Inhalt | Print-Ausgabe 04/2017
19.01.2018

Nachhaltiger Fokus wird immer wichtiger

Die meisten Unternehmen halten eine nachhaltige Entwicklung für bedeutsam. Inwieweit beeinflusst dies ihre Berichterstattung und ihr ökonomisches Handeln? Antworten liefert die „oekom Impact-Studie 2017“. Die Erfahrungen von Fondsanbietern mit Nachhaltigkeitsresearch sind positiv – aber es gibt noch Luft nach oben.

von Kay Schelauske

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Gut jedes zweite Unternehmen misst einer nachhaltigen Entwicklung eine „sehr hohe“ Bedeutung bei. 41,3 Prozent schätzen den Stellenwert als „eher hoch“ ein. Damit hat eine Ausrichtung nach Umwelt-, Sozial- und Governance-Anforderungen (ESG) den Ergebnissen der „oekom Impact-Studie 2017“ zufolge einen hohen Stellenwert in den Chefetagen erreicht. Oekom research hatte weltweit 3660 Unternehmen aus ihrem Anlageuniversum angeschrieben, die regelmäßig bewertet werden. Schlussendlich haben sich 475 Unternehmen an der Umfrage beteiligt.

Die stärksten „Bewusstseins“-Treiber für ein entsprechend verantwortliches Verhalten und Engagement sind derzeit die Nachhaltigkeitsratingagenturen: 61,3 Prozent der Unternehmen geben an, dass sie durch deren Anfragen und Analysen dazu motiviert werden, sich stärker mit Nachhaltigkeitsaspekten zu beschäftigen. Knapp dahinter rangieren als maßgeblicher Motivator die Anforderungen und Erwartungen der Kunden. Beim Blick in die Zukunft verschiebt sich deren Bedeutung: die Kundenanforderungen werden mit 66,8 Prozent als mit Abstand wichtigster Antriebsgrund genannt. Danach folgen die Regulierung mit 54,1 Prozent, Initiativen von Aktionären mit 46,6 Prozent sowie Aktivitäten konventioneller Finanzdienstleister mit 45,6 Prozent. Lediglich für 41,4 Prozent der Befragten bleiben Nachhaltigkeitsratingagenturen die wichtigsten Treiber.

Wie drückt sich diese veränderte Wahrnehmung auf die Berichterstattung und das Handeln börsennotierten Gesellschaften aus? Die Wirtschaftsprüfungsgesellschaft KPMG hat in ihrem „Survey of Corporate Responsibility Reporting 2017“ genau 4900 Unternehmensberichte aus 49 Ländern analysiert. Dabei zeigt sich, dass drei Viertel der hundert größten Unternehmen weltweit Informationen über ihre Nachhaltigkeitsleistungen veröffentlichten. In Deutschland lag die Quote nur geringfügig darunter. „Vor dem Hintergrund wachsender Anforderungen von regulatorischer Seite sowie seitens der Stakeholder, ist Nachhaltigkeitsberichterstattung international zum Standard geworden“, sagt KPMG-Partner Peter Ertl und fügt hinzu: „Auch Investoren fordern von Unternehmen zunehmend, ihre Ansätze zur Sicherstellung einer langfristigen Wertschöpfung offen zu legen.“ Beim Umgang mit ESG-Anforderungen ergibt sich ein differenziertes Bild: Laut der oekom-Studie gab mehr als jedes dritte Unternehmen an, dass die von Nachhaltigkeitsanalysten gestellten Anforderungen ihre grundsätzliche Geschäftsstrategie beeinflussen. Deutlich stärker ist der Einfluss nicht nur auf die Nachhaltigkeitsstrategie von Unternehmen, sondern auch auf die Ausgestaltung bestimmter Maßnahmen innerhalb ihres Managementsystems. Doch diese Ergebnisse würden vermutlich noch besser ausfallen, wenn nicht mehr als jedes dritte Unternehmen den Agenturen Transparenz-Defizite bei ihren Bewertungsprozessen bescheinigen würde.

„In Summe hat sich aus unserer Sicht vor allem die Qualität und Quantität der Nachhaltigkeitsberichterstattung deutlich verbessert“, bewertet Florian Hauer, Fondsmanager des Kepler Ethik Aktienfonds, die Entwicklungen in den vergangenen fünf Jahren. Nach Einschätzung der Investmentgesellschaft, die mit oekom research zusammenarbeitet, implementieren immer mehr Unternehmen Nachhaltigkeitsfaktoren in ihre Strategien. Obwohl Ratingagenturen die Anforderungen an die Unternehmen im Ratingprozess kontinuierlich erhöht haben, werden heute weniger „schlechte“ Unternehmen von den Nachhaltigkeitsanalysten identifiziert, erläutert Hauer, betont aber gleichzeitig: „Bei oekom research lag beispielsweise der Anteil von als ,sehr gut‘ eingestuften Unternehmen in den letzten Jahren ziemlich konstant bei nur ca. 16 bis 17 Prozent.“

