Inhalt | Print-Ausgabe 01/2019
25.04.2019

Faktor-ETFs: Investieren in alternative Bausteine

Es gibt eine wachsende Zahl an Indizes, bei denen Titel nach speziellen Faktoren anstatt der Marktkapitalisierung gewichtet werden. Das bietet passiven Anlegern neue Chancen, birgt aber auch einige Schwachstellen, die man ebenso kennen sollte.

von Raja Korinek

Foto: Fotolia

Die vergangenen Jahrzehnte haben vor allem eines an der Börse gezeigt: Herkömmliche Indizes haben durchaus ihre Schwächen, einerlei ob es um große Messlatten, oder kleine Benchmarks geht. Doch wo genau liegt das Problem? Die meisten Indizes gewichten die einzelnen Titel nach der Marktkapitalisierung. Grob gesagt wird beispielsweise bei den Aktien dabei der aktuelle Aktienkurs mit der Anzahl der Aktien multipliziert. Anhand dieser Formel wird eines damit schnell klar: Je weiter der Kurs eines Titels steigt, desto größer wird folglich dessen Gewichtung in einem Index. Und das bleibt nicht ohne Folgen. Denn so werden wiederum aktuelle „Modetrends“ an den Börsen rasch zu selbsterfüllenden Prophezeiungen, da sie ein immer größeres Gewicht in einem Index einnehmen, ihn somit immer stärker vorantreiben. Freilich, solange das gut geht, sorgt es für laufende Zugewinne an der Börse. Anders, wenn der Trend allerdings zu Ende geht – und das geschieht dann meist sehr abrupt. Dann ziehen hoch gewichtete Titel den Gesamtindex umso stärker nach unten.

Begehrte Aktien als Belastung

Dieses Phänomen konnte man nicht nur nach dem Platzen der High-Tech-Blase rund um die Jahrtausendwende beobachten. Auch während der Finanzkrise von 2008 zog der Abverkauf der einst beliebten Bankenaktien etwa in Europa ganze Benchmarks nach unten. Zuletzt waren es einmal mehr Technologietitel, die für gröbere Rücksetzer an den globalen Märkten sorgten. Dabei hatten sie in den Jahren zuvor eine fulminante Hausse zurückgelegt. Und genau da wird auch das Dilemma für passive Investoren sichtbar. Sie setzen mittels börsengehandelten Fonds, sogenannten ETFs (Exchange Traded Funds), spesengünstig auf die Wertentwicklung unterschiedlicher Indizes. Und machen dabei die Kursbewegungen in vollem Ausmaß nach oben sowie nach unten voll mit. Demgegenüber können aktive Fondsmanager in ihren Portfolios gewisse Sektoren oder einzelne Titel geringer gewichten, wenn sie mit einer Überhitzung rechnen.

Umso mehr lohnt sich deshalb auch der Blick auf sogenannte Faktor-ETFs. Sie können eine durchaus sinnvolle Ergänzung oder Alternative zu herkömmlichen Passivstrategien darstellen, die rein auf marktkapitalisierte Indizes setzen. Denn bei Faktor-Investments werden die zugrundeliegenden Indizes nach völlig neuen Spielregeln zusammengestellt, abseits einer Marktkapitalisierung. Mit diesen alternativen Methoden sollen Verzerrungen möglichst vermeiden werden.

Faktoren werden favorisiert

Dabei wird offenbar zunehmend auf die Alternativen zugegriffen. So spielten Faktor-Investments eine zunehmend wichtige Rolle, bestätigt Heike Fürpaß-Peter, Head of Lyxor Sales für Deutschland und Österreich: „Am gesamten europäischen ETF-Markt waren Faktor-ETFs in den vergangenen Jahren der am stärksten wachsende Bereich. Allein seit Beginn des Jahres floß mehr als eine Milliarde Euro an neuem Geld in diese sogenannten Smart-Beta-ETFs.“ Doch handelt es sich dabei lediglich um einen zwischenzeitlichen Trend, oder macht der Einsatz von Faktor-ETFs in einem Gesamtportfolio tatsächlich Sinn? Marktexperten sehen durchaus Vorteile bei diesen Produkten. Und das aus gutem Grund, wie sie hervorheben: „Der Effekt von Faktoren ist gut erforscht. Wie umfassende Untersuchungen zeigen, sind Aktienfaktoren den allgemeinen Märkten über längere Zeiträume und Regionen hinweg überlegen. Und damit ist die Vereinnahmung von Risikoprämien wissenschaftlich belegt“, betont Dag Rodewald. Er leitet den ETF-Verkauf in Deutschland und Österreich bei der UBS.

