Inhalt | Print-Ausgabe 01/2019
11.04.2019

Investieren in Megatrends

Sie heißen "Thematica", "Mega Trend" oder auch "Global Themes" und konzentrieren sich als Fonds ihrem Selbstverständnis nach, mit dem Ziel einer risikoadjustierten Outperformance breiter gefasster Anlageuniversen, auf herausragende, den Markt nachhaltig prägende Themen und Trends.

von Björn Drescher

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ie Anlageidee der Megatrends unterstellt, dass es langfristige, nicht selten generationsübergreifende große Strömungen und Kräfte gibt, die kurz- und mittelfristige Entwicklungen, wie Moden, Krisen und Zyklen überlagern oder sich doch zumindest durch sie – wie der sprichwörtliche rote Faden – hindurchziehen. Diese nachhaltigen strukturellen Veränderungen können auf Technologien beruhen, aber auch auf gesellschaftlichen Verhaltensphänomenen und Notwendigkeiten. Im Regelfall wirken sie global, sind nicht einwandfrei gegenüber anderen Trends abgrenzbar und bedingen sich oftmals gegenseitig. Wer ihnen folgt, erhält Orientierung, wo Handelskonflikte, Brexit oder auch die Geldpolitik der Notenbanken ablenken oder zu verwirren drohen. Dabei werden Anlagechancen in Form jener Branchen und Unternehmen identifiziert, die das größte und konstanteste Wachstum versprechen, da ihre Geschäftsmodelle und -entwicklungen gleichsam systematisch von den Megatrends positiv beeinflusst werden. Im Umkehrschluss wohnt der Konzentration auf Megatrends in der Theorie insofern auch ein gewisser Schutzmechanismus inne, dass man unterstellt, auf diesem Wege jene Branchen und Firmen zu meiden, die unter den erwarteten disruptiven Veränderungen besonders stark leiden sollten. Wer sich nicht anpasst, wird verdrängt.

Dem Wesen nach sind die „Megatrends“ den so genannten „Kondratjew-Wellen/Zyklen“ nicht unähnlich, denen Paradigmenwechsel und in ihrem Zusammenhang erfolgte Innovationsinvestitionen unterstellt werden. Impulsgeber der Wellen, so die Verfechter dieser Theorie, waren in der Vergangenheit zumeist technische Entwicklungen wie die Dampfmaschine, die Elektrotechnik, der Computer und das Internet, die bahnbrechende Umwälzungen in der Produktion und Organisation nach sich zogen. Man könnte es auch so sagen: Die identifizierten Megatrends von heute haben das Zeug dazu, später einmal als Ursprung eines weiteren Kondratjew-Zyklus gesehen zu werden.

Wenig verwunderlich mag in diesem Zusammenhang der Umstand anmuten, dass es keine allgemein gültige Liste dieser Transformationsprozesse in die Zukunft gibt, sondern lediglich Verständigungen auf Merkmale, Mehrfachnennungen oder Zustimmung zu Trends, die andere Asset Manager und Wissenschaftler meinen, für sich identifiziert zu haben. Unter anderem finden sich in diesen Aufzählungen Schlagworte wie demographischer Wandel (Bevölkerungswachstum, partielle Überalterung, Urbanisierung), Digitalisierung (Robotics, Big Data, Künstliche Intelligenz), Nanotechnologie, Sicherheit, Lifestyle (Wellness, Unterhaltung, Reisen, Teilen statt Besitz) und Nachhaltigkeit (Umwelt- und Klimaschutz, Ressourceneffizienz, Governance).

Beim Studium dieser Aufzählung wird deutlich, dass es sich bei abgeleiteten Investmentstrategien zumeist nicht um Branchenfonds im Sinne der Spezialisierung auf gleichartige Firmen einer einzelnen Branche handelt, sondern um Anlagelösungen, denen Titel verschiedener Branchen mit einer gemeinsamen thematischen Schnittmenge zugeordnet werden können. Beispielhaft verdeutlicht: In einem Branchenfonds „Pharma“ finden sich verschiedene Pharmaunternehmen mit mehr oder weniger gleichgerichteten Geschäftsmodellen. In einem Demografie-Fonds, der unter anderem auf die Überalterung der Gesellschaft setzt, können Pharma-Unternehmen (Medikamente & Pflege), Finanzwerte (Vermögensverwaltung), aber auch Touristik-Firmen (Reisen und Unterhaltung) und vieles mehr vertreten sein. Dieser Umstand ist insofern von großer Bedeutung als er sich entscheidend auf die Diversifikation der Fonds auswirken kann.

Die Beantwortung der Frage, welche Unternehmen von den Megatrends am stärksten profitieren, kann in der Praxis zu völlig unterschiedlichen Portfolios führen. Schließlich resultieren sie nicht nur aus der zugrundeliegenden Megatrendauswahl, sondern sind überdies auch das Ergebnis der jeweiligen Anlageprozesse und -modelle. Ein Blick auf eine Auswahl der größten Positionen dreier ausgewählter Megatrend-Fonds verdeutlicht die These. Danach investiert der sieben Mrd. Euro große Pictet Global Mega-trend Selection, der auf Ernährung, Saubere Energie, Holz, Gesundheit, Digital Kommunikation, Sicherheit, Robotik, Wasser und Premiummarken setzt, unter den Top Ten Positionen auf Thermo Fischer, Visa, Autodesk, Ecolab, Apple, PayPal, LOreal, Nike und Danone. Der M&G Global Themes Fund, der vor allem auf demographische und technische Veränderungen, sowie die Wasser- und Abfallwirtschaft, saubere Energien und Cybersicherheit abzielt, hält unter anderem Positionen in Microsoft, First Republic Bank, DBS, Samsung Electronic, Siemens und Linde. Und der Allianz Global Investors Thematica favorisiert Cheniere Energy, Korea Zinc Company, Vocera Communications, Total, American Water Works, Biotelemetry und Amazon.

Wer sich für Megatrend-Fonds interessiert, sollte somit hinterfragen, welche Megatrends in den jeweiligen Anlagelösungen definiert wurden, wie sie gewichtet werden und welche anderen Filter und Kriterien den Anlageprozess einzelner Asset Manager kennzeichnen. Ferner sollte im Sinne eines sauberen Erwartungsmanagements aus Megatrend-Strategien kein kurzfristiger Wirkanspruch, wie beispielsweise eine Entkoppelung vom allgemeinen Marktgeschehen, abgeleitet werden.

Davon ganz abgesehen kommt der objektive Betrachter des Geschehens auch nicht umhin, sich zu überlegen, inwieweit Megatrends auch die Gedanken und Gemüter und damit Investitionen jener Fondsmanager bereichern, deren Häuser es nicht für notwendig halten, ihre Fonds entsprechend zu beschriften. Muss nicht jeder internationale oder regionale Aktienfondsmanager, wo die Börse doch die Zukunft handelt, den Megatrends Aufmerksamkeit schenken, – der eine mehr, der andere nur etwas weniger? Wenn dem so wäre, hätte die Betitelung vor allem etwas mit dem Informationstransport zum Anleger zu tun, dessen Interesse geweckt werden soll.