Inhalt | Print-Ausgabe 03/2018
10.10.2018

"Anleger müssen sich an Risiko gewöhnen"

Weshalb die Zinswende das Private-Banking-Business vor große Herausforderungen stellt, Donald Trumps Handelspolitik von einem Aktieninvestment nicht abschrecken sollte, und Gold nun reichlich Potential eingeräumt wird, darüber diskutierten Top-Branchenexperten beim jährlichen Private-Banking-Roundtable.

von Raja Korinek

Foto: Luiza Puiu

Die Zeiten auf den globalen Märkten werden in den kommenden Jahren nicht einfacher werden. Schon jetzt stellen sich die Geldverwalter der Vermögenselite auf die wachsenden Herausforderungen ein. Trotzdem geben sie sich beim jährlichen Private-Banking-Roundtable von FONDS exklusiv durchaus optimistisch, auch wenn schnell klar wird: Anleger müssen sich künftig auf geringere Renditen einstellen, und das bei einem höheren Risiko. Ob der eskalierende Handelskonflikt mit US-Präsident Donald Trump unterschätzt wird, war ebenso ein Thema wie die Lösungsfindung in Zeiten der Zinswende. An der Experten-Runde im Herzen Wiens nahmen Waltraud Perndorfer, Leiterin der Privat Bank der Raiffeisenlandesbank Oberösterreich, Gerald Stadlbauer, Leiter Asset Management bei der Oberbank, Alexander Eberan, Vorstandsmitglied beim Bankhaus Krentschker und Robert Löw, Vorstandsvorsitzender der LLB Österreich, teil.

FONDS exklusiv: Noch vor wenigen Monaten waren es nur kleine Meldungen, inzwischen dominiert der schwelende US-Handelskrieg mit China die Finanzschlagzeilen. Und sorgt entsprechend für Turbulenzen auf den weltweiten Börsen. Weshalb wurde das Thema derart unterschätzt, und könnte die Entwicklung weiter eskalieren?

Waltraud Perndorfer:
Wie schlimm es noch wird, kann wohl nur US-Präsident Donald Trump selbst beantworten. Ich bin der Meinung, dass Trump die ständigen Drohungen rund um die Handelsbeschränkungen mit China als politisches Kalkül einsetzt. Einerseits stehen im Herbst die Midterm-Elections vor der Tür, andererseits beeinflusst er durch die daraus resultierende Unsicherheit die Standortentscheidung multinationaler Unternehmen zugunsten den USA. Trump möchte ja die heimische Industrie stärken und somit Arbeitsplätze schaffen. Dennoch importieren die USA noch immer deutlich mehr aus China als umgekehrt. Aus dieser Sicht könnte der Handelskonflikt in erster Linie China treffen, was aber wiederum gravierende Folgen für die globale Wirtschaft haben würde. China ist nach wie vor der wichtigste Zulieferer für viele globale Unternehmen, somit würden die Produktionskosten entsprechend ansteigen.

Robert Löw: Man muss sich auch die Dimensionen ansehen. Für September planen die USA, weitere rund 6.000 Produkte aus China mit einem Strafzoll zu belegen. Das umfasst ein Handelsvolumen von gut 200 Milliarden Dollar, wobei Gegenmaßnahmen darin noch nicht berücksichtigt sind. Interessant ist in dem Zusammenhang, dass 60 Prozent der Exporte aus China von ausländischen Töchtergesellschaften, also auch von US-Konzernen, in China produziert werden. Somit sind auch die USA selbst von den Maßnahmen negativ betroffen.

FONDS exklusiv: Seit dem Amtsantritt Trumps wächst das Wirtschaftswachstum in den USA grundsätzlich sehr kräftig. Anscheinend bekommt das Land den Handelskonflikt zumindest bislang weniger stark zu spüren?

