Inhalt | 02/2021
15.07.2021

„Grüner“ Boom im Dickicht neuer Regeln

Nachhaltige Kapitalanlagen boomen. Ein maßgeblicher Treiber ist die Regulatorik der Europäischen Union. Das Ziel: bis 2050 soll der Kontinent klimaneutral sein. Dabei gehen die Politiker in Brüssel einen beschwerlichen Weg, der Anleger und Berater oft orientierungslos im Dickicht neuer Regeln sowie mehr oder weniger grüner Fonds und Versicherungen zurücklässt. Aber noch ist Zeit sich zu wappnen, um wirklich nachhaltig investieren und beraten zu können.

von Kay Schelauske

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Das größte langfristige Risiko bleibt die Untätigkeit beim Klimawandel“, sagt Peter Giger anlässlich der jüngsten Veröffentlichung des „Global Risks Reports 2021“ des World Economic Forums. „Es gibt keinen Impfstoff gegen Klimarisiken. Daher müssen sich die Wiederaufbaupläne nach der Pandemie auf Wachstum konzentrieren, das mit der Nachhaltigkeitsagenda in Einklang gebracht wird“, betont der Group Chief Risk Officer der Zurich Insurance Group, einem strategischen Partner der Veröffentlichung. Die Folgen der Pandemie unterstreichen dabei, wie dringlich der Handlungsbedarf ist.

Rund 15 Monate haben Wirtschaft und Gesellschaft weltweit erhebliche Einschränkungen infolge der Covid-19- Pandemie hinnehmen müssen. Gerade die sozialen Auswirkungen dürften massiv sein, wie sich in vielfältiger Weise zeigt und langfristig Spuren hinterlassen. Wie sieht es aber bei der Klimakrise aus? Eine Gruppe von US-Wissenschaftlern des Canadian Centre for Climate Modelling and Analysis, Environment and Climate Change in Victoria stellen im Fachjournal „Science Advances“ zwar eine coronabedingt deutliche Verringerung von Treibhausgas-Emissionen fest. Mit verschiedenen Modellen errechneten die Forscher aber, dass „selbst große Emissionsreduktionen, die für kurze Zeit angestellt werden, nur geringe und wahrscheinlich nicht nachweisbare Auswirkungen haben.“

In 2020 sollen die globalen CO2-Emissionen um rund 2,6 auf 34 Gigatonnen gesunken sein. Dieser coronabedingte Rückgang liegt laut Prognosen des Global Carbon Projects sieben Prozent unterhalb des Niveaus von 2019, schreiben die Wissenschaftler um Corinne Le Quéré von der University of East Anglia im britischen Norwich in einer Studie im Fachjournal „Nature Climate Change“. In der langfristigen Betrachtung der fossilen CO2-Emissionen ist der Einbruch deutlich erkennbar, wie die Grafik zeigt. Obwohl ein vergleichbarer Rückgang noch nie beobachtet wurde, kommen auch die Wissenschaftler zu dem Ergebnis, dass die in der Pandemie getroffenen Maßnahmen keine dauerhaften Emissionsrückgänge nach sich ziehen werden.

Beginnt eine neue Phase bei der Bekämpfung der Klimakrise?

Erfahrungen aus früheren Krisen zeigen, dass die den Emissionen zugrundeliegenden Triebkräfte spätestens innerhalb weniger Jahre wieder auftauchen, schreiben die Forscher. Es müssen sich daher die maßgeblichen Treiber verändern. So sei bspw. ein tiefgreifender Abbau von Investitionen in globaler, auf fossilen Brennstoffen basierender Infrastruktur, wie z. B. Kohlekraftwerke, erforderlich. Zuversichtlich stimmen die Verfasser die Klimapläne der drei größten CO2-Emittenten – China, die USA und die Europäische Union (EU). Von entscheidender Bedeutung werde es dabei sein, wie wirksam diese Ambitionen sowohl innerhalb als auch über Covid-19-Wiederherstellungspläne hinaus umgesetzt werden, um den globalen Emissionspfad dauerhaft zu ändern. „Das Jahr 2021 könnte den Beginn einer neuen Phase bei der Bekämpfung des Klimawandelns sein“, resümieren die Verfasser, stellen aber sogleich fest: Die meisten aktuellen Covid-19- Wiederherstellungspläne stehen in direktem Widerspruch zu den Klima-Verpflichtungen der Länder.

