Meldungen | Marktausblick
14.12.2017

Vergebliche Kassandrarufe?

Didier Saint-Georges, Mitglied des Investmentkomitees und Managing Director, zu den derzeitigen makroökonomischen Entwicklungen und der aktuellen Anlagestrategie von Carmignac.

Didier Saint-Georges, Managing Director Carmignac

Didier Saint-Georges, Managing Director Carmignac

Foto: Carmignac

Vor einem Jahr präsentierten wir unsere Diagnose einer weltweiten Konjunkturerholung (Carmignac‘s Note vom Dezember 2016 – „Es kommt Wind auf“). Über diese Einschätzung freuten wir uns angesichts der positiven Aussichten für die Aktienmärkte: Sie ließ uns aber auch befürchten, dass diese Aufheiterung im Zuge einer ersten geldpolitischen Straffung durch die US-Notenbank die Anleihenmärkte im Jahr 2017 belasten könnte. Doch diese Befürchtung hat sich nicht bewahrheitet. Die Konjunktur hat sich tatsächlich noch stärker als von uns erwartet erholt. Dieser positive Trend verbreitete sich sogar weltweit, denn die 35 OECD-Länder verzeichnen heute ein Wachstum. Doch trotz dieses unverkennbaren Konjunkturaufschwungs wirkten die Anleihemärkte wie versteinert. Ein aufschlussreiches Beispiel: Die Renditen deutscher Staatsanleihen liegen heute auf exakt demselben Niveau wie am 1. Dezember 2016, und zwar bei nur 0,36 Prozent, während sich das jährliche Wachstum der deutschen Wirtschaft von 1,8 Prozent auf 2,8 Prozent beschleunigen konnte. Die wichtigsten politischen Termine in der Eurozone sind zudem positiv verlaufen und die EZB hat bestätigt, dass sie ihr Anleihenkaufvolumen ab Januar 2018 von monatlich 60 auf 30 Milliarden Euro herunterfahren wird. Die nach wie vor wohlwollende Unterstützung der Zentralbanken zugunsten eines weltweiten Wirtschaftswachstums ohne ein Wiederaufflammen der Inflation, hat das Vertrauen der Anleger auf beispiellose Höhen getrieben. Unter diesem Gesichtspunkt hat sich die stark indexgebundene Vermögensverwaltung in diesem Jahr wieder als gewinnbringend und das Risikomanagement von Marktrisiken als überflüssig erwiesen. Das sogenannte Kassandrasyndrom begleitet uns allerdings nach wie vor. Wir erinnern uns vielleicht, dass in der griechischen Mythologie nicht die zumeist eintreffenden Vorhersagen der Kassandra das Problem sind, sondern die Weigerung der Anderen auf diese zu hören, bzw. rechtzeitig zu handeln, bevor diese sich bewahrheiten. Für 2018 geht es vor allem um eine adäquate Einschätzung der Zukunft: Aktuell befindet sich das Marktumfeld noch in einem idealen Zustand, aber wie geht es weiter, sobald der Konjunkturzyklus und die Normalisierung der Geldpolitik weiter voranschreiten?

Europa: Von der Schwarzmalerei zur Euphorie

Als der Markt kurz nach dem britischen Brexit-Referendum im Juni 2016 den Gipfel seines Pessimismus im Hinblick auf das europäische Projekt erreichte, begann die Konjunktur in der Eurozone in Wirklichkeit gerade erst wieder anzuziehen. Mit Unterstützung des glücklichen Ausgangs der französischen und niederländischen Wahlen konnte der Euro Stoxx dann seinen Aufwärtstrend beginnen und über die vergangenen zwölf Monate um 17 Prozent zulegen, zu denen man aus der Sicht der Anleger jenseits des Atlantiks noch die 14 Prozent Aufwertung des Euros hinzurechnen muss. Heute liegen die nach wie vor bestehenden Risiken in der Kraft, mit der die Reformbemühungen in Frankreich vorangetrieben werden können. Zudem gibt es nach wie vor Risiken mit Blick auf eine mehr oder weniger pro-europäische Ausrichtung der künftigen deutschen Regierung, sowie den innenpolitischen Problemen, mit denen Spanien und Italien umzugehen haben. Das systemische Risiko hat sich in Luft aufgelöst, denn das Gerede über einen Ausstieg aus dem Euro ist verstummt. An den Börsen einen Nutzen aus dieser wirtschaftlichen Aufheiterung in Europa zu ziehen, wird sich 2018 jedoch als schwieriger erweisen. Denn der Umsatz der großen europäischen Konzerne ist stark international geprägt, sodass sie für einen europäischen Konjunkturaufschwung relativ unempfindlich und eher den negativen Auswirkungen eines stärkeren Euros auf ihre Ergebnisse ausgesetzt sind. Die Aktienkurse von Unternehmen mit kleiner und mittlerer Marktkapitalisierung, die enger mit dem Wirtschaftsaufschwung in Europa verzahnt sind, haben sich ihrerseits in den vergangenen fünf Jahren im Durchschnitt bereits verdoppelt (zweifache Performance des Euro Stoxx). Und die effektive Reduzierung der Anleihenkäufe durch die Europäische Zentralbank ab Anfang nächsten Jahres wird letztendlich die Frage nach ihrer konkreten Auswirkung auf die Zinsen und damit auf alle Bewertungen der Märkte aufwerfen.

 

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