W.P.: Tatsächlich könnte man meinen, dass Trump letztendlich einiges richtiggemacht hat. Sowohl die Konjunktur als auch die US-amerikanischen Aktienmärkte entwickeln sich gut. Das hatten zahlreiche Marktbeobachter vor seinem Amtsantritt so nicht erwartet. Vieles ist oftmals aber auch sehr stimmungsgetrieben. Wenn grundsätzlich eine optimistische Stimmung vorherrscht, wirkt sich das auf die Wirtschaftsentwicklung durchaus positiv aus. Darüber hinaus sind in den USA der Großteil an innovativen Technologieunternehmen angesiedelt, die sich in den letzten Jahren sehr gut entwickelt haben. Dennoch bleibt es spannend. Denn man sagt ja, wenn USA einen Schnupfen bekommt, entwickelt der Rest der Welt eine Grippe.

Gerald Stadlbauer: Man sieht, dass andere Länder wie etwa China grundsätzlich zu Zugeständnissen bereit wären. Dabei hat jede Medaille ohnedies stets zwei Seiten, auch jene des Handelskonflikts. Immerhin hat der US-amerikanische Motorradhersteller Harley Davidson als Reaktion auf die europäischen Gegenmaßnahmen angekündigt, einen Produktionsstandort außerhalb der USA zu suchen. Dadurch werden in den USA Arbeitsplätze verloren gehen, was verdeutlicht, dass ein globaler Handelskrieg nun einmal keine Gewinner hat. Zudem hat Trump in der Vergangenheit einige Vorhaben angedroht, die dann letztlich nicht umgesetzt wurden.

FONDS exklusiv: Wurde deshalb auch der Handelskonflikt womöglich ein wenig unterschätzt?

G.S.: Ja, durchaus. Deshalb wurde die jüngste Verschärfung ebensowenig erwartet. Aus aktueller Sicht dürfte das globale Wirtschaftswachstum Schätzungen zufolge aber nur um rund 0,1 Prozent beeinträchtigt werden, wobei wir letztlich nicht mit einer ernsthaften Eskalation rechnen. Wir denken, dass Trump derzeit seine öffentlichkeitswirksamen Auftritte auch für die Midterm-Elections nutzt. Es gab ja bereits Einigungen etwa mit China. Diese wurden zuletzt wieder über Bord geworfen, was durchaus wahlpolitische Motive haben könnte.

Alexander Eberan: Die Frage ist letztendlich auch, inwieweit der jüngste Handelskonflikt tatsächlich der Grund für die aktuelle Marktschwäche ist. In Europa und in den Schwellenländern könnte man die maue Wertentwicklung ebenso auf die steigenden US-Zinsen zurückführen. Da gab es in der Vergangenheit immer einen kausalen Zusammenhang. Was der Markt dennoch richtig sieht ist, dass Trump eine ganz spezielle Politik hat. Zuerst fährt er in ein Thema ordentlich hinein, stellt alles auf den Kopf und setzt sein Gegenüber kräftig unter Druck. Danach ist scheinbar wieder alles eitle Wonne, da agiert Trump sehr clever. Ob der chinesische Aktienmarkt seit Jahresbeginn aber auf Grund des schwelenden Handelskonfliktes mit den USA ein gutes Stück an Wert verloren hat, bleibt fraglich.

FONDS exklusiv: Vielleicht war es für viele Anleger ein willkommener Anlass, ein wenig Gewinne zu realisieren, nach der jahrelangen Hausse?

A.E.: Absolut, eine Marktkorrektur wäre aus aktueller Sicht mehr als überfällig. Deshalb kann es in den nächsten Monaten durchaus noch weiter bergab mit den Kursen gehen. Gerade zuletzt scheint ja der Technologiesektor in den USA in eine Korrekturphase zu laufen.

FONDS exklusiv: Umso spannender könnte das kommende Jahr für Anleger werden. Welche Themen werden bei Ihnen in der Vermögensverwaltung das Geschehen dominieren? Worauf werden Sie besonderes achten?

