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11.01.2022

Schwieriger Start in das Börsenjahr 2022

2022 könnte insgesamt ein gutes Aktienjahr werden, meint Nikolaj Schmidt, Chief International Economist beim Vermögensverwalter T. Rowe Price. Kurzfristig stehen Herausforderungen bevor.

Nikolaj Schmidt, T. Rowe Price

Nikolaj Schmidt, T. Rowe Price

T. Rowe Price

Zum Jahresbeginn 2022 stehen zahlreiche Herausforderungen bevor, einschließlich der Ausbreitung der Omikron-Variante des Coronavirus. Doch Nikolaj Schmidt, Chief International Economist bei T. Rowe Price, geht davon aus, dass die Wirtschaft an Stärke gewinnen und mit ordentlichem Schwung in das Jahr 2023 starten wird.

Es gibt zwar viel aufgestaute Nachfrage in der Wirtschaft, vor allem außerhalb der USA, doch grundsätzlich kommt das Zentralbankverhalten den Märkten immer noch zugute und der Privatsektor verfügt dank der Bereitschaft der Politik, während der Corona-Krise hohe Summen auszugeben, über eine solide Grundlage, so Schmidt.

Laut Schmidt ist dabei jedoch die Inflation eine entscheidende Herausforderung: „Sie hat inzwischen ein Niveau erreicht, das die meisten zu Beginn des Jahres 2021 nicht für möglich gehalten hätten - selbst diejenigen, die sonst immer eine höhere Inflation vorhersagen.“

Bei näherer Betrachtung der Inflation deutet vieles darauf hin, dass die vieldiskutierten Probleme mit den Lieferketten zugrunde liegen, so Schmidt. Ein entscheidender Indikator dafür sind die steigenden Automobilpreise. So sind Neuwagenverkäufe in den USA einschneidend gefallen, während die Preise für Gebrauchtwagen in den letzten 18 Monaten um knapp 50 Prozent in die Höhe geschossen sind. Doch diese Daten seien weder ein Anzeichen für eine Rezession noch eine Überhitzung der Wirtschaft, sondern spiegelten lediglich Probleme auf der Angebotsseite wider. So sei z.B. die Pkw-Produktion in Deutschland seit Februar 2019 bis zum Herbst 2021 um etwas mehr als 50 Prozent zurückgegangen, während sie im Oktober und November um insgesamt 40 Prozent gestiegen ist. Schmidt schlussfolgert dementsprechend: „Sobald die Probleme in den Lieferketten allmählich gelöst werden, wird der größte Teil des Inflationsdrucks, den wir heute erleben, nachlassen.“

Chinesische Reformen

Eine weitere Hürde für das Wirtschaftswachstum sieht der Chefökonom in den chinesischen Reformen des vergangenen Jahres, mit denen die Regierung unter anderem Chinas Schuldenlast zu senken versucht. Die kommunistische Partei setzt klar auf Wachstum, was eine stabilere und leicht stärkere Wachstumskurve als die des vergangenen Jahres in Aussicht stellt. Doch diese Entwicklung wird nicht reibungslos verlaufen, vermutet Schmidt. „Insbesondere die Bemühungen um den Abbau der Schulden des chinesischen Immobiliensektors sollten in Betracht gezogen werden. Wir haben bereits Anfang 2021 gesehen, dass die Nebeneffekte dieser Kampagne die Finanzmärkte beflügeln könnten.“

Überhitzung am US-Arbeitsmarkt?

Darüber hinaus stellen die US-Arbeitsmarktdaten eine entscheidende Herausforderung für das Wirtschaftswachstum 2022 dar. Dass der Markt durch die steigenden Löhne im Jahr 2021 stärker unter Druck geraten ist als erwartet, hat in einigen Kreisen die Sorge geweckt, dass der Arbeitsmarkt auf eine Überhitzung zusteuern könnte. „Wenn wir uns in den USA der Vollbeschäftigung nähern, dann sind wir im Zyklus schon viel weiter, als ich vermutet habe“, warnt Schmidt. „In diesem Fall wird die erhöhte Verbrauchernachfrage eher zu steigenden Löhnen und erhöhter Inflation führen, als zu der erhofften stärkeren Wirtschaftstätigkeit.“

Schmidt bleibt allerdings positiv: Der Druck auf die Löhne in den USA wurde bisher durch ähnliche grundlegende Faktoren wie die der Inflation hervorgerufen und werde daher, ähnlich wie bei der Inflation, mit der Zeit nachgeben.

Omikron-Dämpfer

Trotz solider Marktbedingungen war das Wirtschaftswachstum bereits vor der Omikronwelle gefährdet, so Schmidt, und zwar durch Probleme bei den globalen Lieferketten, strengerer fiskalpolitischer Entscheidungen und hoher Inflation – hauptsächlich aufgrund der steigenden Energiepreise.

Andererseits hat die hohe Inflation für einen Stimmungswechsel bei der US-Notenbank Federal Reserve gesorgt: „Das bedeutet, dass das Herzstück des weltweiten Finanzsystems nun die Notwendigkeit sieht, seine Wertpapierkäufe an den Märkten sowohl früher als auch stärker zurückzufahren – und dass der Weg zu Zinserhöhungen möglicherweise kürzer geworden ist“, erklärt Schmidt. Die Wirtschaft „hinkt“ somit zunächst in das Jahr 2022. Doch was bedeutet das für die Finanzmärkte mit Blick auf den weiteren Jahresverlauf?

Europa vor den USA „Die Finanzmärkte neigen dazu, nicht allzu weit in die Zukunft zu schauen - und ich vermute, dass sie sich zunächst eingehend mit den Herausforderungen befassen werden“, erklärt Schmidt. Für wachstumssensitive Anlagen wie Aktien bedeutet dies, dass der Beginn des neuen Jahres starke Schwankungen mit sich bringen könnte.

Wenn die Dinge mit der Zeit klarer werden und sich abzeichnet, dass die Probleme der globalen Lieferketten bald behoben sein werden, so wird sich auch das Narrativ ändern: „Ich erwarte eine Verschiebung der Perspektive. Nachdem wir blind auf die Herausforderungen gestarrt haben, wird das längerfristige Wachstumsnarrativ wieder dominieren“, so Schmidt. Laut dem Chefökonom wird dies dann eintreten, wenn Klarheit darüber besteht, welche Beschränkungen die großen europäischen Länder und die USA einführen, um die Ausbreitung des Coronavirus auf einem politisch akzeptablen Niveau zu halten.

Für einen langfristigen Ausblick plant Schmidt einen stärkeren Fokus auf den Rest der Welt und weniger auf die USA zu legen: „Außerhalb der USA haben die Volkswirtschaften noch mehr Kraft und einen größeren Nachholbedarf. Deshalb halte ich vor allem Europa für eine interessante Anlagemöglichkeit“, so Schmidt.