"Keine Anlage ist mehr risikolos"
"In einer Phase der immensen Marktbelastungen liegt der Schluss nahe, dass der Weltuntergang bevorsteht. Wer glaubt, dass die Europäische Union auseinander bricht und Chinas Wachstum mit kreischenden Bremsen zum Stehen kommt, baut jetzt vermutlich Bunker und betreibt Überlebenstraining", so Dr. Michael Hasenstab, Senior VP und Co-Director des International Bond Department der Franklin Templeton Fixed Income Group. Zudem ist er zuversichtlich, dass die Eurozone fortbesteht und China nicht in Feudalismus zurückfällt.

Dr. Michael Hasenstab, Franklin Templeton Investments
Dennoch glaubt er, dass auf den Finanzmärkten und in China derzeit bahnbrechende Ereignisse stattfinden, die in Zukunft Folgen für Anleger haben – grundsätzlich einige positive, aber auch andere, weniger günstige. Als langfristiger Investor stellt er sich auf diese möglichen künftigen Konsequenzen ein und positioniert sich entsprechend.
Hasenstabs Einschätzungen:
• „Die Lage ist heikel, doch Weltuntergangsstimmung ist nicht angebracht. Griechenland liegt finanziell offenbar in den letzten Zügen, Italien und Spanien, aber keinesfalls.“
• „Ein Land kann eine Liquiditätskrise bewältigen, indem es Geld druckt, doch eine Solvenzkrise überwindet es so nicht – und Arbeitslosigkeit ebenso wenig.“
• „China befindet sich seiner Ansicht nach definitiv im Abschwung eines Minizyklus, steht aber keineswegs vor einem drastischen Einbruch.“
• „Lohndruck in China hat maßgebliche globale Auswirkungen. das Land steht heute an der Schwelle zum Inflationsexport – eine ganz neue Dynamik.“
• „Keine Anlage ist mehr risikolos. Die Frage ist, ob man für eingegangene Risiken entschädigt wird. Chancen gibt es immer, und mit langfristiger Perspektive können sie sich auszahlen.“
Er geht nach wie vor davon aus, dass die Brandmauern für einen eventuellen Ausstieg Griechenlands aus der Eurozone gezogen sind – dass das europäische
Finanzsystem auf einen „Grexit“ vorbereitet ist. Langfristig hält er diese Option unter Umständen für positiv, wenn die Alternative in der unbegrenzten Bezuschussung Griechenlands durch den Rest der EU besteht. In Spanien und Italien erkennt er Anzeichen für allmähliche Fortschritte und sieht Gründe für Optimismus in Bezug auf Europas Zukunft.
„Die Lage ist heikel, doch Weltuntergangsstimmung ist meines Erachtens nicht angebracht. Griechenland liegt finanziell offenbar in den letzten Zügen, Italien und Spanien, wie ich es sehe, aber keinesfalls.“
Sobald die Panik im Zuge der Krise in der Eurozone nachlässt, hält Hasenstab zwei andere Themen aus langfristiger Investmentperspektive für erwägenswert: die lockere Geldpolitik, die viele Zentralbanken seit Jahren verfolgen, und eine wirtschaftliche Neuausrichtung in China.
Seit Einsetzen der Finanzkrise in den USA 2008/2009 haben die US-Notenbank Federal Reserve und mehrere weitere Zentralbanken weltweit diverse Anreizmaßnahmen ergriffen, um kurzfristige Marktschocks abzufedern und Wachstum anzukurbeln. Was hält Hasenstab vom fortgesetzten Ansatz der Fed, jedes Problem mit Dollars zuzuschütten?
„Ein Land kann eine Liquiditätskrise bewältigen, indem es Geld druckt, doch eine Solvenzkrise überwindet es so nicht – und Arbeitslosigkeit ebenso wenig. Die Arbeitslosenquote in den USA ist hoch, weil das Land einen typischen Aufschwung nach dem Crash im Zuge einer Finanzmarktkrise erlebt, von dem es sich womöglich erst in zehn Jahren erholt. Die Druckerpressen sorgen für Liquidität, beschleunigen diesen Prozess aber nicht, der für Inflation und Kapitalflüsse
meines Erachtens in Zukunft eher negative als positive Folgen haben wird.“
Ein Teil des frisch gedruckten Geldes rekapitalisiert das kranke Finanzsystem im eigenen Land, doch ein Teil fließt auch auf andere Märkte. Hasenstab glaubt, dass solche Geldströme Schutz vor einer potenziellen Kreditklemme in den Schwellenländern bieten können, was er positiv wertet. Der von den USA ausgelöste „geldpolitische Tsunami“ könnte aber in anderen Ländern auch Inflation herbeiführen, wenn die vielen Dollars das System überfluten und die Rohstoffpreise
in die Höhe treiben.
Wenn die großen Volkswirtschaften Geld drucken und ihre Währungen dadurch abwerten, sucht sich das Publikum in der Regel Wertspeicher. Das Verpacken von Rohstoffen in Finanzinstrumente ist eine direkte Folge dieser anhaltenden quantitativen Lockerungspolitik. Anziehende Rohstoffpreise machen sich gewöhnlich zuerst auf Schwellenmärkten bemerkbar, die stärker vom Rohstoffverbrauch abhängen und höhere Preise nicht so gut absorbieren können.
