Inhalt | Print-Ausgabe 02/2018
04.07.2018

Anleihen-Gewinne jenseits des Mainstreams

Im sicherheitsorientierten Portfolioteil wollen Anleger stabile Erträge erzielen und Verlustrisiken vermeiden. Dabei schießen die Investoren oft über das Ziel hinaus, wie eine aktuelle Umfrage zeigt. FONDS exklusiv hat mit Anleihenexperten gesprochen und ist auf einige aussichtsreiche Anleihenbereiche gestoßen.

von Kay Schelauske

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Anleihen-Investoren bleiben vorsichtig. Innerhalb der vier Länder der Europäischen Union (EU) Frankreich, Italien, Spanien und Deutschland liegt mit 55,8 Prozent mehr als die Hälfte der Kapitalanlagen in festverzinslichen Wertpapieren. Das vorrangige Ziel: Es sollen vor allem stabile und sichere Erträge erzielt werden. Erst mit Abstand folgen Anforderungen wie die Verringerung der Volatilität und die Verwirklichung geplanter Erträge, die mit dem sicherheitsorientierten Portfolioteil verbunden werden. Ertragschancen werden vielmehr im Aktiensegment gesucht. Während hier deutsche Anleger mit 41,4 Prozent überdurchschnittlich stark positioniert sind, liegt der Anteil in allen vier EU-Ländern bei lediglich 34,4 Prozent. Dies sind die Ergebnisse einer Befragung von 240 Beratern und 80 Fondsmanagern mit diskretionärem Mandat, die Franklin Templeton Investments kürzlich veröffentlichte.

Doch spätestens seit die amerikanische Notenbank Fed die Zinswende eingeleitet hat, gelten Engagements in Staatsanleihen als wenig attraktiv. Bei europäischen Festverzinslichen mit Investment-Grade-Status sieht es nicht viel besser aus. Diese Bedenken spiegeln sich auch in der Befragung wieder: Die überwiegende Mehrheit verweist auf niedrige Renditen und einen Zinsanstieg bzw. eine geldpolitische Drosselung durch die Europäische Zentralbank (EZB). Ebenso treiben steigende Preise, die Gefahr einer Finanzblase und erhöhte Durationsrisiken bei mehr als zwei Dritteln der Berater und Fondsmanager Sorgenfalten auf die Stirn. Dennoch stellen Staatsanleihen in den EU-Ländern mit knapp 39 Prozent den größten Anteil innerhalb des europäischen Anleihenportfolios.

Ertrags-Chancen bleiben liegen

Die Umfrageergebnisse zeigen, dass sich die Vorsicht in allen Anleihenklassen wiederspiegelt, selbst innerhalb des Segments Staatsanleihen. Die Folge: Zusätzliches Ertragspotenzial, das ohne erheblich größeres Risiko erzielbar wäre, bleibt so ungenutzt. Dabei böten Zentral- und Osteuropa, insbesondere Polen und Rumänien, aussichtsreiche Ertragschancen. Viele Investoren ordnen diesen Ländern eine geringere Qualität und höhere Risiken zu, tatsächlich sind sie aber auf Investment-Grade-Niveau. „Polnische Staatsanleihen besitzen ein Rating A- und bieten eine geringere Volatilität bei besseren Fundamentaldaten als viele der großen europäischen Wirtschaftsnationen wie Spanien“, erläutert David Zahn, Head of European Fixed Income bei Franklin Templeton Investments auf Nachfrage. Die Ertragsaussichten an den amerikanischen und europäischen Bond-Märkten seien zwar gut, letztere müssten jedoch differenzierter betrachtet werden. Nach dem jüngsten Ausverkauf an den italienischen Anleihemärkten sollten die sich nun wieder bietenden Opportunitäten bei einer eher ganzheitlichen Herangehensweise genutzt werden.

Auch bei der Duration des Anleihenportfolios nehmen die Anleger die Füße vom Gas. Dieser Begriff gibt die durchschnittliche Dauer an, in der das Kapital in den Wertpapieren gebunden ist oder anders ausgedrückt: So lange muss der Anleger auf die Kapitalrückflüsse aus seiner Anlage warten, sofern er die Anleihe bis zur Fälligkeit hält. Obwohl mehrheitlich vorerst mit weiterhin relativ niedrigen Zinsensätzen gerechnet wird, wurde die Duration in dieser Zeit auf durchschnittlich 4,1 Jahre verringert. „Laut dem Marktkonsens, dem auch wir zustimmen, ist ein Zinsanstieg in Europa um mehr als einen halben oder einen ganzen Prozentpunkt in den nächsten drei Jahren unwahrscheinlich, sodass die Zinsen gerade einmal in den positiven Bereich zurückkehren“, sagt Zahn.

