Inhalt | Printausgabe 04/2021
05.01.2022

Geben 2022 die Bullen die Richtung vor?

Die Inflation steigt weltweit kräftig, die Lieferengpässe halten länger als erwartet an. In solch einem Umfeld raten Top-Vermögensverwalter 2022 zu Qualitätsaktien und gut gewählten Bondinvestments. Wie es zudem mit Gold und Kryptowährungen weitergeht und wo die größten Risiken für den weiteren Aufschwung lauern, lesen Sie in der großen FONDS exklusiv-Vermögensverwalter-Umfrage.

von Raja Korinek

Adobe Stock

Die Wucht, mit der die jüngste Coronawelle losrollte, war ebenso heftig wie überraschend für viele Menschen. Sie weckt auch Sorgen rund um die weitere Entwicklung der globalen Konjunktur. Schon jetzt gibt es eine Reihe an Belastungsfaktoren für die Wirtschaft, zu denen anhaltende Lieferengpässe und ein Mangel an Halbleitern zählen. Auch der Konflikt zwischen den USA und China eskalierte zuletzt einmal mehr und sorgt an den Kapitalmärkten für gelegentliches Störfeuer.

Der Start in das neue Jahr 2022 dürfte angesichts solcher Entwicklungen denkbar schwierig werden. Doch trotz des eingetrübten Umfelds sind Kapitalmarktexperten für das kommende Jahr insgesamt zuversichtlich. Das zeigt die aktuelle FONDS exklusiv-Umfrage unter Top-Vermögensverwaltern in Deutschland und in Österreich.

Konsumstau löst sich auf

Ulrich Kaffarnik, Vorstandsmitglied der DJE Kapital AG und Kapitalmarktexperte, meint: „Der Aufschwung wird im kommenden Jahr weitergehen und zumindest bis 2023 anhalten.“ Als wesentlichen Treiber sieht Kaffarnik die anhaltend hohe Nachfrage aus dem Konsumsektor, die aufgrund der Lieferengpässe aber noch nicht voll bedient werden konnte. „Diese sollten sich im kommenden Jahr allmählich auflösen. Dann kann auch die aufgestaute Nachfrage stückweise abgearbeitet werden.“ Den Marktexperten stimmt unter anderem die steigende Impfbereitschaft in Asien zuversichtlich, insbesondere in wichtigen Zulieferländern wie Vietnam, den Philippinen und Thailand. Damit sollte auch die Produktion allmählich hochgefahren werden können.

Die globale Unternehmenslandschaft hat sich trotz der Schwierigkeiten bei Lieferungen bislang wacker geschlagen. Laut FactSet Research Systems, einem US-amerikanischen Finanzdaten- und Softwareunternehmen, lag Mitte November 2021 das Gewinnwachstum beim Großteil jener Unternehmen, die am Stoxx Europe 600 für das dritte Quartal bereits berichtet hatten, bei durchschnittlich 63 Prozent gegenüber dem Vorjahresquartal. Vor Beginn der Berichtssaison wurde lediglich ein Plus von knapp 40 Prozent erwartet. Auch in den USA war die Entwicklung durchwegs positiv. Für rund 92 Prozent der berichteten Unternehmen aus dem S&P 500 summiert sich das Gewinnwachstum auf 42 Prozent, damit ebenfalls höher als erwartet (siehe Schaubild unten).

Alois Wögerbauer, Geschäftsführer der 3 Banken Generali Investment verweist auf die jüngsten Ergebnisse, dass es bis dato sehr gut gelinge, die steigenden Input-Kosten an den Endverbraucher weiterzugeben. Er mahnt dennoch vor allzu viel Euphorie und sagt: „Ob die aktuell gute Margenqualität der Unternehmen gehalten werden kann, gilt es im Jahresverlauf 2022 genau zu beobachten.“

Auch Hendrik Leber, Geschäftsführer der Acatis Investment Kapitalverwaltungsgesellschaft, lässt bei seinem Ausblick für das kommende Jahr ein wenig Vorsicht walten. Denn er glaubt, dass die Lieferengpässe nicht spurlos an den Unternehmen vorbeigehen dürften, was in Folge zu einer stärkeren Differenzierung zwischen Gewinnern und Verlierern führen werde. „Auch das Tempo des Weltwirtschaftswachstums wird sich deshalb verlangsamen“, zieht Leber ein klares Fazit.

China fällt zurück

Doch wie sehen die Prognosen aus? Laut dem Internationalen Währungsfonds (IWF) dürfte die globale Wirtschaft in diesem Jahr um 5,9 Prozent wachsen, im kommenden Jahr um nur noch 4,9 Prozent. Für die Industriestaaten liegt 2022 die Prognose bei 4,5 Prozent, in den Schwellenländern bei 5,1 Prozent. Die größte Wirtschaftsregion – China – dürfte sogar nur um 5,6 Prozent wachsen, nach geschätzten acht Prozent im noch laufenden Jahr.

