Inhalt | Print-Ausgabe 04/2018
20.12.2018

Aktien, Anleihen oder Cash - welche Strategie sticht 2019?

Anleger starten mit vielen Unsicherheiten ins neue Börsenjahr. Verabschieden sich die Bullen aus den US-Aktienmärkten? Steht Europa vor der nächsten Krise? Wie geht es in den Schwellenländern weiter und erfüllen die Notenbanken ihre Versprechen? FONDS exklusiv fragte die Asse der Vermögensverwaltung, was im Jahr 2019 Trumpf ist.

von Kay Schelauske

Foto: Fotolia

Es ist und bleibt ein gefährlicher Mix“, beschreibt Frank Fischer die Gemengelage. Der Vorstandsvorsitzende und CIO der Shareholder Value Management AG meint den Handelskrieg zwischen den USA und China, die Sorgen um einen möglichen harten Brexit und den Budgetstreit in Italien sowie die Aussicht auf weiter steigende US-Zinsen. Alles dies trübt bereits die globalen Konjunkturerwartungen ebenso wie die Stimmung an den Börsen. Vielleicht können sich die Aktienmärkte noch von einer der Lasten schneller als erwartet befreien. Dennoch ist klar: Anleger werden mit vielen Unsicherheiten im Gepäck ins Börsenjahr 2019 starten!

Eine schwere Last ist ohne Zweifel der schwelende Handelskonflikt zwischen den USA und China. Würde der Streit eskalieren und möglicherweise die Europäische Union noch einbeziehen, hätte dies deutlich negative Folgen für die Weltwirtschaft und damit auch für die Aktienmärkte. „Protektionismus kennt nur Verlierer, eine globale Rezession könnte die Folge sein“, sagt Philipp Vorndran, Kapitalmarktstratege bei der Flossbach von Storch AG, betont aber gleichzeitig: „Wir gehen nicht davon aus, dass es in näherer Zukunft soweit kommen wird.“ Seine Begründung: Der mediale Ton sei rauer als es die konkreten Maßnahmen, gemessen an deren volkswirtschaftlicher Bedeutung, in Wahrheit sind. Noch zuversichtlicher fallen die Bewertungen bei Shareholder Value und DJE Kapital AG aus. „Da die Position von US-Präsident Donald Trump nach den Zwischenwahlen geschwächt wurde, dürfte hier eine Lösung möglich sein“, sagt Fischer. DJE-Vorstand Ulrich Kaffarnik bestätigt: „Der Handelsstreit sollte nicht weiter eskalieren, sondern sich bald lösen.“

Und Europa? Der Kontinent kommt nicht zur Ruhe. Am letzten Sonntag im November stimmten die 27 Regierungschefs der Europäischen Union (EU) dem Brexit-Vertrag samt politischer Erklärung erwartungsgemäß zu. Fraglich bleibt, ob die britische Premierministerin Theresa May dem eigenen Parlament im Dezember eine Zustimmung wird abringen können. Wenn ja, dann ist erstmal alles gut. Denn Großbritannien würde während einer Übergangsphase bis Ende 2020 im EU-Binnenmarkt und in der Zollunion bleiben. Aber wenn nicht? Es müsste wohl in irgendeiner Form nachverhandelt werden und sei es auf dem Weg von Zusatzvereinbarungen. Sonst droht am 29. März 2019 der harte Brexit, den keiner will.

Brexit würde viel Geld kosten

Aus gutem Grund. Es wäre mit massiven Störungen im Wirtschaftsalltag der EU-Staaten mit Großbritannien zu rechnen und negativen Reaktionen an den Finanzmärkten. Viele Abkommen und Bestimmungen, die heute einen reibungslosen Handel, Warentransporte und Kommunikation ermöglichen, würden von einem Tag auf den anderen nicht mehr gelten. „Das lässt sich alles regeln, aber es wird für alle Beteiligten viel Geld kosten“, sagt Hendrik Leber. Der Geschäftsführende Gesellschafter der Acatis Investment Kapitalverwaltungsgesellschaft mbH, verweist beispielhaft auf britische Produzenten, deren Medikamente keine Zulassung mehr hätten und längere Abfertigungszeiten beim Zoll, die zu kilometerlangen Staus an den Grenzstellen und Häfen führen würden.