Auf manchen dieser Märkte haben wir vorübergehend rückläufige Inflation festgestellt, doch sie ist immer noch ein Grundthema, das sich kaum verflüchtigen dürfte. In Anbetracht dieses außergewöhnlichen Experiments mit geldpolitischen Lockerungen müssen wir damit ausgesprochen defensiv umgehen.
Strukturwandel in China
Der Einfluss Chinas auf die Weltwirtschaft ist unumstritten. Eine bevorstehende „unsanfte Landung“ seiner Wirtschaft ist in aller Munde. 2010 wuchs Chinas BIP um 10,5%, 2011 um 9,2%1. Für dieses Jahr werden verschiedentlich Wachstumsraten um 7 bis 8% prognostiziert. Ein hartes Aufsetzen stellt dieser allmähliche Rückgang keinesfalls dar. Doch was könnte eine unsanfte Landung auslösen?
„Voraussetzung dafür wäre ein massiver politischer Fehler durch eine Übersteuerung in China, die das Land in die Rezession treiben würde. Das halte ich für unwahrscheinlich. China befindet sich meiner Ansicht nach definitiv im Abschwung eines Minizyklus, steht aber keineswegs vor einem drastischen Einbruch. Ein weiterer Auslöser für eine harte Landung wäre eine Krise im Bankensystem, für die ein Land wie China mit künstlich niedrig gehaltenen Zinsen besonders anfällig sein kann. Mit 3 Bio. US-Dollar an Devisenreserven ist China meines Erachtens gegen eine solche Krise aber sehr gut gewappnet.“
Auch wenn China eine weiche Landung gelingt, steht es dennoch vor Herausforderungen im Zusammenhang mit der notwendigen Weiterentwicklung der Wirtschaft und der Liberalisierung auf den von Hasenstab so genannten „Faktormärkten“ für Grundstückspreise, Umweltkosten und Zinsen.
„Stellen Sie sich ein ganz typisches Projekt für China vor: ein Kohlekraftwerk. Derzeit bekommt der Eigentümer vom Staat für 2% Kredit, baut mit Technik aus den 1950er Jahren, die die Umwelt massiv belastet, und erhält das Bauland kostenlos. Bei einer Liberalisierung müsste er für den Kredit vielleicht 8% zahlen, moderne Technik einsetzen und das Land kaufen. Die Rentabilität beziehungsweise die Kostenstruktur seines Unternehmens sähe ganz anders aus. China steht offenbar vor einer effizienteren Kapitalallokation. Es stellt sich von höherem, möglicherweise als minderwertig zu betrachtendem Wachstum auf niedrigeres, jedoch qualitativ höherwertiges Wachstum um. Diesen Wandel halte ich für wesentlich. Der Prozess birgt jedoch viele mögliche Schwachstellen, denn dafür muss der Staat gewissermaßen die Zügel aus der Hand geben.“
Außerdem ist China mit einem potenziellen Arbeitskräftemangel konfrontiert, was schwer vorstellbar erscheint. Viele halten das Arbeitskräfteangebot in China für unbegrenzt, doch die Einkindpolitik schlägt sich nach und nach in der Bevölkerungsentwicklung nieder. Das Ergebnis? Steigende Löhne. „Das erkennt man an den elementarsten Arbeitskosten – den Kosten für Wanderarbeiter. Sie hatten trotz steigender Inflation und anziehender Wachstumsraten stagniert und tendieren jetzt aufwärts. Lohndruck in China dürfte maßgebliche globale Auswirkungen zeigen. In positiver Hinsicht wird er wohl zur Neuausrichtung der chinesischen Wirtschaft beitragen.
Eines der großen Probleme Chinas ist, dass die Investitionen den Konsum übersteigen. Wie aber steigert man den Konsum? Eine Möglichkeit ist die Einrichtung sozialer Sicherheitsnetze für Arbeitslosigkeit, Gesundheitsversorgung und Bildung, damit keine Sparquoten von 40 bis 50% mehr nötig sind. Doch der Ausbau solcher Systeme braucht Zeit, Jahrzehnte.
Der andere, schnellere Weg besteht in Lohnerhöhungen, damit die Menschen mehr ausgeben. Der chinesische Verbraucher ist nicht anders als andere Verbraucher weltweit. Wenn er mehr verdient, kauft er auch mehr ein.“ Die Kehrseite dieses Strukturwandels in China sind unter Umständen höhere Preise für uns übrige Verbraucher, die wir gern billig chinesische Waren kaufen.
„Einer der ausschlaggebenden Faktoren für Abwärtsdruck auf die Preise war China. China hat jahrzehntelang Deflation exportiert. Hasenstab sieht das Land heute an der Schwelle zum Inflationsexport – eine ganz neue Dynamik. Es ist schlicht unmöglich, Chinas gesamte industrielle Basis in ein Land wie Vietnam zu verlegen, wo die Kosten möglicherweise niedriger sind. Wenn also in China die Preise steigen, muss die Welt das womöglich einfach schlucken.“
„No more Free Lunch“
Was bedeutet das alles heute für einen Anleger? „Es gibt keinen Free Lunch mehrt.” Als Investor gibt es nach wie an Anlagechancen in Ländern, die Wachstum verzeichnen, allem Anschein nach verantwortungsvolle Fiskalpolitik betreiben und kein Fremdkapital abbauen. Von der Vorstellung von einer „risikolosen“ Anlage hat er sich Hasenstab schon vor einiger Zeit verabschiedet.
