Inhalt | Printausgabe 1 / 2022
21.04.2022

Viele Wege zur grünen Vorsorge

Der Wettbewerb in der „grünen“ Altersvorsorge ist längst eröffnet. Aber die Regulatorik lässt die Lebensversicherer nur langsam vorankommen, zumal es vielfach an den notwendigen Daten fehlt. Auch die Produktwelten der Anbieter basieren auf unterschiedlichen Strategien. Gleichwohl können Berater ihre Kunden bereits „grün“ beraten – vorausgesetzt, sie sind nachhaltig mit der Materie vertraut.

von Kay Schelauskte

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Die wissenschaftlichen Beweise sind eindeutig: Der Klimawandel ist eine Bedrohung für das menschliche Wohlergehen und die Gesundheit des Planeten. Jede weitere Verzögerung des konzertierten globalen Handelns wird dazu führen, dass wir ein kurzes und sich schnell schließendes Zeitfenster verpassen, um eine lebenswerte Zukunft zu sichern.“ Das sagte Hans-Otto Pörtner, Ko-Vorsitzender der Arbeitsgruppe II des Intergovernmental Panel on Climate Change (IPCC) Ende Februar 2022, anlässlich der Vorstellung des zweiten Teils des sechsten Sachstandsberichts über Klimaveränderungen, der in diesem Jahr fertiggestellt werden soll. Kurzum, der Menschheit läuft die Zeit davon. So wird die Welt in den nächsten zwei Jahrzehnten bei einer globalen Erwärmung von 1,5 Grad Celsius mit unvermeidlichen Klimagefahren konfrontiert. Selbst ein nur vorübergehendes Überschreiten dieses Erwärmungsniveaus wird schwerwiegende Auswirkungen haben, von denen einige irreversibel sein werden, bilanzieren die 270 Autoren, die im Auftrag der Vereinten Nationen weltweit wissenschaftliche Erkenntnisse zusammengefasst haben.

Zunehmende Hitzewellen, Dürren und Überschwemmungen überschreiten bereits die Toleranzschwellen von Pflanzen und Tieren und treiben die Massensterblichkeit bei Arten wie Bäumen und Korallen voran, heißt es in dem Bericht. Diese Wetterextreme treten gleichzeitig auf und verursachen kaskadierende Auswirkungen, die immer schwieriger zu bewältigen sind. Sie haben Millionen von Menschen akuter Ernährungs- und Wasserunsicherheit ausgesetzt, insbesondere in Afrika, Asien, Mittel- und Südamerika, auf kleinen Inseln und in der Arktis. Gleichwohl lassen die Wissenschaftler keinen Zweifel daran, dass auch wir in Europa zunehmend mit Überschwemmungen infolge von Starkregen, Bränden aufgrund erhöhten Hitzestresses sowie Wasserknappheit vor allem im Süden des Kontinents konfrontiert werden.

Zunehmende Lücken bei Klima-Maßnahmen

Die Wissenschaftler fordern daher ehrgeizige, beschleunigte Maßnahmen zur Anpassung an den Klimawandel und gleichzeitig schnelle und tiefgreifende Senkungen der Treibhausgasemissionen. Bisher sind die Fortschritte bei der Anpassung ungleichmäßig und es gibt zunehmende Lücken zwischen den ergriffenen Maßnahmen und dem, was zur Bewältigung der zunehmenden Risiken erforderlich ist, bewerten die Autoren. Zudem äußerte Pörtner nach Angaben der Deutschen Welle bei der Vorstellung des Berichts seine Sorge, dass sich der Ukraine-Krieg negativ auf den Kampf gegen die Klimakrise auswirken könnte. Schon jetzt erfordert die Umstellung der Energieversorgung weltweit dreistellige Milliardensummen, bezifferte Pörtner die Anpassungskosten und sagte: „Und die bisherigen Finanzzusagen der Staaten sind ja längst noch nicht alle umgesetzt. Und da stellt sich schon die Frage, inwieweit mögliche Aufrüstungen, die jetzt für notwendig erachtet werden, zu einem Zielkonflikt mit dem Klimaschutz führen können.“

Für die österreichische Versicherungswirtschaft stellt die ökologische Transformation aktuell eine der größten Herausforderungen dar. „Wir verfügen mit 110 Milliarden Euro über einen großen Hebel, um die heimische Wirtschaft bei der Umsetzung der Klimaziele zu unterstützen“, sagte kürzlich Robert Lasshofer, Präsident des österreichischen Versicherungsverbandes VVO. Nach Verbandsangaben könnte dies bspw. durch verstärkte Investitionen in Wind- oder Solarparks, mehr Mittel für nachhaltige Infrastrukturprojekte oder Finanzierungen bei Sanierungen und Dämmung im Wohnungsbau geschehen.

Bei den Menschen in Österreich ist das Thema Nachhaltigkeit längst angekommen. Knapp 80 Prozent der Bevölkerung achtet bei der Energienutzung, Ernährung und beim Einkaufen auf entsprechende Anforderungen. Zu diesem Ergebnis kommt eine repräsentative Umfrage im Auftrag der Generali Versicherung unter Personen ab 15 Jahren, die der Versicherer Ende Jänner 2022 veröffentlichte. Mehr als zwei Drittel der Befragten versuchen weiters, bei der Freizeitgestaltung und der Fortbewegung „grüne“ Akzente zu setzen. Nachhaltigkeit beim Reisen ist für 60 Prozent der Befragten ein Thema. Für gut jeden Zweiten gilt dies auch bei der Geldanlage bzw. Pensionsvorsorge. Bei jungen Menschen unter 30 Jahren ist das Interesse sogar um vier Prozentpunkte höher und liegt bei 57 Prozent.

Der 2. August dieses Jahres ist laut Finanzmarktrichtlinie MiFID II und Vermittlerrichtlinie IDD das Startdatum für Vermittler, ab dem sie ihre Kunden nach deren Nachhaltigkeitspräferenzen abfragen müssen, um dann ihre Produktempfehlungen darauf abzustellen und dies entsprechend zu dokumentieren. Das Problem: Die technischen Regulierungsstandards (RTS), die die Vorgaben der EU-Offenlegungsverordnung für Emittenten und Vertrieb bspw. im Hinblick auf Indikatoren bei der Produktauflage und vorvertragliche Informationen präzisieren, werden laut EU-Kommission erst am 1. Januar 2023 veröffentlicht, also fünf Monate später. Eine rechtssichere Einordnung von Produkten wäre damit nicht möglich, bestätigen deutsche Versicherungsanalysten. Branchenvertreter intervenieren daher bereits bei der Kommission, auch den Start der neuen Beratungspflicht zu verschieben.

Solange die Situation so ist, hält Oliver Bentz, Analyst bei der deutschen Assekurata Assekuranz Rating-Agentur folgenden Weg für praktikabel: Berater können ihre Kunden im Sinne der rechtlichen Vorgaben danach fragen, ob sie ein Finanzanlageprodukt möchten, das über einen Mindestanteil an Investitionen verfügt, die konform mit der EU-Offenlegungsverordnung sind. Denn diese Transparenzverordnung (TVO), wie sie auch genannt wird, hebt auf sogenannte Artikel 8- oder Artikel 9-Fonds ab. Folglich könnte der Berater dem Kunden eine Fondspolizze empfehlen, bei der die Beiträge genau in solche Fonds fließen. Da allerdings das Vertragskapital spätestens zum Rentenbeginn gewöhnlich im Sicherungsvermögen des Versicherers landet, müsste dies ebenfalls unter Berücksichtigung von Nachhaltigkeitskriterien angelegt werden.

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