„ESG-Kriterien werden verstärkt von den Unternehmen berücksichtigt. Ob von ethischen Werten, Risikominderung oder Verordnungen getrieben, die Gesellschaften verstehen zusehends, welche Möglichkeiten ihnen dies bei der strategischen Entwicklung bietet“, erläutert Thierry Bogaty. Der Leiter Sustainability Responsible Investments (SRI) bei Amundi sieht diese Fortschritte sowohl bei Unternehmen, die sich bereits nachhaltig ausgerichtet haben, als auch bei solchen, die hier gerade erst am Anfang stehen. Die Investmentgesellschaft verwaltet nach der jüngsten Übernahme von Pioneer Investments ein Vermögen von mehr als 1,4 Billionen Euro. Jetzt soll die hauseigene ESG-Analyse auf die Pioneer-Anlagen ausgeweitet werden. „Die Übernahme wird dazu beitragen, unseren Einfluss bezüglich unseres Engagements und unseres Abstimmungsverhaltens zu stärken“, sagt Bogaty. Bisher verwaltet der Asset Manager 169 Milliarden Euro im SRI-Bereich.

Nach Einschätzung der Raiffeisen KAG sollte zwischen nachhaltiger Unternehmensstrategie und Transparenz unterschieden werden. „Was die Transparenz betrifft, so gab es hier zweifellos Verbesserungen, auch auf Basis neuer gesetzlicher Anforderungen und der Standards für Nachhaltigkeitsberichterstattung“, sagt Wolfgang Pinner. Im Hinblick auf unternehmerische Strategien verweist der Leiter des Teams „Nachhaltige Investments“ bei der Investmentgesellschaft auf einige Nachhaltigkeitsthemen, die es zu großen Megatrends gebracht haben: nachhaltige Transporte (e-mobility), nachhaltige Energieerzeugung (erneuerbare Energien) und gesunde Ernährung (z.B. Bio-Lebensmittel). „Europa scheint in diesem Kontext die Nase vorn zu haben, gefolgt von den USA und OECD-Asien“, ergänzt der SRI-Experte.

 

 

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Laut oekom-Studie stellen die durch Nachhaltigkeitsratingagenturen erhobenen Informationen und Analysen für 91 Prozent der Befragten ein Frühwarnsystem dar. Dieses hilft den Unternehmen, relevante soziale und umweltbezogene Nachhaltigkeitstrends frühzeitig zu erkennen. Mehr als 70 Prozent gaben zudem an, regelmäßig Nachhaltigkeitsratings zum Benchmarking gegenüber den Mitbewerbern zu nutzen. In diesem Zusammenhang könnten auch die „Sustainable Development Goals“ eine zentrale Rolle einnehmen. Die UN SDGs wurden von den Vereinten Nationen als Bezugsrahmen für vereinheitlichte Nachhaltigkeitsziele ins Leben gerufen. Konkret geht es dabei um 17 Zielsetzungen, wie „keine Armut“, „keinen Hunger“, „qualitative Bildung“ sowie „sauberes Wasser und Sanitäranlagen“. Die Studienergebnisse zeigen allerdings, dass es hier noch bei der betrieblichen Einordnung und Umsetzung hakt: Nur 17,4 Prozent der Unternehmen richten bereits aktiv ihre auf Nachhaltigkeit bezogenen Managementsysteme an den UN SDGs aus. Für 15 Prozent bilden sie immerhin eine Hilfestellung für die eigene Nachhaltigkeitsberichterstattung. Daher wünscht sich mehr als jedes zweite Unternehmen ein SDG-Label als Orientierungshilfe. Und wie ist der Stand bei den Fondsgesellschaften? Raiffeisen verweist auf ihren umfangreichen Engagement-Prozess, bei dem mit allen rund 160 Holdings beleuchtet wurde, welche SDGs im Fokus stehen. „Die SDGs sind eine wunderbare Möglichkeit, Nachhaltigkeitsziele zusammenzufassen“, schwärmt Pinner. Bei Amundi gelinge die volle Einbindung der SDGs durch die entsprechend ausgerichtete ESG-Analyse, den zielübergreifenden aktiven Dialog mit Unternehmen sowie die Realisierung entsprechender Investmentlösungen. Deren SRI-Leiter betont die Bereitschaft, Eigentümer von Vermögenswerten zu begleiten, wenn es darum geht, die SDG zu erfüllen. Bogaty: „Größere Unternehmen gehen dazu über, die SDG mehr und mehr bei der Berichterstattung über die gesellschaftliche Verantwortung von Unternehmen (CSR) zu integrieren.“