, ist eine schnelle Einführung von ESG-Daten angesichts des Wirtschaftseinbruchs durch Covid-19 besonders nötig.

Biden steht für Umwelt und Soziales

Eine Biden-Präsidentschaft und ein demokratischer Kongress werden den Prozess wahrscheinlich beschleunigen. Die ESG-Lücke wird sich verkleinern und Chancen für ESG-Strategien schaffen. Selbst, wenn Trump wiedergewählt wird, wird der Druck der Anleger für eine bessere Umwelt- und Sozialpraxis bleiben und die Investmentströme in die ESG-Richtung treiben – allerdings dann wohl nicht auf dem gleichen Niveau wie bei Biden. Biden hat den Klimawandel zu einem Hauptthema seiner Kampagne gemacht. Eine demokratische Wende sollte die Vereinigten Staaten von fossilen Brennstoffen wegbringen, und gleichzeitig erneuerbare Energien durch Subventionen für Wind- und Sonnenenergie, Elektrofahrzeuge und Biokraftstoffe fördern.

Biden hat aber ebenso das S in ESG, also die Sozialpolitik, im Blick. Es werden wohl bessere Gesetze zur Datensicherheit und zum Datenschutz kommen, die Finanz-, Konsum- und Technologieunternehmen betreffen. Und es wird wohl schon bald Arbeitsreformen geben, die die Verhandlungsmacht der Arbeitnehmer, Löhne, Arbeitsplatzsicherheit und Flexibilität erhöhen. Unternehmen, die bereits Gehälter über dem geplanten Mindestlohn von 15 Dollar pro Stunde zahlen, oder die gewerkschaftlich organisiert sind, sind für die Reform besser gerüstet – und haben in der Regel ein besseres ESG-Profil. Unternehmen, die nicht ihren gerechten Steueranteil zahlen, insbesondere für Einnahmen aus dem Ausland, erhalten quasi eine ESG-Strafe, was insbesondere den Technologiesektor treffen wird. Die Aussicht auf eine Biden-Präsidentschaft und einen demokratischen Kongress dürfte also die Bedeutung von ESG bei US-Aktien beschleunigen. Und so bildet sich für Investoren ein immer attraktiverer Markt.