W.P.: Auch 2019 werden uns politische Themen noch reichlich beschäftigen, in Europa etwa rund um die Türkei und Italien. Zudem wird die Notenbankpolitik in Europa zunehmend in den Fokus rücken, da könnte es gegen Ende des Jahres erstmals zu einer Anhebung kommen. In den USA hat die Notenbank die Zinsanhebungen heuer wie geplant fortgesetzt. Auch im kommenden Jahr werden weitere zwei bis drei Anhebungen erwartet. Wobei man festhalten muss, dass offenbar nicht alle Marktteilnehmer den Optimismus der Währungshüter in den USA teilen. Derzeit notieren die Renditen langfristiger US-Staatsanleihen bei rund drei Prozent, somit nicht mehr viel höher als am kurzen Ende. Und das ist oftmals ein Indiz dafür, dass eine Rezession, somit wiederum eine Zinssenkung , künftig erwartet wird.

A.E.: Derzeit ist die Arbeitslosenrate in den USA immerhin auf 3,6 Prozent gesunken, damit ist praktisch Vollbeschäftigung erreicht. Und weil die Arbeitskräfte limitiert sind, steigen auch die Lohnforderungen, was wiederum einen Inflationsdruck auslöst. Deshalb sehen wir weitere Zinsanhebungen in den USA als sehr wahrscheinlich an. Aber es ist sicher eine interessante Entwicklung, dass die US-Zinskurve immer flacher wird. Bei den Aktienmärkten wird hingegen die Entwicklung der Technologieaktien im Fokus bleiben. Sie haben die Märkte zuletzt ein gutes Stück angetrieben, wobei die Bewertungen inzwischen sehr hoch sind. Und jetzt weht ihnen auch noch politischer Gegenwind aus den USA entgegen.

G.S.: Das Wirtschaftswachstum in den USA und Europa ist jedenfalls weiterhin stabil. Es gibt aber tatsächlich einige politische Risiken, die man nicht übersehen darf. In Bezug auf die Notenbanken wurde der unmittel- bare Fahrplan bereits kommuniziert. Nachdem der aktuelle EZB-Chef Mario Draghi nur noch bis Oktober 2019 im Amt bleibt, wird man gespannt darauf blicken ob die erste Leitzinsanhebung dann noch während seiner Amtsperiode stattfindet.

FONDS exklusiv: Für Diskussionsstoff sorgt in Zusammenhang mit der Türkei auch das direkte Engagement europäischer Banken. Wie ernst schätzen Sie die Lage ein? Und was wird möglicherweise übersehen?

G.S.: Die Türkei stufen wir als isoliertes Risiko ein, auch wenn die eine oder andere europäische Bank dort womöglich stärker engagiert ist. Deswegen wird aber keine Krise auf Europa überschwappen. Dazu sind die Handelsströme mit der Türkei einfach zu gering. Zudem gehe ich davon aus, dass Präsident Recep Tayyip Erdoğan und auch die Notenbank rational agieren werden, um die massive Liraabwertung endlich einzubremsen. Ähnlich sehen wir das auch für andere Regionen in den Schwellenländern. Auch die Krisen in Südafrika sowie in Argentinien erachten wir als keine Gefahr für die globale Konjunktur.

A.E.: Offen bleibt auch die Frage, wie China agieren wird. Schließlich hat die Währung stark abgewertet. Die kurzfristigen Zinsen wurden seit Ende 2017 von fast sechs Prozent auf 2,7 Prozent gesenkt. Auch die hochverschuldeten Zombiefirmen bleiben ein Thema. Allerdings wäre ein Wirtschaftswachstum von zumindest sechs Prozent für die Weltwirtschaft schon sehr wichtig.

R.L.: Letztendlich haben wir zehn tolle Aktienjahre gehabt. Damit stellt sich nun die Frage, ob die Märkte überbewertet sind. In den USA wird für börsennotierte Unternehmen für 2018 immerhin einen Gewinnanstieg von durchschnittlich 21 Prozent erwartet. In Europa soll das Gewinnwachstum rund zehn Prozent betragen. Vergleicht man allerdings das Kurs-Gewinn-Verhältnis (KGV), mit den Vorjahreswerten, haben die Gewinne zwar angezogen, die Aktienmärkte sind aber relativ gleichgeblieben. Damit sind die hohen Bewertungen Großteils wieder zurückgekommen. Für Europa liegt das KGV bei 14, für die USA bei 17. Das macht ein Investment in Aktien weiterhin interessant, zumal die Alternativen dünn gesät bleiben.

 

 

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