Meldungen | Aktien
23.08.2018

Wie geht es weiter mit den Tech-Aktien?

Der Rücksetzer im Juli ließ bei Anlegern und Fondsmanagern Zweifel aufkommen, ob die Technologie-Titel die großen Versprechungen, die bereits eingepreist sind, auch halten können. Dem Sektor vorschnell den Rücken kehren sollte man dennoch nicht, meinen Experten.

von Thomas Müller

Manfred Schlumberger, Vorstand StarCapital

Manfred Schlumberger, Vorstand StarCapital

Foto: StarCapital

Technologieaktien und entsprechende Fonds haben den Anlegern in der Vergangenheit gute Renditen beschert und einige Unternehmen übertreffen heute mit ihrer Kapitalisierung ganze Börsenmärkte. Wie lange der gute Lauf noch weitergehen kann, beschäftigt derzeit einige Fondsmanager und so fragt etwa Manfred Schlumberger, Vorstand des Vermögensverwalters StarCapital, in seinem Monatsbericht: „Ist die große Zeit der Technologieaktien jetzt zu Ende?“ Der Grund: Im Juli verloren Facebook, Amazon, Apple, Netflix und Alphabet (Google) rund 10 Prozent ihres Börsenwerts in einer Woche. Facebook, das seinen Umsatz um 40 Prozent und die Zahl seiner aktiven Nutzer um 10 Prozent steigern konnte, wurde sogar mit minus 20 Prozent abgestraft. Wie lässt sich dieser Widerspruch erklären? Für Schlumberger hatten sich die Anleger einfach mehr erwartet: „Trotz des Kurseinbruchs übertrifft der Börsenwert von Facebook den von Indien, Netflix erreicht fast den Kurswert von Russland und Apple, ergänzt um Microsoft, ist gleichauf mit China.“ Der komplette Anstieg des S&P 500 in diesem Jahr ließe sich auf den Kurszuwachs der „FAANG“-Aktien zurückführen, so Schlumberger. Somit steht der US-Technologiesektor für einen Anteil von 26 Prozent am S&P 500. Mit annualisierten Mittelzuflüssen 2018 von 36 Mrd. US-Dollar bezeichnet der Portfoliomanager die Technologiewerte als „gewaltigen Momentum-Trade“.

Innovative Zerstörung

Die wichtigste Frage ist aber: Handelt es sich wieder um eine Technologie-Finanzblase? „Finanzblasen entstehen, wenn zu viel Geld einer Wachstumsillusion nachjagt. Alle Eigenschaften einer Finanzblase treffen auf die derzeitige Technologiehausse zu, die jedoch zusätzlich mit technologischer Innovation verbunden ist, wie zum Beispiel künstlicher Intelligenz oder dem Vermögen, große Datenmengen zu verarbeiten, und der Blockchain-Technologie“, relativiert Schlumberger. „Eine Technologiehausse enthält im Kern stets eine enorme Schumpetersche Innovationskraft mit zerstörerischer Wirkung auf bestehende Unternehmensstrukturen und gewohnte Technologien. Dies wirkt sich bei Google zum Beispiel in einem Vorsprung im Bereich des autonomen Fahrens aus.“

Quirien Lemey, Portfoliomanager für internationale Aktien bei Degroof Petercam AM, sieht die Tech-Unternehmen eher in einer Imagekrise: „Auslöser sind eine Reihe von Vorfällen, die im Zusammenhang mit daten- bzw. marktmissbräuchlichem Verhalten liegen. Das Silicon Valley ist gut beraten, den Druck von außen ernst zu nehmen und ein demütigeres Verhalten an den Tag zu legen.“ Eine Blasenbildung über den gesamten Technologiesektor sieht er hingegen nicht: „Technologie ist ein bedeutender Teil unseres täglichen Lebens und für fast jeden von uns selbstverständlich geworden. Bedenkt man, dass der Technologiesektor einer der am stärksten diversifizierten Sektoren ist, steigt zwangsläufig auch die Nachfrage der Investoren und damit automatisch die Börsenbewertung vieler Titel. Technologie zählt zu den Sektoren mit den höchsten Cash Flows überhaupt“, so Lemey. Er warnt davor zu verallgemeinern und von einem insgesamt zu teuren Tech-Sektor zu sprechen: „Sicherlich gibt es bereits hoch bewertete Sub-Sektoren, doch es gibt auch günstige Bewertungen und jede Menge Aktien zwischen den pauschalen Einstufungen ‚teuer‘ und ‚günstig‘.“ Mit der „Dotcom“-Ära sei das jedenfalls nicht zu vergleichen, als es viele ungeprüfte Geschäftsmodelle gab und nur wenige Unternehmen wirklich profitabel waren.

Noch einsteigen oder nicht?

Daniel White, Fondsmanager des M&G North American Value Fund, sieht die Anleger durch die Kursstürze jedenfalls verunsichert, was den Value-Investoren zu Gute komme. Auch er nennt die schlechten Aussichten für Wachstum, Nutzerzahlen und Gewinnmargen bei Facebook als Auslöser: „Hohe Wachstumsraten lassen sich nicht unendlich fortschreiben, und hohe Bewertungen machen Unternehmen verwundbar.“ Aufgrund der Schwäche der US-Technologieaktien lagen Value-Titel in den letzten Wochen an der Börse klar vorn. „Dieser Wechsel zu Substanzwerten könnte anhalten, denn die Bewertungen von Wachstumstiteln sind in den USA zurzeit extrem hoch – der Abstand zu Value-Aktien war seit 2006 nicht mehr so groß. Auch die wieder anziehende Geldpolitik mit auslaufenden Quantitative-Easing-Programmen und steigenden Zinsen ist gut für solide Unternehmen, solange die Konjunktur läuft“, schätzt White. An eine Blase wie vor 20 Jahren glaubt man auch bei M&G nicht: „Wir sehen heute große Unternehmen mit stabilen Erträgen und überwiegend soliden Geschäftsmodellen.“

Manfred Schlumberger, ebenfalls Value-Investor, beurteilt die Technologieunternehmen nach ihrem Kurs-Gewinn-Verhältnis (KGV). Mit einem KGV von 26 kommt Facebook damit auf ein Gewinnwachstum von unter 20 Prozent, während Google mit einem KGV von 32 zwar nicht mehr ein Schnäppchen, aber mit einem Gewinnwachstum von 23 Prozent eine Growth-Aktie sei. Grundsätzlich gelte, dass das Risiko-/Ertragsprofil der meisten Technologiewerte sehr ambitioniert und ihre Börsenkurse sehr anfällig für Umsatz- oder Gewinnenttäuschungen seien. „Extreme Korrekturen sind dann zu erwarten, wenn fast alle investiert sind und die Börsenhausse dann von einem externen Schock, z.B. einer Rezession, getroffen wird“, so sein Resümee. Quirien Lemey von Degroof Petercam ist zuversichtlich, dass der Sektor gestärkt aus der Imagekrise hervorgehen wird: „Denn Regulation sorgt für größere Markteintrittsbarrieren. Das gilt nicht nur für die westlichen Tech-Riesen, sondern auch für die großen Player aus Asien, wie Baidu, Alibaba oder Tencent, deren Dominanz mittlerweile auch die chinesische Regierung in vielen Bereichen der Gesellschaft spürt“. Trotzdem rät er Anlegern, sehr genau hinzuschauen und nicht einfach in den gesamten Markt investieren. Aktives Stock-Picking und profundes Research seien nach wie vor Schlüsselfaktoren für den Anlageerfolg im Technologie-Segment.