Inhalt | Print-Ausgabe 04/2018
20.12.2018

Ein Hoch auf die Gesundheit

Die Healthcare-Branche hat als einer der wenigen Sektoren 2018 eine überzeugende Performance hingelegt. Der MSCI-Healthcare-Index stieg um rund 14 Prozent. Doch geht der erfreuliche Aufwärtstrend auch 2019 weiter? Dazu haben wir einige Top-Fondsmanager befragt.

von Wolfgang Regner

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Gewinner der aktuellen und mittelfristigen Marktentwicklung werden jedenfalls die Innovationsführer sein. Dazu meint Oliver Schweers, Portfolio-Analyst für Global Equities, DWS Healthcare Typ 0: „Nach wie vor fließt viel Forschungsgeld in den Bereich der Immunonkologie. Vor allem bei soliden Tumoren wie Lungenkrebs und Nierenkrebs konnten Fortschritte erzielt werden. Große Aufmerksamkeit erfährt auch das Verfahren zur Behandlung von liquiden Tumoren durch gentechnologische Veränderung von körpereigenen T-Zellen, die sogenannte CAR-T-Therapie. Außerdem gibt es bereits eine erste Produktzulassung, welche auf Verfahren zur Veränderung des Erbgutes basiert, zur Behandlung einer seltenen Augenkrankheit, welche zur Blindheit führt. Es ist generell ein Anstieg von klinischen Studien zu beobachten, welche auf die Behandlung von Gendefekten fokussieren.

2019 könnten einige Neuzulassungen im Bereich der Autoimmunerkrankungen auf den Markt kommen, so z. B. eine neue Medikamentenklasse für Osteoarthritis (degenerative Gelenkveränderung) und chronische Rückenschmerzen. Außerdem ist NASH (Fettleber-Hepatitis), eine Krankheit, für die es aktuell keine guten Behandlungsmöglichkeiten gibt, ein an Wichtigkeit gewinnendes Therapiegebiet, zu welchem 2019 einige Datenpunkte kommen werden“.

Eine Belastung könnte wieder die anschwellende Welle an auslaufenden Patenten darstellen. Die Patente für das weltweit größte (nach Umsatz) Medikament Humira laufen in der EU 2018 und in den USA 2023 ab, wodurch das Medikament zunehmend dem Wettbewerb durch Biosimilars ausgesetzt wird. Ein ähnliches Schicksal erwartet das Prostatakrebsmedikament Zytiga, welches in 2019 mit größerer Konkurrenz rechnen muss. „Ein stärkerer Wettbewerb durch Generika und Biosimilars könnte für die großen Pharma- und Biotechkonzerne zu einer Belastung werden, selbst wenn diese auch Biosimilars unter einem eigenen Label lancieren. Davon profitieren könnten die traditionellen Generika-/Biosimilar-Hersteller. Gute Chancen sehen wir auch durch eine höhere Gewichtung der Krankenversicherer und Medizintechnik. Die Krankenversicherer genießen Preissetzungsmacht und schaffen es, die Kosten unter Kontrolle zu halten, was auf der Profitabilitätsseite hilft. Innovationskraft, stabiles Preisumfeld und ein geringeres Risiko von großen Patentenabläufen und politischen Interventionen ermöglichen den Medizintechnik- und Life-Science-Unternehmen wiederum ein attraktives Umsatzwachstum auszuweisen,“ analysiert DWS-Experte Schweers.

Chancen und Risiken

Jane Chen, Lacuna-Analystin in den USA und im Team des Lacuna Global Health, bietet ein differenziertes Bild der Healthcare-Branche. „Während wir bei den Verkaufszahlen von verschreibungspflichtigen Medikamenten in den nächsten fünf Jahren in den USA ein Wachstum um 6,5 Prozent p.a. erwarten, werden neue FDA-Zulassungen und Therapieansätze durch ein wachsendes Preisbewusstsein der Konsumenten und der nahenden Patentklippe (massive Patentabläufe) gedämpft. Von 2010 bis 2017 haben die Ausgaben in der Medikamentenentwicklung um 3,6 Prozent p.a. zugelegt. Wir erwarten jedoch, dass dieses Wachstum bis 2024 leicht nachlassen wird. Der Rückgang der Forschungsausgaben (R&D) reflektiert die wachsende Ineffizienz bei der Forschung und Entwicklung von neuen Medikamenten durch steigende Kosten für klinische Studien, verschärfte Regularien, wachsenden Wettbewerb unter Herstellern von Generika oder geringere Erfolgsraten bei der Entwicklung.

