Inhalt | Printausgabe 04/2021
17.12.2021

Innovative Medizin mit Aufholpotenzial

Health Care- und besonders Biotechnologiefonds haben zuletzt deutlich underperformt. Die Belastungsfaktoren sollten aber 2022 wieder abflauen. Vielmehr dürften neue Medikamente in Wachstumsbereichen für Kursphantasie sorgen.

von Wolfgang Regner

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Kurzfristig zu denken hat sich für Anleger in der Medizin noch nie ausgezahlt. Selbst angesichts einiger Belastungsfaktoren stimmt die Investmentstory auf mittlere Sicht. „In der medizinischen Biotechnologie sehe ich drei bedeutende Wachstumsbereiche: die RNA-Technologie, die Präzisionsmedizin sowie Gene Editing“, sagt Mario Linimeier, Fondsmanager des Medical BioHealth.

Aufgrund der Corona-Pandemie stehen derzeit mRNA-Ansätze – ein Teilgebiet der RNA-Technologie – im Investoren-Fokus. Mit Hilfe von mRNA-Technologien ist es gelungen, innerhalb kürzester Zeit COVID19-Impfstoffe zu entwickeln. Darüber hinaus könnten mRNA-basierte Vakzine und Therapeutika auch in vielen anderen Indikationen, wie zum Beispiel zur Krebstherapie, eingesetzt werden. „Hier steht aber der entscheidende klinische Proof-of-Concept noch aus“, so Linimeier.

Der zweite wichtige Wachstumsbereich ist die Präzisionsmedizin, die eine maßgeschneiderte Behandlung ermöglicht. Das klassische Anwendungsfeld ist die Onkologie. Zum Beispiel ist die Entwicklung des krebsspezifischen Präparats Lumakras ein Meilenstein in der personalisierten Medizin. Das Medikament wurde dieses Jahr von der US-Arzneimittelagentur FDA zur Behandlung von Tumoren mit KRAS-Mutationen zugelassen. Von diesen Mutationen sind rund ein Viertel aller Patienten mit nicht-kleinzelligem Lungenkrebs betroffen. Bis dato galten Krebszellen mit KRAS-Mutationen als therapieresistent.

Das dritte vielversprechende Gebiet in der Arzneimittelentwicklung ist Gene Editing. Hierbei werden molekulare Scheren (auch Genscheren genannt) genutzt, um das menschliche Genom zu verändern und damit lebensbedrohliche Erkrankungen potenziell zu heilen. Das Biotech-Unternehmen Intellia Pharmaceuticals publizierte erste positive klinische Daten bei der Stoffwechselstörung Amyloidose, bei der es zu toxischen Ablagerungen im Körper kommt. Das krankheitsverursachende Protein konnte mittels Genschere um ca. 50-90 Prozent reduziert werden. Und die große Stärke des gezielten Gene-Editing-Verfahrens liegt ebenfalls in der hohen Präzision: Hier wird das defekte Gen direkt im Körper repariert, ohne die Einbringung von externem Genmaterial.

Rückschläge bei Studien

Allerdings gab es auch Rückschläge, etwa bei Curevac mit seinem mRNA- Corona-Impfstoff, der in späten klinischen Studien scheiterte – oder auch bei Vertex Pharma mit einer negativ verlaufenen Phase II-Studie bei Alpha-1-Antitrypsin-Mangel, bei dem Lunge und Leber durch ein fehlendes Enyzm geschädigt werden.

Auch Roche mit seinem Partner Ionis musste eine herbe Enttäuschung einstecken, denn ein Medikament auf der Basis der Antisense RNA-Technologie, bei der einzelne krankheitsverursachende Gene ausgeschaltet werden können, scheiterte in der klinischen Phase III bei der Behandlung des Huntington-Syndroms, einer erblichen, degenerativen Funktionsstörung des Gehirns. Die hier zum Einsatz kommenden Oligo-Nukleotide, kurze RNA-Schnipsel, können einzelne Gene stilllegen. „Antisense-Medikamente sind bereits zur Behandlung diverser Erkrankungen am Markt“, erklärt Linimeier.

Doch wo liegen die Gründe für die in diesem Jahr eher enttäuschende Performance vieler Biotechfonds? Dazu Linimeier: „Erstens gab es Befürchtungen, dass es unter dem neuen US-Präsidenten zu verschärften Medikamenten-Preiskontrollen in den USA kommen könnte. Zweitens kam eine stark erhöhte IPO-Aktivität hinzu, welche viel Investorenkapital gebunden hat und somit nicht für bereits börsennotierte Biopharma-Unternehmen zur Verfügung stand.“ Negativ betroffen seien vor allem Small und Mid Caps gewesen, in die der Medical BioHealth besonders stark investiere.

Im weiteren Jahresverlauf stellte sich jedoch heraus, dass die Preis-Regulierung für Medikamente am US-Pharmamarkt doch nicht so stark ausfallen dürfte wie befürchtet. Allerdings wird in Zukunft voraussichtlich auch die staatliche Krankenversicherung Medicare mit am Verhandlungstisch sitzen und Einfluss auf die Preisgestaltung nehmen können. Vor allem bei umsatzstarken und älteren Therapien müssten die etablierten Pharma- und Biotechhersteller Preisrabatte für ihre Produkte hinnehmen.

Geplant ist zudem, dass jährliche Preiserhöhungen ab 2023 nicht mehr die Inflation überschreiten dürfen. „Letzteres schadet vor allem den großen Pharma- und Biotech-Konzernen, weniger den Small und Mid Caps, in die wir vor allem investieren“, erläutert Linimeier und fügt hinzu: „In der Vergangenheit haben nämlich große Biopharma-Unternehmen teilweise die Preise von vermarkteten Produkten jährlich stark erhöht, um ihre Finanzzahlen aufzubessern. Diese Option würde mit der geplanten Medikamenten-Preis-Reform wegfallen.“ Damit gibt es begründete Hoffnungen auf eine Aufholjagd bei den kleineren und mittleren Biotechfirmen.

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