„Ein harter Brexit dürfte für die Eurokonjunktur eine große Gefahr darstellen, dem Vereinigten Königreich wohl sogar eine Rezession bescheren“, sagt DJE-Experte Kaffarnik und fügt hinzu: „Auch Italien ist sicherlich ein Problem, aber hier glauben wir schlussendlich an die politische Vernunft aller Akteure.“ Bisher lehnt die italienische Regierung die Brüsseler Sparvorgaben trotz der hohen Verschuldung hartnäckig ab. Vermutlich wird die EU-Kommission nun ein Strafverfahren gegen den Stiefelstaat einleiten, mit der Folge direkter finanzieller Sanktionsmaßnahmen. Die Finanzmärkte quittieren diese Entwicklung längst: Von April bis Oktober 2018 ist die Rendite zehnjähriger Staatsanleihen laut Statista um 1,7 Prozentpunkte auf 3,48 Prozent gestiegen.

Gefährliche Rechtspopulisten

Werden diese Zuspitzungen aber gerade Italiens Innenminister und Vize- premier Matteo Salvini zum Einlenken bringen? Dies erscheint mit Blick auf die anstehenden Wahlen zum Europäischen Parlament am 26. Mai 2019 fraglich. Denn der Chef der rechtspopulistischen Lega Nord fällt immer wieder mit Anti-EU-Parolen auf, mit denen er ganz offensichtlich bei den heimischen Wählern punkten will. Die Möglichkeit, dass die Rechtspopulisten und EU-Gegner nicht nur dort massiven Auftrieb erhalten und so den Euro sowie das Europäische Währungssystem stark schwächen könnten, dürfte jedenfalls mit jedem Tag des näher rückenden Wahltermins für steigende Unsicherheiten an den Aktienmärkten sorgen. „Da könnte es zu Überraschungen kommen, die den Märkten nicht gefallen werden“, bestätigt der Vorstandsvorsitzende von Shareholder Value, Fischer.

Unverändert müssen Anleger auch in 2019 mit der gegensätzlichen Notenbankpolitik in den USA und Europa klarkommen. Die Europäische Zentralbank (EZB) will ihre Anleihekäufe bis Ende 2018 einstellen und dann nur noch fällig werdende Papiere durch neue ersetzen. „Die erste vorsichtige Zinserhöhung könnte im Spätsommer oder Herbst 2019 kommen“, sagt Elmar Peters, der gemeinsam mit Gründer und Vorstand Bert Flossbach das Multi-Asset-Team der Vermögensverwaltung Flossbach von Storch leitet. Die Phase extrem niedriger Zinsen in der Eurozone wäre damit für ihn aber keineswegs beendet. Laut Fischer wird die EZB die Zinsen, wenn überhaupt, nur sehr moderat erhöhen. Außer bei Rohstoffen würden die Preise nicht signifikant steigen, sondern sich im Zielkorridor der EZB befinden. „Noch können die europäischen Sorgenstaaten keine deutlich höheren Zinsen vertragen, das werden auch die Italiener merken“, betont der CIO.