Alle resultieren aus einem grundlegenden Problem: Es wird immer teurer, neue, noch bessere Medikamente im Vergleich zu denjenigen zu entwickeln, die bereits auf dem Markt sind. Dennoch gab es einige herausragende Entwicklungen in der Biotechbranche: Etwa die drei Mukoviszidose-Medikamente von Vertex (VX-659, Tezacaftor und Ivacaftor), die dem Orphan Drugs Segment (bei Krankheiten mit nur geringen Patientenzahlen gibt es eine Forschungsförderung und längeren Patentschutz) zuzuordnen sind. Oder das neue Medikament für rheumatische Arthritis (Upadacitinib) von AbbVie, das allerdings durch biosimilare Alternativen von Remicade im Preis gedrückt werden könnte. Und schließlich ein Alzheimer-Medikament von Biogen (Aducanumab), welches aussichtsreich, aber auch höchst riskant ist,“ erklärt Lacuna-Analystin Chen.

Preisdruck nimmt zu

2017 gab es 55 neue Zulassungen durch die FDA, was ein starker Anstieg um 28 im Vergleich mit dem Jahr 2016 ist. Ziel ist es jedoch, die Medikamentenpreise durch einen hohen Wettbewerb im Bereich Generika zu senken. „Seit dem 1. Juli 2018 befinden sich mehr als 60 Entwicklungsprogramme für Biosimilars zu 31 verschiedene Referenzprodukten bei der FDA in der Projektvorbereitung,“ sagt Chen. Obwohl neue Gen- und Zelltherapien sowie neue Orphan Drugs ein starkes Wachstum zeigen, bleibt die Onkologie der vorherrschende Anteil der Verschreibungen. „Mit einem Wachstum von 12 Prozent p.a betrifft dies vor allem die Produkte der Hauptanbieter Keytruda von Merck, sowie Tecentriq (Roche), Ibrance (Pfizer) und Opdivo (Bristol Myers) – alle gegen unterschiedliche Krebsarten. Den zweitgrößten Anteil am Markt stellen Diabetestherapien, wobei hier Novo-Nordisk die Poleposition hat. Der Marktanteil von Novo-Nordisk wird bis 2024 voraussichtlich von 30 auf 35 Prozent ansteigen, da das nur wöchentlich zu verabreichende Ozempic sowie eine ganze Liste an oralen Medikamenten Diabetes in Schach halten können. Eli Lilly wird weiterhin Platz zwei belegen können. Wir erwarten, dass deren Medikament Trulicity demnächst die Position des meistverkauften Diabetes-Mittel einnehmen wird. Das größte Branchenwachstum verzeichnen die Immunsuppressiva, die durch Dupixent von Sanofi und Stelara (Johnson & Johnson) im Schnitt um 16 Prozent jährlich wachsen werden,“ weiß Chen.

Doch der Preisdruck nimmt zu. „Sanofi musste den initialen Preis von 14.600 Dollar für sein cholesterinsenkendes Heilmittel PCSK9 stark senken, um den über Express Scripts abgedeckten Patienten den Zugang zum Medikament zu erleichtern. Auch Apotheken und Krankenversicherungen müssen sich in den USA in hart umkämpften Branchen behaupten,“ erklärt Chen. Der Preisdruck führte 2018 zu einigen spektakulären Übernahmen. Cigna kaufte ExpressScripts, den größten US Pharmacy Benefit Manager (verhandelt mit den Pharmaherstellern Preise und Konditionen für seine Kunden), um stolze 67 Milliarden Dollar, die Apothekenkette CVS schluckte den Versicherer Aetna mit einem Deal im Wert von rund 69 Milliarden Dollar.

 

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