Inhalt | Print-Ausgabe 03/2018
25.10.2018

Dringender Reformbedarf bei der Zukunftsvorsorge

Die Finanzmarktaufsicht sieht die prämiengeförderte Zukunftsvorsorge im Niedergang begriffen. Setzt der Gesetzgeber nicht bald schlagkräftige Reformen um, dürften sich erneut Anbieter verabschieden und das Geschäft weiter zurückgehen. Reformansätze gibt es längst.

von Kay Schelauske

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Erinnern wir uns: Die Regierung hatte Verbesserungen in der privaten Altersvorsorge angekündigt. Ein Blick auf den Status Quo der prämiengeförderten Zukunftsvorsorge (pZV) lässt keinen Zweifel: Es wird Zeit, dass den Worten Taten folgen. Denn um das Vorsorgemodell ist es nicht gut bestellt. Der jüngst veröffentlichte Marktbericht der hiesigen Finanzmarktaufsicht (FMA) gibt den Ernst der Lage ungetrübt wieder: In den zurückliegenden fünf Jahren ist der Vertragsbestand um gut ein Fünftel zurückgegangen. „Auslaufende Altverträge werden nur zu einem kleinen Teil durch Neuverträge ersetzt“, heißt es in dem Report. Rasant ist die Entwicklung bei den Kapitalanlagegesellschaften. Sie betreiben schon seit acht Jahren kein Neugeschäft mehr. Aber auch die Versicherer meldeten durchweg eine Abnahme an Vertragsbeständen. Ihre Zahl hat sich auf sieben dezimiert. Die FMA rechnet damit, dass sich noch in diesem Jahr ein weiterer Anbieter aus dem Neugeschäft zurückziehen wird. Drei Versicherer teilen sich bereits 88 Prozent des Neugeschäfts unter sich auf.

Für einige wenige Lebensversicherer ist die pZV damit nach wie vor ein einträgliches Geschäft, wie Nachfragen bestätigen. Dies ändert jedoch nichts daran, dass das Interesse in der Bevölkerung an der staatlich geförderten Altersvorsorge immer weiter zurückgeht. Was sind die Gründe? „Die immer wiederkehrenden einseitigen negativen Kampagnen gegen die staatlich geförderte Zukunftsvorsorge haben wesentlich zur Verunsicherung der Konsumenten beigetragen“, sagt Kurt Grabler, Leiter Lebensversicherung bei der Donau Versicherung. Gleiches gelte für die Ausstoppung von Verträgen, von der man selbst aber nicht betroffen sei und die Reduktion der staatlichen Förderung durch den Gesetzgeber. In der Tat überschritt der Vertragsbestand seinen Zenit 2012, jenem Jahr, in dem die Förderprämie auf 4,25 Prozent halbiert wurde.

„Die aufsichtsrechtlichen Vorgaben anlässlich der Solvency II-Umsetzung haben das Produkt für manchen Anbieter weniger attraktiv gemacht“, bemerkt Manfred Rapf. Der Vorstandsdirektor der Wiener Städtischen Versicherung verweist auf die erweiterten Möglichkeiten der Kapitalhinterlegung im Rahmen der Eigenmittelvorschriften. Je nachdem, wie die Bruttobeitragsgarantie der pZV dargestellt werde, könne diese zu höheren oder niedrigeren Belastungen des Unternehmens führen. Manche Absicherungsinstrumente haben sich so als wenig förderlich für die Fortführung des Produktes erwiesen.

Im derzeitigen Niedrigzinsumfeld ist es nach Einschätzung der FMA schwierig, die bereits gegebenen Garantien zu erwirtschaften, ohne dabei auf Garantiegeber zurückzugreifen. „Bei einigen Versicherern, die Garantien durch interne Modelle abbilden, könnte sich dies negativ auf den Ertrag auswirken bzw. den pZV-Ertrag mindern“, schreiben die Autoren in ihrem Marktbericht. Rapf betont mit Blick auf das eigene Modell, das eine Ausstoppung ausschließe: „Unser Deckungsstock-Modell zeigt vor allem jetzt seine Stärken, wo sich der österreichische Aktienmarkt wieder erholt und dieser Performanceaufschwung unmittelbar mitgenommen werden kann.“

Spannungsreich war stets das Verhältnis aus verpflichtender Kapitalgarantie im Hinblick auf geleistete Beiträge und staatliche Prämien zur verpflichtenden Aktienquote. Nicht umsonst hat der Gesetzgeber mehrfach an den Veranlagungsvorschriften herumgeschraubt, zuletzt 2013. Seither gilt ein zweistufiges Lebenszyklusmodell: Bei unter 50-jährigen Versicherungsnehmern muss die Aktienquote zwischen 15 bis 60 Prozent ausmachen, bei älteren zwischen fünf und 50 Prozent. Gleichzeitig wurden die Möglichkeiten zur geografischen Streuung erweitert. Musste die Aktienveranlagung zuvor vollends aus Wertpapieren von Börsen aus Ländern des Europäischen Wirtschaftsraum stammen, können nun 40 Prozent der Aktien auch von anderen Wirtschaftsräumen kommen. Nach Angaben der Wiener Städtischen hat nicht nur die Verringerung der Mindestaktienquote zu einer einfacheren Absicherbarkeit der Kapitalgarantie geführt. Gleiches gelte für die zusätzliche Beimischung von internationalen Aktien, da die Märkte liquider sind und die Volatilität durch die verstärkte Streuung zurückgehe.

