Inhalt | Printausgabe 3/2021
07.10.2021

Europa auf der Überholspur

Die Börsen auf dem „alten“ Kontinent werden mit hohen Abschlägen zu den US-Aktienmärkten gehandelt. Vieles spricht nun für eine Aufholjagd in Europa: Die Konjunktur springt kräftig an, der Export vor allem nach Asien brummt. Obendrein setzen sich zahlreiche kleine Nischenanbieter weltweit durch. Die vielfältigen Chancen, die Europa derzeit Anlegern zu bieten hat, wissen Top-Fondsmanager geschickt zu nutzen, wie FONDS exklusiv aufzeigt.

von Raja Korinek

Adobe Stock

Die guten Wirtschaftsdaten reißen derzeit in Europa nicht ab. Allein in der Eurozone stieg das Bruttoinlandsprodukt (BIP) von April bis Juni 2021 im Vergleich zum Vorquartal um 2 Prozent, wie das Statistikamt Eurostat veröffentlichte. Anfang des Jahres war die Konjunktur noch um 0,3 Prozent geschrumpft. Auch aus Großbritannien gibt es gute Nachrichten: Im zweiten Quartal ist das BIP im Quartalsvergleich um 4,8 Prozent gestiegen.

Damit ist mit den positiven Meldungen längst nicht Schluss. So wuchs das BIP in der Eurozone gegenüber dem zweiten Quartal 2020 um 13,6 Prozent. Dabei wurde das Wachstum insbesondere von Spanien und Italien angetrieben, deren Volkswirtschaften mit 2,8 Prozent respektive 2,7 Prozent zulegten.

Ein wenig kniffliger sieht die Lage in Deutschland aus. Die größte Volkswirtschaft innerhalb der Eurozone wuchs um lediglich 1,5 Prozent. Und das, obwohl wichtige Exportregionen, wie etwa China, einen fulminanten Jahresstart zurücklegten. Doch Deutschland hat viele Industriekonzerne. Weite Teile der Branche leiden aktuell an Lieferengpässen, so etwa an einem Chipmangel, der deutsche Automobilhersteller gerade ausbremst. Daniel Hartmann, Chefvolkswirt beim Assetmanager Bantleon, meint: „Das deutsche verarbeitende Gewerbe bietet zur Jahresmitte 2021 ein gespaltenes Bild. Während die Nachfrage nach Industriegütern hoch bleibt, fällt die Produktion immer stärker zurück.“ Dies verdeutlicht die Grafik unten: „Die Last der Lieferengpässe“

Servicesektor als Zugpferd

Überhaupt findet Bantleon-Experte Hartmann, dass der Nachfrageboom in der Industrie innerhalb der Eurozone seinen Zenit durchschritten habe. Allerdings bilde der Servicesektor ein Gegengewicht, der sich noch im Aufwind befinde: „Ganz exemplarisch spiegelte sich das in der Einkaufsmanagerumfrage – EMI – der Eurozone vom vergangenen Juli wider.“ Dieser zufolge verbesserte sich der Service-EMI von 58,3 auf 59,8 Punkte. Der Industrie-EMI gab dagegen leicht von 63,4 auf 62,8 Punkte nach. Hartmann gibt allerdings auch zu bedenken, dass der Aufholprozess im Dienstleistungsgewerbe infolge der Delta-Variante des Coronavirus nicht ganz so glatt verlaufen werde wie erwartet. „Allen voran im Reiseverkehr und bei den Freizeitaktivitäten besteht Luft nach oben. Auch in den kommenden Monaten wird sich die Pandemie dämpfend auf die Konsumnachfrage auswirken. Die Störungen könnten sich unter Umständen im Herbst nochmals intensivieren.“

Das Fazit des jüngst von Bloomberg ausgezeichneten Ökonomen fällt deshalb deutlich aus. In der Indus-trie der Eurozone zeichne sich in den kommenden Monaten eine moderate Abkühlung ab. Dem stehe eine holprige Erholung im Dienstleistungssektor gegenüber. Dies zeigt sich auch in der Grafik „Einzelhandelsumsätze in der Eurozone“. Demnach sind zwar die Online-Verkäufe stark gestiegen. Die Gesamtentwicklung in dem Sektor fällt aber weitaus verhaltener aus. „Per saldo wird sich das Expansionstempo in der Eurozone demzufolge zum Jahresende verlangsamen. Ein Rückfall Richtung Stagnation oder gar Rezession sehen wir indes nicht“, konstatiert Hartmann.

Für das Schlussquartal 2021 rechnet man bei Bantleon mit einem BIP-Zuwachs in der Eurozone von gut einem Prozent, nach 2 bis 2,5 Prozent im dritten Quartal, jeweils im Vergleich zum Vorquartal. Mit dem Abebben der Pandemie und den allmählich rückläufigen Lieferproblemen könnte der Aufschwung im kommenden Jahr nochmals kräftig Luft holen.

