Inhalt | Print-Ausgabe 01/2017
07.04.2017

Werte sichern kostet Geld

Anleger wollen Ertragschancen nutzen, aber keine Risiken eingehen und setzen auf Garantien. Aktuelle Untersuchungen zeigen, dass der Kapitalschutz Geld kostet und damit erheblich zulasten des Vermögenaufbaus gehen kann. Anleger sollten diese Renditenachteile kennen. Nur dann lässt sich bewusst entscheiden, ob und wie ein Sicherheitsnetz gespannt werden soll. Die Ergebnisse zeigen auch: Auf lange Sicht sind Kapitalgarantien oft unnötig.

von Kay Schelauske

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Risiken? Nein, danke! Herr und Frau Österreicher setzen bei der Geldanlage klar auf Sicherheit. Wohneigentum, Bausparer und der Grundstückskauf wurden über das gesamte vergangene Jahr klar präferiert. Dies zeigt das jüngste repräsentative „Stimmungsbarometer“ der Marktforscher von GfK Austria. Bemerkenswert ist dabei, dass neben dem Bausparvertrag vor allem das Sparbuch offenbar eine Art Renaissance erfährt. Nachdem dessen Beliebtheit mit 18 Prozent den tiefsten Punkt seit zehn Jahren erreicht hatte, gewann es in den letzten beiden Quartalen 2016 wieder deutlich an Zuspruch: Heuer betrachtet es jeder Vierte als interessante Geldanlage – und dies in Anlagezeiten, in denen das Geld auf den Sparkonten real an Wert verliert. Offenbar rücken die Folgen des anhaltenden Niedrigzinsniveaus aus dem Blickfeld der Anleger. Nicht anders ist es zu erklären, dass auch Lebensversicherungen seit zwei Quartalen wieder an Zuspruch erfahren. Im Gegensatz zum Sparbuch sind die Kosten der Sicherheit bei der Geldanlage bzw. der Vorsorge mit Fonds und Lebensversicherungen nicht offensichtlich. Kapitalgarantien stehen scheinbar versöhnlich Seite an Seite mit langfristigen Ertragschancen. Der Schein trügt. Aktuelle Untersuchungen bestätigen dies eindrucksvoll.

 

Doch der Schein trügt. Aktuelle Untersuchungen bestätigen dies eindrucksvoll. Die Frankfurt School of Finance & Management ist im Auftrag des Versicherers Standard Life der Frage nachgegangen, was dem Anleger bei einer einmaligen Geldanlage die Garantie kostet, am Ende der Anlagedauer mindestens den eingezahlten Kapitalbetrag zurückzuerhalten. Hierzu gingen die Studienverfasser zweigeteilt vor: Ausgangspunkt ist ein Anleger, der einen Betrag von 100.000 Euro für 15 Jahre entsprechend sicher anlegen will. Der zur Sicherstellung der Kapitalgarantie erforderliche Kapitalbetrag wird daher in Rentenpapiere wie deutsche Bundesanleihen investiert. Der Rest des Kapitalbetrags steht für höher rentierliche und damit risikoreichere Anlagen wie Aktien zur Verfügung.

Garantiekosten steigen mit sinkenden Zinsen

Zur Ermittlung der Garantiekosten vergleichen die Wirtschaftswissenschaftler diese sichere Anlage mit einer alternativen Aufteilung des Anlagebetrags auf Aktien und Anleihen. Dabei wird ein konstantes, mittleres Schwankungsrisiko von zehn Prozent pro Jahr angestrebt. Da sich die Risikoeinschätzung insbesondere bei der Aktienanlage über die Zeit hinweg verändert, muss die Aufteilung der beiden Assetklassen immer wieder den Entwicklungen an den Kapitalmärkten angepasst werden. Über den Zeitraum von September 2000 bis August 2016 wurden so für jeden Monat 100.000 simulierte Garantiekosten erzeugt, wobei sie sowohl sehr positive und sehr negative Entwicklungen als auch zufällige, unerwartete Ereignisse an den Aktienmärkten berücksichtigten. „Die Antwort auf die Frage nach den Garantiekosten hängt von verschiedenen Parametern ab, vor allem vom Zinsniveau am Kapitalmarkt, der Anlagehöhe und -dauer durch den Investor“, erläutert der Studienverfasser Professor Olaf Stotz. Gerade in der Altersvorsorge wird die Garantiekomponente meist durch vergleichsweise sichere, aber ertragsärmere festverzinsliche Wertpapiere abgedeckt, in der Regel Staatsanleihen von Industrienationen. Sinken aber deren Zinsen, wird es schwieriger, die Garantien darzustellen und damit teurer. Angesichts einer Durchschnittsverzinsung von über fünf Prozent zum Beginn dieses Jahrtausends waren die Garantiekosten gleich null. „Die Wahl zwischen einer Anlage mit mittlerem Schwankungsrisiko und einer kapitalgarantierten Anlage hätte im Durchschnitt ein ähnlich hohes Vermögen nach 15 Jahren erwarten lassen“, erklären die Studienautoren. Mit dem Niedergang des Zinses ab 2008 änderte sich die Situation zusehends und verkehrte sich längst ins Gegenteil. Zum Ende des Beobachtungszeitraums im August 2016 lag das sichere Zinsniveau sogar im negativen Bereich, bei knapp minus 0,5 Prozent. Die Folge: Die Garantiekosten sind derzeit auf rund 170.000 Euro angestiegen, also das 1,7-Fache des eingezahlten Betrages. Und wie verändern sich die Ergebnisse bei längeren Anlagehorizonten? Bei 25 Jahren betragen sie das Vierfache, bei 35 Jahren sogar das Achtfache der eingezahlten Summe. Kurz zusammengefasst: Je niedriger der Zins und je länger der Anlagezeitraum, desto höher die Garantiekosten.