Die Entwicklung der Faktor-ETFs hat sich allerdings stückweise etabliert. Der wohl älteste Faktor-ETF ist dabei jener, bei dem sich die Indizes aus jenen Aktien zusammensetzen, die eine nachhaltig hohe Dividende ausschütten. Inzwischen gibt es zahlreiche weitere Faktoren, nach denen Indizes zusammengesetzt werden. Und sie haben jeweils sehr unterschiedliche Eigenschaften. Bleibt noch die Frage, wie diese aussehen. Dazu zählt beispielsweise der sogenannte Size-Faktor, bei dem die Aktien im Index alle gleichgewichtet werden. Hier sollten Anleger aber beachten, dass kleinere Unternehmen in Relation zu den Large Caps einen hohen Anteil erhalten, mahnt Christina Mohr, Expertin für strukturierte Lösungen bei der BNP Paribas Asset Management. Der Grund für ihre Vorsicht? In der Regel schwanken Aktien mit kleiner Marktkapitalisierung mehr, da sie oftmals illiquider sind. Und das sollte man vor allem in turbulenten Zeiten nicht unterschätzen.

Doch Mohr legt ohnedies ein viel größeres Augenmerk auf vier weitere Faktoren. So gibt es etwa noch den Quality-Faktor. Hier werden Titel mit gesunden Bilanzen ausgewählt. Anders beim Value-Faktor, hier zählt eine fundamentale Unterbewertung einer Aktie, gemessen etwa an der Gewinnrendite. Diese Kennzahl ist der Kehrwert des Kurs-Gewinn-Verhältnisses. Und dann gibt es noch die Low-Volatility oder Minimum-Volatility-Strategien. Hier wird auf jene Aktien gesetzt, deren Kurse besonders schwankungsarm sind.

Immerhin, bei iShares startete man bereits 2012 mit einem Minimum-Volatility-Produkt in der Welt der Faktor-ETFs. Im langfristigen Zeitraum von 2000 bis Ende 2018 konnte die Strategie mit dem Ziel der Risikominderung den MSCI World Index um gut 2,6 Prozent pro Jahr schlagen. „Und das bei gleichzeitig geringerer Volatilität“, verweist Bahram Sadighian, iShares Country Head Austria and Eastern Europe, auf die positive Eigenschaft. Freilich, in besonders euphorischen Phasen kann diese Strategie dem allgemeinen Markt dafür hinten nachhinken.

Vorsicht vor Blasenbildungen

Auch beim Moment-Faktor zählt die Kursentwicklung an der Börse. Je mehr Schwung dabei gerade aufkommt, desto stärker ist das Momentum. Es werden aber auch Gewinnrevisionen der Analysten für die einzelnen Titel bei dieser Selektionsmethode berücksichtigt. „Hier müssen Anleger aber aufpassen, dass sie nicht in eine Blase hineininvestieren“, mahnt BNP-Paribas-Expertin Mohr. Denn je größer die Euphorie bereits ist, desto größer ist auch das Momentum – und die Gefahr, dass ein Ende der Hausse bald anstehen könnte. Wer also auf einzelne Faktoren setzt, der sollte auch eine Marktmeinung vor Augen haben, wie die unterschiedlichen Kriterien verdeutlichen. Und genau deshalb haben die verschiedenen Faktoren nicht nur einige Stärken, sondern auch ihre Schwächen. Anders gesagt: Kein Faktor wird in jeder Marktphase gleich gut funktionieren.

Vielmehr spielen Faktor-ETFs zu verschiedenen Zeitpunkten ihre Vorteile aus. Fürpaß-Peter von Lyxor erklärt: „Mit den Faktoren können Anleger zum Beispiel die Volatilität reduzieren, die Rendite steigern oder die risikoadjustierte Rendite verbessern“. Value- und Size-Strategien bewährten sich besonders in Phasen eines schwachen, und anziehenden Wirtschaftswachstums. Sollte hingegen die Konjunktur noch weiter brummen, allerdings mit einer abschwächenden Dynamik, dann schneiden in der Regel Quality-Aktien meist besonders gut ab. Das tun sie oftmals aber auch in Krisenzeiten. Obendrein verweist die Lyxor-Expertin auf die Momentum-Strategien. „Diese punkten in langlaufenden Hausse-Phasen.“