Mit dem Ziel, bis 2050 als erster Kontinent die Netto-Emissionen von Treibhausgasen auf null zu reduzieren, hat die EU bekanntermaßen den „Green Deal“ initiiert – und jüngst die Reduktionsvorgaben noch verschärft. Hierzu müssen laut EU-Kommission Hunderte von Milliarden Euro an privaten und öffentlichen Investitionen mobilisiert werden. Von einer „grünen Transformation“ ist die Rede. Die erforderlichen regulatorischen Leitplanken soll besonders die Taxonomie und mit ihr die teils in Kraft getretene EU-Offenlegungsverordnung sicherstellen (siehe unsere Ausgabe 1/21).

Ein Blick auf die jüngsten Entwicklungen am österreichischen Anlagemarkt zeigt: Das Wachstum setzt sich bei „grünen“ Geldanlagen in Fonds und Mandaten unvermindert fort. Laut dem Anfang Juni veröffentlichten Marktbericht des Forums Nachhaltige Geldanlagen (FNG) stiegen die nachhaltig verwalteten Gelder um 30 Prozent auf 38 Milliarden Euro. Da der nachhaltige Fondsmarkt fast acht Mal so schnell wuchs als der Gesamtmarkt, kletterte der „grüne“ Marktanteil auf beachtliche 19,8 Prozent. Da bleibt zwar noch ordentlich Luft nach oben. Gleichwohl verfehlten besonders die EU-Regulatorik und Marketingaktivitäten nicht ihre Wirkung, wie FNG-Geschäftsführerin Angela McClellan feststellte.

Kontroverse Klassifizierung

In der breiten Öffentlichkeit rückte dabei folgende Klassifizierung von Fonds in den Fokus: nicht nachhal-tige Art.6-Produkte, „hellgrüne“ Art.8-Produkte, die ökologische und soziale Kriterien berücksichtigen sowie „dunkelgrüne“ Art.9-Produkte. Sie verfolgen ein explizites Nachhaltigkeitsziel. Stichprobenartige Nachfragen bei relevanten Fondsanbietern und Versicherern zeigen, dass die Gesellschaften hier teils unterschiedlich vorgehen. Bei der Klassifizierung ihrer Fondspalette standen bspw. für Candriam Deutschland zwei Fragestellungen im Mittelpunkt: Erstens, wie umfassend sind nachhaltige Faktoren in den Entscheidungsprozess integriert? Und zweitens: Wie groß ist der Einfluss dieser Überlegungen auf die Investitionsentscheidungen? Im Ergebnis werden derzeit 47 Prozent des verwalteten Fondsvermögens, das unter die EU-Offenlegungsverordnung fällt, nach Art.8 und 28 Prozent nach Art.9 gemanagt. Die Größenordnungen sollen hier künftig ebenso steigen wie bei BNP Paribas Asset Management. Dort beziffert man den Anteil an Art.8-Fonds auf 70 und von Art.9-Fonds auf zehn Prozent bezogen auf die Luxemburger SICAV-Fondspalette.

Gegenüber 70 konventionellen Fonds ist das Angebot an Art.9- und Art.8-Fonds bei der Raiffeisen KAG mit zwei bzw. 15 Fonds zwar noch überschaubar. Letztere Zahl soll sich aber bis 2022 verdoppeln (weitere Details im Interview auf Seite 38). Amundi wiederum gibt die Zahl derart „grüner“ Investmentfonds, Spezialfonds oder Mandate mit 656 an. „Unser Ziel ist es, bis Ende 2021 mehr als 750 Fonds nach Artikel 8 oder Artikel 9 klassifiziert zu haben“, sagt Elodie Laugel, Chief Responsible Investment Officer bei der französischen Investmentgesellschaft. Dies entspräche dann einer Quote von rund 40 Prozent.

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