Der Anleihenexperte stimmt den Zinsschätzungen damit zwar zu, hält aber die daraus abgeleiteten Schlussfolgerungen für falsch. Durch die unnötige Verringerung der Duration werden wertvolle Erträge geopfert, meint er und betont: „Es muss daran erinnert werden, dass Durationsmanagement nicht zwangsläufig Reduzierung der Duration bedeutet.“ Mit Blick auf die nächsten zwölf Monate zeigt sich aber durchaus eine Richtungskorrektur bei Bond-Investoren: Während nur 42 Prozent Staatsanleihen in den Fokus nehmen, halten mehr als drei Viertel der Befragten Investments in Unternehmensanleihen mit Investment-Grade-Status für wahrscheinlich. „Wir sind zu Jahresbeginn davon ausgegangen, dass Anleger attraktive Gelegenheiten in den Emerging Markets, bei US-Unternehmensanleihen und der europäischen Peripherie finden würden. Nach den jüngsten Entwicklungen in diesem Jahr sind diese Bereiche immer noch attraktiv, aber wir würden jetzt in der Peripherie sehr selektiv vorgehen“, beschreibt Bill Chepolis, Head of Fixed Income EMEA bei der DWS Group seine Sicht. Die jüngste Ausweitung der Renditespreads gegenüber Staatsanleihen stellten dabei einen guten Einstiegspunkt für Investitionen dar. Während die Gesellschaft die Situation in Italien beobachtet, werden die Fundamentaldaten für spanische und portugiesische Staatsanleihen als solide bewertet.

Über den Tellerrand hinausblicken

„Die europäischen Märkte befinden sich an einem entscheidenden Wendepunkt. Nach mehreren Jahren niedriger Volatilität ist es für die Anleger nun an der Zeit, ihre Investments in europäischen festverzinslichen Anlagen wieder stärker in den Blick zu nehmen und von besseren Chancen zu profitieren“, resümiert Zahn. Nur so könne man in einem sich ändernden Umfeld Chancen nutzen und sei gleichzeitig gegen die Risiken gewappnet. Damit dürften sowohl verschiedene Anleihensegmente als auch Regionen gemeint sein. Hier rücken die Emerging Markets (EM) in den Investmentfokus. Nach Einschätzung von Amundi Asset Management ist das makroökonomische Umfeld der Schwellenländer immer noch gut – trotz der zuletzt gestiegenen Risiken und Unsicherheiten, wie die Zinssteigerungen in den USA, eine mögliche Verschärfung des Handelskonflikts durch weitere Zölle und erneut zunehmende politische Risiken in Europa. Auch die technische Situation am Markt ist günstig, da in den letzten Wochen keine größeren Mittelabflüsse aus EM Bond-Fonds zu verzeichnen waren, heißt es. Vor diesem Hintergrund bevorzuge man eher liquide Anlageformen wie ein diversifiziertes Portfolio von globalen EM-Anleihen.

„Abhängig von den Risikoarten lässt sich durch aktives Management der Gesamtduration, des Kredit- und Fremdwährungsrisikos und der ebenfalls wichtigen Auswahl von Ländern und Einzeltiteln gegensteuern“, sagt Sergei Strigo, Co-Head of EM Fixed Income bei Amundi. Wer dabei eine geringere Volatilität anstrebe, sei mit Hartwährungsfonds besser bedient, die gewöhnlich auf US-Dollar basieren. „Sie bieten Anlegern Zugang zu einem viel breiteren Schwellenländer-Universum“, sagt Strigo. Durch die Wahl von währungsgesicherten Anteilsklassen lassen sich zudem die Einflüsse von Währungsschwankungen insbesondere beim Euro-Dollar-Wechselkurs eliminieren. Alois Wögerbauer gibt jedoch zu bedenken, dass Anleger damit ihren Zinsvorsprung gegenüber Bonds aus den Industrieländern wieder verlieren könnten: „Aufgrund der hohen Zinsdifferenz kostet derzeit eine Dollarabsicherung auf ein Jahr etwa 2,8 Prozent“, sagt der CIIA und Geschäftsführer der 3 Banken-Generali Investment Gesellschaft. Davon abgesehen hält er den Zeitpunkt für risikobewusste Zukäufe bei zu erwartenden Renditen von fast sechs Prozent für gut – ausgenommen die Türkei, Venezuela und Argentinien.

Frontier Markets entdecken

Lohnenswert kann hingegen ein Blick auf die sogenannten Frontier Markets sein, die in ihrer wirtschaftlichen Entwicklung unterhalb der klassischen Schwellenländer rangieren. "Ägypten macht Fortschritte im Reformprozess, die Inflation sinkt, der Tourismus kehrt zurück und die Wachstumsprognose für dieses und nächstes Jahr liegt bei jeweils mehr als vier Prozent", beschreibt Claudia Calich, Managerin des M&G Emerging Market Bond Fund, ein konkretes Beispiel.

Ein anderes ist Nigeria mit einer im Vergleich zu anderen afrikanischen Ländern niedrigen Verschuldung. „Die Wirtschaft ist, unterstützt durch den stärkeren Ölmarkt, weiter aus der Rezession herausgekommen. Banken haben notleidende Aktiva, vor allem im Ölsektor, restrukturiert und können sich jetzt wieder auf die Qualität ihrer Kreditbücher und ihre Rentabilität konzentrieren. Außerdem hat sich die Liquidität der nigerianischen Währung Naira verbessert“, zeichnet Calich ein aktuelles Lagebild, betont aber gleichzeitig, dass man die wirtschaftliche Erholung genau beobachten müsse. Überhaupt würden diese jungen Anlagemärkte oftmals noch keine oder nur eine begrenzte Erfolgsbilanz aufweisen, da bislang kaum Anleihen fällig geworden seien. Für dieses spezielle Risiko böten Frontier Markets aber oft einen höheren Renditeausgleich als bereits etablierte Schwellenländer.

 

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