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04.08.2022

Kräftige Leitzinsanhebung der EZB

Zum ersten Mal seit Juni 2000 hat die Europäische Zentralbank die Leitzinsen um gleich 50 Basispunkte erhöht. Morgane Delledonne, Director of Research bei Global X ETFs, spricht von einer Verzweiflungstat.

Morgane Delledonne, Global X ETFs

Morgane Delledonne, Global X ETFs

Global X ETFs

Die Europäische Zentralbank (EZB) hat die Marktteilnehmer mit einer deutlichen Anhebung ihrer Leitzinsen um 50 Basispunkte überrascht, betont Morgane Delledonne, Director of Research bei Global X ETFs. Der Euro stieg daraufhin gegenüber dem US-Dollar um 0,53 Prozent. Die Entscheidung der Währungshüter kam angesichts der politischen Unruhe in Italien, der Ausweitung der Spreads zwischen Kern- und Peripherieanleihen und der Verschlechterung des Geschäftsklimas in der gesamten Region und vor allem in Deutschland völlig unerwartet.

Der sehr restriktive Schritt der EZB sieht fast wie eine verzweifelte letzte Gelegenheit zur Erhöhung der Zinssätze aus, bevor die Region im Herbst in eine Rezession stürzt. In ganz Europa, insbesondere in Italien, führt die anhaltende Inflation zu politischer Instabilität. Dies ist eine sehr schwierige Zeit für die EZB. Sie tut natürlich alles, um die Inflation zu bekämpfen und die Inflationserwartungen zu verankern – selbst auf die Gefahr hin, eine Rezession herbeizuführen.

Es ist sehr ungewöhnlich, dass eine Zentralbank ‚Konjunkturabschwächung‘ und ‚Zinserhöhung‘ im gleichen Satz nennt. Die EZB hat in der Vergangenheit die Zinssätze immer auf dem Höhepunkt des Konjunkturzyklus angehoben. Daher könnte dieser restriktive Schritt ein Signal für eine möglicherweise noch vor Jahresende bevorstehende Rezession sein.

Unter den Marktteilnehmern haben die Rezessionsängste die Inflationssorgen abgelöst. Sie sind von der restriktiven Haltung der EZB nicht überzeugt: Der Overnight Index Swap preist niedrigere Zinsänderungen zum Jahresende ein als vor der Ankündigung.

Welche Branchen unter Druck geraten könnten

Aus Anlegersicht sind defensive Sektoren wie Gesundheitswesen, Versorger und Basiskonsumgüter am wenigsten anfällig für bevorstehende Zinsschocks und Konjunkturabschwächungen. Zyklische Sektoren, insbesondere europäische Industriewerte, könnten dagegen anfälliger für steigende Energiepreise sein. Höhere Energiekosten in Europa dürften ihre Gewinnspannen schmälern und könnten zu vorübergehenden Schließungen oder Verzögerungen in der Produktion führen.