Inhalt | Print-Ausgabe 02/2020
16.07.2020

Anstieg oder erneuter Absturz?

Die Aktienmärkte eilen der Realwirtschaft davon. Gleichzeitig schnüren Regierungen und Notenbanken weltweit billionenschwere Rettungspakete, um der Konjunktur nach den Folgen des Corona-Lockdowns wieder auf die Beine zu helfen. FONDS exklusiv fragte bei Anlageprofis nach: Werden die Börsen noch weiter steigen? Wie groß ist das Rückschlagspotenzial und ist eine steigende Inflation zu befürchten?

von Kay Schelauske

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Es ist eine Katastrophe globalen Ausmaßes: Auf mehr als 216 Länder und Territorien hat sich die Corona-Pandemie inzwischen ausgebreitet. Nach Angaben der Weltgesundheitsorganisation steigt die Zahl der Infizierten stetig an und überschritt inzwischen die Schwelle von sechs Millionen Menschen. Knapp 380.000 Betroffene starben bereits an den Folgen der Infektion. Tatsächlich dürfte sich das Virus sogar noch stärker verbreitet haben. Denn angesichts unterschiedlicher Testquoten und verschieden stark ausgebauter Gesundheitssysteme gehen Experten von einer hohen Dunkelziffer aus.

Mit welchen Risiken müssen Wirtschaft und Gesellschaft vor dem Hintergrund dieser Entwicklungen am stärksten rechnen? Antworten liefert das World Economic Forum im Rahmen seines jüngsten „Covid-19 Risks Outlook“: Mehr als zwei Drittel der weltweit befragten Senior Riskmanager rechnen demnach mit einer länger anhaltenden globalen Rezession. Über die Hälfte der Experten aus Unternehmen, Politik und Wissenschaft erwartet einen starken Anstieg von Konkursen und Konsolidierungen. Auch ein hohes Maß an struktureller Arbeitslosigkeit, verschärfte Handelseinschränkungen und Lieferkettenbrüche werden vielfach befürchtet – und dass sich in manchen Ländern Industrien und Sektoren nicht mehr von den Folgen der Virus-Pandemie erholen könnten.

2020 – Ein Jahr der Krise und der Rezession

Angesichts dieser Risikoszenarien verwundert es nicht, dass auch renommierte Investmentgesellschaften aus den USA, Europa und Deutschland ein düsteres Bild der globalen Wirtschaftslage zeichnen. FONDS exklusiv bat die Anlageprofis im Rahmen einer Befragung um ihre Lageeinschätzung und daraus resultierender Handlungsempfehlungen für Anleger. „Die COVID-19-Pandemie führt in allen Lebensbereichen zu historischen Auswirkungen – die Folgen für die Ökonomie und die Kapitalmärkte sind massiv. So wird 2020 wohl als ein Jahr der Krise und der Rezession in die Geschichtsbücher eingehen“, ordnet Tilmann Galler, Kapitalmarktstratege bei JPMorgan Asset Management in Frankfurt die derzeitige Lage ein.

Paul Jackson, Global Head of Asset Allocation Research bei Invesco Asset Management beziffert den Verlust an Wirtschaftsaktivitäten während der Lockdown-Phase zwischen zehn Prozent in den USA und bis zu 35 Prozent in Frankreich. „Die Lücken, die der Lockdown gerissen hat, können nicht so schnell geschlossen werden“, sagt Felix Herrmann, Kapitalmarktstratege bei BlackRock in Deutschland und erwartet daher, dass wir noch „lange mit angezogener Handbremse fahren werden“. „Die Arbeitslosigkeit ist höher, Kurzarbeit wird nur langsam wieder zurückgefahren werden, das Vorsichtssparen der Bürger und Unternehmen hat zugenommen“, ergänzt Michael Herzum, Leiter Macro & Strategy bei Union Investment. Und Jackson bringt es auf den einfachen Nenner: „Nur, weil man uns wieder erlaubt, zur Arbeit oder shoppen zu gehen, heißt das noch lange nicht, dass wir das auch tun. Bis das Vertrauen in die Zukunft wiederhergestellt ist, wird einige Zeit vergehen.“

 

Tabelle - Globale Folgen der Corona-Pandemie

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Unisono gehen die Anlageexperten daher von einem (langgezogenen) U- oder sogar L-förmigen Konjunkturverlauf aus, wie der Anlageexperte und Fondsmanager Dirk Müller. Aus zahlreichen Gesprächen mit Insolvenzanwälten, die große und mittelständische Unternehmen betreuen, berichtet er, dass viele Gesellschaften zunehmend in große Schwierigkeiten geraten, weil sich die Liquiditätslage zuspitzt. Auch Herrmann rechnet mit zunehmenden Insolvenzen und infolgedessen mehr Kreditausfällen bei den Banken: „In der Berichterstattung zum ersten Quartal haben wir bei den Banken bereits erhebliche Wertberichtigungen für Insolvenzen gesehen.“

Da die Aktienmärkte die Geschäftsentwicklungen der Unternehmen widerspiegeln, müsste der Börsenhimmel ebenfalls voller dunkler Wolken hängen. Tatsächlich ist aber das Gegenteil der Fall: Die Börsen haben weltweit einen Großteil ihrer Verluste wieder wettgemacht, die sie noch im März infolge der Corona-Pandemie erlitten hatten (siehe Chart oben). Wie aber erklären die Anlageprofis, dass sich Konjunktur und Börse so diametral auseinanderentwickeln?