Auch andere Häuser achten genau auf die Eigenschaften der einzelnen Faktoren. Rodewald von der UBS verweist dazu etwa auf das aktuelle Börsengeschehen: „Derzeit erleben wir ein volatileres Marktumfeld, in dem es ratsam ist, das Core Investment durch defensive Faktoren wie Qualität und Low Volatility zu ergänzen. Denn im Zusammenspiel reduzieren beide Faktoren die annualisierte Volatilität“. Rodewald erklärt auch, dass dadurch mögliche Drawdowns – wie Rücksetzer in Abwärtsphasen im Fachjargon genannt werden – reduziert werden könnten. „Das konnte man bereits sehr gut etwa in der Finanzkrise 2008 und während der europäischen Staatsschuldenkrise im Jahr 2011 sehen“.

Multi-Faktoren als Streuung

Doch was tun, wenn man die Zyklizität einzelner Faktoren vermeiden möchte? Da könnte eine Multi-Faktor Strategie – mit ausbalanciertem Faktor-Exposure – eine attraktive Strategie darstellen, fügt Sadighian hinzu. Dabei werden, wie der Name schon sagt, mehrere Faktoren in einem Produkt kombiniert. Dem können auch andere Experten etwas abgewinnen. „Eine Kombination aus mehreren Faktoren könnte zumindest teilweise als Ersatz für ein Core-Investment genutzt werden“, meint etwa UBS-Experte Rodewald. Letztendlich ist man mit einer breiten Diversifizierung für verschiedene Marktphasen gewappnet. Allerdings sollte man einen Punkt gut beachten, mahnt Sadighian: „Multi-Faktor-Strategien können sich in ihrer Konstruktion elementar voneinander unterscheiden“. Schließlich gebe es Anbieter, die einfach Einzelfaktor-Strategien kombinierten und so einen Multi-Faktor-Index bauten. „Da Faktoren aber häufig negativ miteinander korrelieren, können sich in einem so konstruierten Portfolio die Faktoren gegenseitig aufheben, oder im schlimmsten Fall sogar ein negatives Exposure aufweisen“, fügt der langjährige iShares-Experte hinzu. Bei iShares ist man bei den Multi-Faktor-ETFs jedenfalls bestrebt – bei gleichbleibenden Marktrisiko – das Engagement auf jene Faktoren zu maximieren, die in der Vergangenheit den breiten Markt übertroffen haben.

Investieren ohne Timing

Auch bei anderen Häusern hat man sich freilich Gedanken über die Zusammensetzung gemacht. Bei Lyxor unterstreicht man etwa die Problematik des richtigen Timings der einzelnen Zyklen. Dabei könnten sich Trends relativ rasch drehen. Und da kann der rechtzeitige Wechsel in eine andere Strategie schwierig sein. Aus diesem Grund seien sämtliche Faktoren in einem Multi-Faktor-Portfolio gleich gewichtet, zeigt Heike-Fürpaß auf. Doch wie mischen die Anbieter konkret die einzelnen Faktoren in ihren Multi-Faktor-Produkten zusammen? Der Lyxor Index Fund-Lyxor J.P. Morgan Multi-Factor World Index UCITS ETF hat beispielsweise den MSCI Weltindex als Universum, aus dem selektiert wird, und zwar nach fünf unterschiedlichen Faktoren. Diese sind: Value, Size, Momentum, Low Beta und Quality. Auch bei iShares hat man unter anderem den Weltindex als zugrundeliegende Bench-mark, und zwar für den iShares Edge MSCI World Multifactor UCITS ETF. Hier stehen die Faktoren Value, Quality, Momentum und Size im Fokus. Etwas schmäler ist der Zugang beim THEAM Quant - Equity Europe DEFI Fund von der BNP Paribas AM, bei dem im Übrigen der Einstieg erst ab 100.000 Euro möglich ist. DEFI ist das Akronym für Diversified Equity Factor Investing. Der zugrundeliegende Index, aus dem Aktien anhand der vier Faktoren gewählt werden, ist der STOXX Europe 600. Die vier Faktoren sind dabei Value, Quality, Momentum sowie Low-Volatility.

Auch gibt es die Möglichkeit, auf währungsgesicherte Tranchen zu setzen. Womit schnell klar wird, dass selbst die Welt des passiven Investierens inzwischen ein gutes Stück an aktiven Entscheidungen erfordert. Dennoch, meint Fürpaß-Peter, eröffneten auch Faktor-ETFs den Anlegern die Möglichkeit, kostengünstig und transparent zu investieren.