Auffällig schwankungsärmer hat sich seit 2013 die volumengewichtete Gesamtperformance der Versicherer entwickelt. Nach einem Plus von 6,8 Prozent in 2016, erreichte sie im Vorjahr einen Wert von zehn Prozent – bei einer leicht gestiegenen Aktienquote auf durchschnittlich 35,5 Prozent. Ein Plus von 10,2 Prozent erreichte ein seitens der FMA erstelltes Benchmark-Portfolio, bestehend aus 30 Prozent österreichischen Aktien, gewichtet nach dem ATX und 70 Prozent heimischer Bundesanleihen.

Für Rapf war diese Erweiterung auf internationale Aktienmärkte überfällig: „Viele dieser Märkte haben sich weitaus schneller erholt als der österreichische Markt, der erst in den letzten eineinhalb Jahren nachgezogen hat. So konnten Kunden, die bereits in das breitere Spektrum investiert waren, einen Startvorteil mitnehmen, während Kunden des ursprünglichen Investitionsmodells zeitlich hinterherhinkten.“ „Die Beimischung internationaler Aktien sehen wir grundsätzlich positiv“, bestätigt Wolfgang Ortner, Leiter Lebensversicherung der Generali Versicherung. Aus seiner Sicht ist durch das Lebenszyklusmodell mit einer altersabhängigen Reduktion der Mindestaktienquote ein weiterer Sicherheitsaspekt hinzugekommen, der von den Kunden positiv gesehen wird.

Weniger gut dürfte den Kunden aber gefallen, dass trotz der zuletzt guten Performancezahlen vergleichsweise geringe Erträge übrigbleiben. Die FMA hatte die sieben Versicherer, die Neugeschäft schreiben, nach einer Aufstellung der Kosten ersucht – basierend auf zwei Szenarien: 1. eine 35-jährigen Person hat einen Vertrag mit 30-jähriger Laufzeit bzw. 2. eine 45-jährige Person hat einen Vertrag mit 20-jähriger Laufzeit. Im Ergebnis führten die Kosten zu einer Minderung der Gesamtverzinsung um bis zu 1,14 Prozent oder im Durchschnitt von jährlich 0,5 bzw. 0,8 Prozent. Da die Versicherer laut FMA überwiegend von einer Gesamtverzinsung von jährlich zwei Prozent ausgegangen sind, bleibt für viele Versicherungsnehmer nur ein kleines Plus übrig. Bei einer Inflationsrate von aktuell über zwei Prozent kann sogar zeitweilig ein reales Minus am Ende stehen.

Verschiedene Reformansätze

Der Reformbedarf ist offensichtlich, soll dieses sinnvolle Instrument auch in Zukunft einen Beitrag zur privaten Altersvorsorge leisten. Wo sollte der Staat am besten ansetzen? Bei der Donau Versicherung spricht man sich für die Abschaffung des Mindestaktienanteils und eine Aufhebung der Anlagebeschränkungen auf Börsenplätze aus. Zudem könnten auch Bereiche wie Infrastruktur, leistbares Wohnen und Startups als Veranlagungsbereiche geöffnet werden. Mit Blick auf eine mögliche Aufweichung von Kapitalgarantien betont der Leiter Lebensversicherung bei der Donau Versicherung aber: „Nachdem für viele Österreicherinnen und Österreicher die Altersvorsorge mit Sicherheit und daher auch mit Garantie verbunden ist, sollte diese im Rahmen der prämiengeförderten Zukunftsvorsorge unbedingt erhalten bleiben.“ Angesichts zahlreicher Produktvorteile wie die Steuerfreiheit hat Grabler keinen Zweifel, dass die Nachfrage nach einem Produktrelaunch wieder steigen würde.

Das sieht man bei der Wiener Städtischen Versicherung genauso. Für zuträglich hält man dort die Erhöhung der maximal förderbaren Prämie. „Gerade Kunden ab 40 treten immer wieder mit dem Wunsch an uns heran, die monatliche Prämiengrenze anzuheben, da oft erst dann mehr Einkommen für die Vorsorge zur Verfügung steht“, sagt deren Vorstandsdirektor. Ebenso könnte man vielen Kundenwünschen entgegenkommen, indem man z. B. auch die Vorsorge für den Fall der Berufsunfähigkeit oder Pflegebedürftigkeit für förderwürdig erachtet und in das vorhandene System integriert. Für letzteres plädiert man auch bei der Donau.

Wann rechnen die Produktanbieter mit Aktivitäten des Gesetzgebers? „Nachdem es von Regierungsseite bereits erste Signale gegeben hat, sind wir optimistisch, dass die Versicherungswirtschaft bald auch ihre Ideen einbringen kann“, sagt Grabler. „Wir erwarten einen solchen Schritt für das Jahr 2020“, meint Rapf und fügt hinzu: „Die Bundesregierung hat ja bereits eine verstärkte Förderung der dritten Säule angekündigt.“