Beginnt die Aufholjagd?

Doch was bedeutet dieser Umstand für Europas Aktienmärkte? Vor allem der deutsche Leitindex Dax hat in diesem Jahr bereits ein gutes Stück zugelegt. Auch andere europäische Indizes konnten zu einem kräftigen Aufschwung ansetzen. Hat die lang erwartete Aufholjagd gegenüber den US-Indizes damit eingesetzt? Arnaud d’Aligny, Portfoliomanager European Equities bei Lombard Odier Investment Managers (LOIM), wirft in diesem Zusammenhang einen Blick auf die jüngsten Marktbewertungen. Er sagt, europäische Aktien werden mit einem 12-Monats-Kurs-Gewinn-Verhältnis von 16 im Vergleich zu 22 bei US-Aktien gehandelt (basierend auf Konsenserwartungen von Mitte August 2021 für den Stoxx Europe 600, beziehungsweise den S&P 500-Index). D’Aligny meint, der Bewertungsabschlag europäischer Aktien gegenüber US-Aktien lag zu diesem Zeitpunkt mit rund 25 Prozent sogar deutlich über dem langfristigen historischen Durchschnitt seit 2005 von 16 Prozent.

Verständlich, wenn der LOIM-Experte meint, dass europäische Aktien derzeit besonders attraktiv seien, „da sie im Vergleich zu US-Aktien auf einem attraktiven Bewertungsniveau gehandelt werden und eine stärkere Gewinnerholung zu erwarten ist“. Zwar hätten europäische Aktien seit Jahresbeginn eine starke Performance erzielt. Die Bewertungen seien aber gesunken, da die Gewinnrevisionen so stark wie seit 20 Jahren nicht mehr waren. Viele europäische Unternehmen sind dabei stärker international ausgerichtet, da sie insgesamt 57 Prozent ihres Umsatzes außerhalb Europas erwirtschaften.

D’Aligny meint, sie könnten deshalb global als auch regional von der anhaltenden Konjunkturerholung besonders profitieren. „Seit Jahresbeginn sind die Investitionen globaler Anleger in europäische Aktien stark und aus allen Regionen gleichmäßig gestiegen. Es ist zu erwarten, dass diese positiven Ströme anhalten werden, da die Nachfrage der Anleger nach europäischen Aktien in den vergangenen Jahren schwach war und der jüngste Aufschwung nur einen kleinen Teil der Abflüsse wieder auffängt.“

Dabei gebe es in Europa eine Reihe weltweit führender Unternehmen in verschiedenen Sektoren, zu denen d’Aligny das Gesundheitswesen, Konsumgüter, Dienstleistungen, aber auch den Industriesektor und die Technologiebranche zählt. Zu finden sind solche Unternehmen sowohl im Segment der Large Caps als auch der Small und Mid Caps, wie er sagt. „Darüber hinaus steht Europa eindeutig an der Spitze der „grünen“ Transformation – auf unternehmerischer, politischer und regulatorischer Ebene – und die Aktienmärkte umfassen einige der führenden Innovatoren und Akteure in den laufenden Übergängen zur Nachhaltigkeit.“

Europas Chancen sind vielfältig

Zudem hat sich die europäische Aktienlandschaft gewandelt und wird immer wachstumsstärker, „wobei der Technologiesektor nun die gleiche Größe wie die Banken und der Luxusgütersektor die gleiche Größe wie der Energiesektor hat“, so der erfahrene LOIM-Experte. Dies ist insofern eine signifikante Entwicklung, da es vor allem die etablierten Technologie-konzerne aus den USA sind, die in den vergangenen Jahren für die kräftigen Wertzuwächse der Indizes jenseits des Atlantiks sorgten. Ein zunehmend bedeutender Technologiesektor in Europa ist deshalb auch ein wichtiger Treiber der Aufholjagd. Eine Welt ohne digitalen Fortschritt ist schließlich kaum noch vorstellbar.

Umso interessanter ist der breit gefächerte Blick auf Europas Top-Aktienfonds, die in die gesamte Palette von Großkonzernen bis hin zu erfolgreichen Kleinunternehmen investieren. Ein Fonds, der mit seiner Wertentwicklung offenbar besonders überzeugen konnte, ist der BlackRock Strategic Funds - European Opportunities Extension Fund. Denn für Neuzuflüsse ist er derzeit geschlossen. Ein Blick auf das Erfolgsrezept lohnt sich dennoch. Besonders hoch gewichtet sind derzeit dänische Aktien mit rund 25 Prozent, so hoch wie in keinem anderen Europa-Fonds.

 

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