Kurz gesagt: Die Märkte nehmen die Zukunft vorweg. Laut Herzum von Union Investment preisen sie einen Großteil der für das zweite Halbjahr erwarteten graduellen Konjunkturerholung ein. „Wir glauben, dass die Fundamentaldaten den Weg für eine stetige Aufwärtsbewegung der Aktienmärkte ebnen“, meint Monica Defend, Global Head of Research bei Amundi Asset Management, betont aber zugleich, dass Solvenzprobleme und steigende Ausfallraten gegen Ende des Jahres ein nicht zu vernachlässigendes Risiko darstellen. „Durch die signifikanten geld- und fiskalpolitischen Maßnahmen versucht der Markt bereits, durch die kommenden ein bis zwei Jahre hindurchzublicken und eine starke Erholung für die Unternehmensgewinne in diesem Zeitrahmen einzupreisen. Hier ist sicherlich noch erheblicher Revisionsbedarf, da dieser Zeitraum noch erhebliche Unsicherheiten beinhaltet“, gibt Carsten Roemheld, Kapitalmarktstratege bei Fidelity International zu Bedenken.

Der JPMorgan-Experte verweist mit Blick auf den S&P 500 darauf, dass die Gewinnerwartungen der Unternehmen an den Aktienmärkten immer noch in die V-Richtung tendieren: „Es passt nicht zusammen, dass ökonomisch eine U-förmige Erholung erwartet wird, während die Aktienseite eine V-förmige Erholung beschreibt.“ Aufschlussreich, sagt Galler, ist ein Blick auf die Dauer der Gewinnerholung in den vergangenen drei Rezessionen: „Die schnellste vollständige Erholung erfolgte nach rund dreieinhalb Jahren. Das, was derzeit im Markt bei der Gewinnentwicklung erwartet wird, haben wir in der Vergangenheit nicht gesehen.“

Nach Angaben des Invesco-Experten zeigen eigene Untersuchungen, dass die Gewinne je Aktie (EPS) der Industrie- produktion mit einer zeitlichen Verzögerung von sechs bis neun Monaten folgen. Sollte dies auch diesmal zutreffen, könnten die Unternehmensgewinne ihren Tiefpunkt möglicherweise erst zur Jahreswende erreichen, vorausgesetzt die Volkswirtschaften durchschreiten die Talsohle im zweiten Quartal. Jackson erwartet daher, dass das Ausmaß des Gewinnrückgangs vermutlich größer sein wird als zu Zeiten der Großen Depression und resümiert: „Ich wäre nicht überrascht, wenn diese Realisierung zu erneuten Kursverlusten an den Aktienmärkten führen sollte.“

Zweite Infektionswelle kommt im Spätherbst

Nach Angaben des BlackRock-Experten lässt sich die Rally unter der Prämisse rechtfertigen, dass es keine zweite Infektionswelle geben wird. Aber wenn doch? „Das Risiko einer zweiten Welle muss in Betracht gezogen werden, solange wir keinen Impfstoff finden“, sagt Defend von Amundi. Und der Fidelity-Experte sieht neben der Rezession, dem US-China-Konflikt und der Ölpreisentwicklung auch in der zweiten Infektionswelle einen Risikofaktor, ergänzt aber, dass man im Basisszenario nicht damit rechnet. „Wir können gerade in Deutschland mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit davon ausgehen, dass uns bis zum Spätherbst eine zweite Infektionswelle erreichen wird“, widerspricht Dirk Müller. Der Grund: Der Virus sei bereits weit in der Bevölkerung verbreitet, nur bräche bei vielen eben keine Erkrankung aus. Doch sobald getestet wird, so seine Erwartung, treten gehäuft positive Testergebnisse auf. Deshalb sei im Herbst im Zuge der alljährlichen Grippewelle damit zu rechnen, dass neben einer normalen Grippe auch das Corona-Virus festgestellt wird. „Folglich werden die Infektionszahlen massiv ansteigen und die Politik wird darauf mit erneuten Einschränkungen im gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Leben reagieren“, stellt der Börsenexperte und Fondsmanager fest.

Wie positionieren sich Anleger am besten angesichts dieser Risiken auf der einen und der Realwirtschaft davoneilenden Aktienmärkte auf der anderen Seite? „Der dümmste Grund Aktien zu kaufen ist, weil sie steigen“, zitiert Müller den Value-Investor Warren Buffet und fügt hinzu: „Doch genau das passiert im Moment, weil Notenbanken und Regierungen die Geldschleusen zur Ankurbelung der Wirtschaft hemmungslos öffnen, was die Aktienmärkte immer weiter befeuert und sie alternativlos erscheinen lässt.“

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