Meldungen | Marktausblick
13.07.2017

Welche Schwellenländeraktien halten?

Rob Marshall-Lee, Head des Emerging and Asian Equity Teams bei Newton Investment Management, einer Boutique von BNY Mellon IM, analysiert die Aussichten für die größten Märkte China und Indien.

Rob Marshall-Lee, Teamleiter für Emerging and Asian Equity bei Newton IM

Rob Marshall-Lee, Teamleiter für Emerging and Asian Equity bei Newton IM

Foto: BNY Mellon

Angesichts der erneuten Einführung gewisser protektionistischer Maßnahmen in der gesamten aufstrebenden Region besteht das Risiko eines neuen Handelskriegs. Dennoch ist das Schwellenländeraktien-Team von Newton IM der Ansicht, dass die Aussichten heute vielversprechender sind, wenngleich dies nur für ausgewählte Bereiche gilt. Im folgenden konzentrieren wir uns zum einen auf Indien, wo die Wirtschaftsreformen einen langfristigen konjunkturellen Aufschwung begünstigen, und zum anderen auf China, das mit Überschuldungsproblemen kämpft und dessen Konsumsektor ein positives Entwicklungspotenzial aufweist.

Indien holt auf

Der Prozess der „Demonetarisierung“, im Zuge dessen indische Banknoten mit hohem Wert im November 2016 im Kampf gegen Banknotenfälschung und Korruption schrittweise aus dem Verkehr gezogen wurden, scheint in den Augen der Anleger einen geringeren Erfolg gehabt zu haben, als noch viele Kommentatoren vermuten ließen. So hat sich die Politik im formellen Bereich der lokalen Wirtschaft, an dem die meisten börsennotierten Unternehmen teilhaben, nicht als besonders effizient erwiesen.

Wir verfolgen die Wirtschaftsreformen des Premierministers Narendra Modi weiterhin mit großem Interesse. Sein Vorgehen ist jedoch langfristig angelegt, und viele Investoren haben daher für eine Positionierung am indischen Markt nicht die erforderliche Geduld. Wir sind im Hinblick auf die zukunftsträchtigen Bereiche der indischen Wirtschaft zuversichtlich: ein starkes zugrunde liegendes Wachstumspotenzial, gestützt auf demografische Faktoren, was den Unternehmen ein solides Wertversprechen bietet, um langfristig bedeutende Erträge zu generieren.

Allgemein betrachtet befindet sich Indien derzeit im konjunkturellen Aufschwung, und dies ist nach einer Phase des Sparens hauptsächlich auf den Binnenkonsum zurückzuführen. Das Land hat im Hinblick auf den Konjunkturzyklus einen geringeren Reifegrad als die meisten anderen Wirtschaftsnationen weltweit und wurde von den Überschüssen, welche die westlichen Volkswirtschaften in der Vergangenheit erwirtschaftet haben, nicht beeinträchtigt. Das Wachstumspotenzial wird strukturell gesehen von der Demografie, der schwachen Kreditvergabe an Haushalte, den laufenden Wirtschaftsreformen sowie von den guten Produktivitätszahlen, die auf den für die indische Wirtschaft charakteristischen „Aufholeffekt“ zurückzuführen sind, begünstigt. Während die Vorgängerregierung als inkompetent und bürokratisch galt, wird die Modi-Regierung von Politikern angeführt, die über eine klare und langfristige Roadmap verfügen: Dies ist eine sehr gute Voraussetzung für das künftige Wachstum.

China wird effizienter

China beherrschte vor mehr als einem Jahr die Finanznachrichten, nachdem Sorgen um eine mögliche massive Abwertung der chinesischen Währung aufgekommen waren. Damals betrachteten wir dies als sehr unwahrscheinlich, da diese Entscheidung einen kontraproduktiven Effekt gehabt hätte, zumal China zu diesem Zeitpunkt versuchte, seine Wirtschaft durch eine verstärkte Neuausrichtung wieder ins Gleichgewicht zu bringen. Das Zentralkomitee der Kommunistischen Partei setzte letztlich auf die konjunkturelle Belebung, um den Wohnungsmarkt und andere damit verbundene Branchen zu stützen. Die Umsetzung dieser Strategie wurde durch eine mehrfache beabsichtigte Drosselung der Produktion gestärkt, vor allem in der Stahlindustrie. Ziel war es, den Schwerpunkt auf eine effiziente Massenproduktion zu legen, um gewisse Ineffizienzen in der Industrie abzubauen und um damit eine erneute Stärkung der Bilanzen der öffentlichen Unternehmen herbeizuführen.

Das Ergebnis dieser Politik war ein deutlicher Anstieg der Hausverkäufe und -preise, vor allem in den Städten erster und zweiter Kategorie, die Beseitigung von Überkapazitäten am Wohnungsmarkt sowie ein Anstieg der Rohstoffpreise. Der Wegfall eines Teils der chinesischen Bergbauproduktion kam Rohstoffexporteuren entgegen, vor allem in Australien und Brasilien, die schnell Chinas Nachfolge antraten und die ausbleibenden Produktionsmengen lieferten.

Gefahr einer Kettenreaktion ist gering

Unserer Ansicht nach leidet China an einer immer weiter zunehmenden Überschuldung, obgleich diese nicht mehr so schnell ansteigt wie zuvor. Nimmt man die Staatsverschuldung mit der Verschuldung des Privatsektors in China zusammen, so ist das relative Niveau des Gesamt-BIP im Vergleich zu den Industrienationen schwach. Dies ist bei den meisten Schwellenmärkten jedoch nicht der Fall. Interessant ist, dass an den entwickelten Märkten tendenziell finanzielle Verbindlichkeiten wie direkte Pensionen und öffentlich-private Partnerschaften (PPP) nicht berücksichtigt werden, da dies außerbilanzielle Posten sind. Dennoch handelt es sich dabei um zukunftsbezogene Posten, die in den öffentlichen Ausgaben verbucht werden müssen und die wir nun im Fall von China berücksichtigen. Zahlreiche Kommentatoren misstrauen dem hohen Verschuldungsgrad der chinesischen Unternehmen. Ein Großteil davon steht in Verbindung zu öffentlichen Unternehmen, sodass diese quasi staatliche Unternehmen sind.

Auch wenn uns dies in Bezug auf den Schuldenabbau zur Vorsicht anhält und wir vor allem deshalb vom Aufbau einer Position in chinesischen Banken absehen, reduziert diese Tatsache die Wahrscheinlichkeit einer gefährlichen verschuldungsbedingten Kettenreaktion und letztlich eines Einbruchs des gesamten Bankensystems. Das jüngste Vorgehen der Regierung in Bezug auf die industriellen Kapazitäten ist ein gutes Beispiel dafür.

Obgleich die chinesische Wirtschaft gute Wachstumsperspektiven in sich birgt, werden wir auf eine schlechte Allokation von Kapital achten. Wir fokussieren uns auf spezifische Branchen und Unternehmen, insbesondere auf solche, die einen robusten Konsum aufweisen: China profitiert von einer gut diversifizierten Wirtschaft mit hervorragenden Wachstumschancen im Dienstleistungssektor, die noch nicht vollständig ausgeschöpft sind. Zu den Unternehmen mit der besten Wertentwicklung in unseren Investmentportfolios der letzten Jahre gehörten bestimmte chinesische Titel, und aufgrund der Sorgen um die Wirtschaft im Reich der Mitte können interessante Abschläge gegenüber dem restlichen Teil des Marktes erzielt werden.