 

 

 

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Das Team um Professor Stotz ging noch einer zweiten, vielleicht sogar wichtigeren Frage nach: Sind Garantien bei langfristigen Sparprozessen überhaupt sinnvoll? Zunächst ergaben die Berechnungen, dass der durchschnittliche Verlust über 15 Jahre bei 8000 Euro, der maximale Verlust aber unter 50.000 Euro liegt. Zweitens traf die Notwendigkeit, das Kapital in vollem Umfang abzusichern, nur mit einer Wahrscheinlichkeit von 1,2 Prozent ein. Bei einer Anlage über 25 Jahre tritt der Garantiefall nur mit einer Wahrscheinlichkeit von 0,1 Prozent ein, bei mehr als 35 Jahren ist diese kaum noch messbar. Fazit: Je länger die Aktienanlage dauert, desto unwahrscheinlicher ist es, dass die Garantie „gezogen“ werden muss.

Unwahrscheinlicher Garantiefall

„Unsere Studie hat erwiesen, dass die Kosten für eine Kapitalgarantie bei einer langfristigen Einmalanlage nicht nur hoch sind“, resümiert der Professor für Asset Management an der Frankfurt School, „sondern auch, dass das tatsächliche Eintreffen eines Garantiefalls unwahrscheinlich und die Garantieleistung gering ist.“ Bereits in einer verwandten Studie 2015 kamen die Wissenschaftler hinsichtlich des Einsatzes von Aktiensparplänen zu dem Ergebnis, dass eine 100-prozentige Beitragsgarantie bei einer langfristigen Aktienanlage in den meisten Fällen unnötig ist. Aus der Rückbetrachtung großer Aktienindizes ergab sich seinerzeit, dass nur in Japan in den 1970er-Jahren Garantien nötig gewesen wären, um einen über einen länger anhaltenden Zeitraum regelmäßig eingezahlten Betrag abzusichern. Die Kernaussagen der Studie werden durch aktuelle Untersuchungen im Rahmen einer Auftragsstudie des Instituts für Vorsorge- und Finanzplanung (IVFP) bestätigt. Im Fokus liegen hier Vorsorgeprodukte, die eine Beitragsgarantie zum Laufzeitende bereitstellen, wofür in der Regel der Barwert der Garantie in eine sicher verzinste Anlage investiert wird. Dessen Höhe hängt von der Restlaufzeit und dem sicheren Zinssatz ab. Ausgehend von einer Vertragslaufzeit von beispielsweise 37 Jahren und einem sicheren Zinssatz von vier Prozent beträgt der Verlust an Ablaufleistung in etwa zehn Prozent jener Ablaufleistung, die erzielt worden wäre, wenn keinerlei Garantien vereinbart sind. Fällt der sichere Zins aber auf ein Prozent, beträgt der Verlust an Ablaufleistung bereits 50 Prozent.

 

Der Hintergrund: Je niedriger die Zinsen sind, desto mehr Kapital ist bei sonst gleichen Bedingungen in dem Sicherungsvermögen des Versicherers bzw. in der sicheren Komponente innerhalb des Wertsicherungsfonds zur Sicherstellung der Kapitalgarantien gebunden. „Der Preis einer Garantie in Form eines Kapitalerhalts ist durch die anhaltende Niedrigzinsphase deutlich gestiegen und steht besonders bei langen Laufzeiten in keinem Verhältnis zum Nutzen“, bewertet IVFP-Geschäftsführer Frank Nobis die Ergebnisse und betont: „Wer in Zeiten niedriger Kapitalmarktzinsen ein vernünftiges Vermögen für das Alter aufbauen möchte, sollte zumindest auf Teile von Garantien verzichten.“ Dabei gilt es zu bedenken, dass bei einer Bruttobeitragsgarantie ein Realverlust entsteht, sobald die Inflationsrate berücksichtigt wird.

 

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