Demnach schmilzt Chinas Wachstumsvorsprung, meint Wögerbauer. Grund für die rückläufige Entwicklung sieht der Kapitalmarktexperte unter anderem in der Immobilienbranche. Zuletzt hat die drohende Pleite rund um den Immobilienentwickler Evergrande für reichlich Schlagzeilen gesorgt. Die ohnedies schon knifflige Lage des Konzerns wurde aufgrund strengerer Vergaberichtlinien bei Immobilienkrediten weiter verschärft.

Wögerbauer meint: „Der Anteil der Bauindustrie an Chinas Wirtschaftswachstum war in den vergangenen Jahren enorm hoch. Der Zuwachs lässt sich so nicht wiederholen. China wird daher ein wenig als ‚Lokomotive‘ der Weltwirtschaft seine Funktion verlieren.“

Torsten Reidel, Geschäftsführer von Grüner Fisher Investments, wiegelt die Lage am Immobiliensektor ebenfalls ab, bezweifelt aber, dass die jüngsten Entwicklungen ausreichten, um eine Rezession auszulösen. „Der Immobilienmarkt in China war auch 2015 schwach. Dennoch setzte sich das starke Gesamtwachstum fort.“

Infrastrukturpaket als wichtige Stütze

In anderen Regionen dürften umfangreiche Fiskalpakete noch für reichlich Unterstützung sorgen. Dieser Umstand trifft sowohl auf die USA als auch auf Europa und Japan zu, betont Robert Beer, Geschäftsführer Robert Beer Investment GmbH. Allein in den USA sieht Joe Bidens Infrastrukturpaket Investitionen in Höhe von 550 Milliarden US-Dollar unter anderem für neue Straßen und Schienen sowie Leitungen und den Ausbau des Breitband-Internets in ländlichen Gebieten vor, aber auch für Ladestationen für Elektroautos. Das Paket stimmt auch Bert Flossbach, Vorstandsmitglied bei Flossbach von Storch (FvS) zuversichtlich. Flossbach meint, das starke Wachstum in den USA dürfte unter anderem angesichts der geplanten Infrastruktur- und Konjunkturprogramme anhalten.

Diesseits des Atlantiks sind ebenfalls großzügige Stützungsmaßnahmen geplant. In der Europäischen Union (EU) soll der 750 Milliarden Euro schwere Wiederaufbaufonds die Wirtschaft – insbesondere bei „grünen“ Projekten – ankurbeln.

Noch bleibt auch die Geldpolitik im Großen und Ganzen unterstützend, wenngleich erste Schritte auf ein Ende der historisch ultra-lockeren Maßnahmen deuten. In Ländern wie Norwegen und Neuseeland wurden die Leitzinsen im Herbst 2021 angehoben. In England wird solch ein Schritt demnächst erwartet. Ein wenig zögerlicher geben sich die Notenbanker in den USA, vor allem aber in der Eurozone.

Inflation unter Beobachtung

Den jüngsten Inflationsanstieg wollen die Währungshüter in beiden Regionen genauer beobachten, auch wenn dieser zuletzt recht üppig ausfiel. Allein in den USA erreichte die Inflationsrate im Oktober 6,2 Prozent gegenüber dem Vorjahresvergleichswert und damit den höchsten Zuwachs seit über 30 Jahren. Dies ist nicht nur auf steigende Energiepreise und Wohnkosten zurückzuführen. Die Entwicklungen am Arbeitsmarkt sind ebenso signifikant. Mit 4,6 Prozent im Oktober 2021 liegt die Arbeitslosenrate unter jener Quote, die der Offenmarktausschuss der US-Notenbank mit 4,8 Prozent für Jahresende 2021 als „inflationsstabile Arbeitslosenquote“ bezeichnet hat. Zugleich legten die durchschnittlichen Stundenlöhne um 5,8 Prozent kräftig zu.

In der Eurozone erreichte der Inflationsanstieg 4,1 Prozent im Vergleich zum Vorjahreswert, wobei dieser von der Europäischen Zentralbank (EZB) als vorübergehend eingestuft wird. Für das Gesamtjahr 2021 rechnet die EZB mit einer Inflationsrate von 2,4 Prozent, im kommenden Jahr mit 2,2 Prozent. Manch ein Marktexperte gibt sich hingegen vorsichtiger.

Acatis-Experte Leber ist überzeugt, dass die Inflation sich verfestigen wird, auch wenn die Notenbanken dies anders sehen, wie er sagt. Seine Vorsicht führt er auf eine Reihe an Faktoren zurück, zu denen etwa die Deglobalisierung, die Anfälligkeit der Lieferketten sowie ein politisches Spiel mit den Öl- und Gaspreisen und steigende Löhne zählen. Er meint: „Notenbanken können nur wenige dieser Faktoren beeinflussen.“

Auch andere Experten lassen Vorsicht walten. Flossbach sagt: „Sollte das vielfach gestiegene Inflationsniveau länger anhalten und zu höheren Erwartungen führen, könnte sich ein neues Inflationsregime etablieren, die Teuerung demnach dauerhaft auf ein Niveau von mehr als jährlich zwei Prozent steigen.“

Lesen Sie die vollständige Cover-Story in der Printausgabe 4/2021!