Acatis-Chef Leber weist darauf hin, dass Mario Draghi versucht hat, Zeit zu kaufen, damit die EU-Staaten ihre strukturellen Probleme lösen können. Diese Zeit wurde aber nicht genutzt. „Sollte der EZB-Chef aber die Zinsen anheben, würden EU-Staaten reihenweise umkippen, angefangen bei den Italienern. Ähnlich wäre es bei vielen Unternehmen, die sich an das billige Geld gewöhnt haben“, sagt Leber. Die Konsequenz sei klar: Die EZB hat ihr Inflationsziel von zwei Prozent zwar erreicht, aber die Preise würden weiter anziehen, weil die Notenbank nicht eingreifen könne. „In den nächsten Jahren rechne ich daher mit Preissteigerungen zwischen fünf und zehn Prozent“, betont der Vermögensverwalter. Für den DJE-Vorstand steht die EZB aber noch nicht unter akutem Handlungsdruck, da die Inflationszahlen noch sehr stark von sich kurzfristig oft ändernden Öl- und Nahrungspreisen geprägt seien. „Eine wirkliche ökonomische Inflationierung mit Lohn- und Preisdruck gibt es in Europa noch nicht“, sagt Kaffarnik. Entgegengesetzt die Situation auf der anderen Seite des „großen Teichs“. „Einer sich verschärfenden Inflation würde die Fed klar mit weiter steigenden Leitzinsen begegnen. Damit scheint das Experiment der Politik des „billigen Geldes“ zumindest in den USA sich dem Ende zuzuneigen“, bewertet Winfried Walter die „immer eindeutiger“ werdenden Aussagen der Federal Reserve (Fed). Der Vorstand der Schneider, Walter & Kollegen Vermögensverwaltung AG sieht hierin den maßgeblichen Faktor für die weitere Entwicklung insbesondere der amerikanischen Aktienmärkte. Die Zinserhöhungen werden mit Blick auf zurückliegende Wirtschaftszyklen sehr wahrscheinlich zu einem Abbruch des realwirtschaftlichen Booms, aber vor allem auch der Hausse an den Aktienmärkten führen. Walter ergänzt: „Die zunehmende Anzahl negativer Ertragsüberraschungen und -prognosen in der aktuellen Berichtssaison lässt dies vermuten.“ Leber sieht das ähnlich: Wenn die Fed ihre Politik der schrittweisen Zinsanhebungen wie angekündigt bis Ende 2019 fortsetzt, würde das Zinsniveau wieder ein relativ normales Niveau erreichen. „Dies würde dazu führen, dass die US-Wirtschaft abgewürgt wird und in eine Rezession mündet."

 

Chart: Langfristige Entwicklung der wichtigsten Aktienmärkte

 

Klicken Sie auf das Chart um zu vergrößern.
 

 

Was bedeutet das für Anleger?

Für Fischer ist es noch nicht ausgemacht, dass die jüngste Korrektur das nachhaltige Ende des US-Bullenmarktes eingeläutet hat. "Es ist aus heutiger Sicht offen, ob es zu einer echten Baisse kommt oder zu einer breiten Seitwärtsbewegung. Dies wird maßgeblich davon abhängen, wie weit die Zinsanhebungen der Fed gehen werden", sagt auch Kaffarnik. Für Walter ist die eingeleitete Korrektur sehr wahrscheinlich noch lange nicht abgeschlossen. „Dabei kann die Abwärtsbewegung, insbesondere nach heftigen Abverkäufen, durchaus von Gegenbewegungen geprägt sein“, sagt der Vorstand, bezweifelt aber, dass dies für einen langfristig ausgerichteten Anleger echte Einstiegschancen darstellen. Sollten die US-Aktienkurse jedoch weiter fallen, das bezweifelt keiner der Vermögensverwalter, werden sich die europäischen Aktienmärkte der Talfahrt nicht entziehen können – zumal sich der Druck von der Zinsseite erhöht. Angesichts der laufenden Zinserhöhungen der Fed sagt der Shareholder Value-Vorstand mit Blick auf die Anleihemärkte: „Die Theorie sagt, dass Zinsen über 3,7 Prozent eine Alternative und damit Bedrohung für die Aktienmärkte werden."

 

Lesen Sie die vollständige Titelstory in der Print-Ausgabe 04/2018 von FONDS exklusiv!