Nur die Zukunft ist attraktiver
Seit vier Jahrzehnten navigiert der in New York lebende deutsche Finanzdoyen Heiko Thieme die Börsen Amerikas und Europas. Seine Prognosen sind legendär. Mit FONDS exklusiv sprach der Fondsmanager über Gier, Eifersucht und den Euro, den auch seine
Ururenkel verwenden werden.
von Bettina M. Gordon

FONDS exklusiv: Sie haben gerade ein Interview gegeben an der NY Stock Exchange. Nur wenige Straßen weiter marschieren Protestanten unter dem Banner „Occupy Wall Street“. Was glauben Sie, ist hier wirklich los?
Heiko Thieme: Dieser Protest drückt eine allgemeine System-Unzufriedenheit aus. Die Ursache hierfür liefert die Finanzkrise, die vor nunmehr drei Jahren ihren Höhepunkt erreicht hatte, als Lehman Brothers Mitte September 2008 pleiteging. Diese Pleite zog weite Kreise und brachte die gesamte Finanzwelt dicht an den Abgrund. Nur durch das schnelle Handeln von US-Notenbankchef Ben Bernanke und dem damaligen Finanzminister Henry Paulson wurde ein Kollaps des globalen Finanzsystems verhindert. Der Preis dafür war allerdings sehr hoch und stieg schnell über eine Billion Dollar hinaus. Unsolide Finanzpapiere verbunden mit dem Hypothekenmarkt waren die eigentliche Ursache für diese Krise, die auch heute noch nicht in Amerika überwunden ist und selbst Europa miterfasst hat. Die schwerste Rezession in über 70 Jahren war die Folge, verbunden mit einer hohen Arbeitslosigkeit. Den Preis hierfür bezahlten jedoch nicht die Banker, die die Krise verursacht hatten, sondern in erster Linie die Bürger. Dies ist der Grund für die Unzufriedenheit und den Protest nur wenige Meter von der Börse entfernt.
FONDS exklusiv: Wer sind die Menschen, die amerikaweit gegen Wall Street protestieren und was versprechen sie sich von den Protesten?
Heiko Thieme: Es sind keinesfalls nur extrem links ausgerichtete Gruppen, auch wenn sie eine dominierende Rolle spielen. Antikapitalistische und marxistische Grundzüge sind dabei deutlich zu erkennen. Eine einheitliche Agenda gibt es bisher jedoch nicht, da die gesamte Protestbewegung dezentralisiert ist. Ein Großteil der Demonstranten ist arbeitslos und fühlt sich von den Banken mit ihren künstlichen Finanzinstrumenten hintergangen. Man will durch diese Proteste, die es mittlerweile in vielen Großstädten gibt, die Verursacher der Finanzkrise zur Rechenschaft bringen. Die genaue Anspruchsgrundlage hierfür ist jedoch wenig rechtlich spezifisch. Emotionen gemischt mit Frustration stehen eher im Vordergrund. Ein klares Ziel und Strategie fehlen bisher.
FONDS exklusiv: Fühlt sich Wall Street von den Protesten eigentlich irgendwie betroffen? Oder hat das Ihrer Meinung nach überhaupt keine Auswirkung?
Heiko Thieme: Wall Street – das heißt, die in der Finanzbranche Beschäftigten haben bisher diese Proteste eher zu ignorieren versucht. Die Medien haben jedoch diese Protestbewegung ins nationale und auch internationale Bewusstsein gebracht. Die Protestbewegung wird als eine Art Ausdruck der in der amerikanischen Verfassung verankerten Meinungsfreiheit gesehen.
FONDS exklusiv: Offiziell ist „Occupy Wall Street“ eine „Anti-Gier“-Kampagne. Spielt da aber nicht auch viel Eifersucht mit hinein?
Heiko Thieme: Gier und Eifersucht sind Gemütsverwandte. Die sogenannten Finanzexperten wurden gierig und die betroffenen Bürger verständlicherweise eifersüchtig. Das kapitalistische Finanzsystem hat sich zum Schaden der Gemeinschaft bereichert. Ich stehe zwar weiterhin zum freien kapitalistischen Finanzmarkt; allerdings schließt dies ein soziales Verantwortungsgefühl für die Gemeinschaft mit ein. Selbstbereicherung auf Kosten und zum Schaden der Gemeinschaft entspricht dagegen nicht meiner Auffassung. Ich hatte vor vier Jahren vorgeschlagen, die meisten Banken zumindest temporär zu verstaatlichen, um die Marktwirtschaft mit notwendigen Krediten zu versorgen anstatt sie weiter im Roulettestil spekulieren zu lassen. Die jüngste Pleite von MF Global ist der beste Beweis dafür, dass Wall Street aus den Fehlern vor vier Jahren kaum etwas gelernt hat. Spekulation und nicht Investition dominieren auch heute noch, und das nicht nur in den USA.
FONDS exklusiv: Sind diese Proteste, die mittlerweile auch in anderen US-Städten abgehen und teilweise gewalttätig wurden, vielleicht nur der Anfang von noch mehr Aufständen und Revolten in Amerika?
Heiko Thieme: Die Gefahr, dass sich diese Proteste zu einer Art Bastille-Stimmung, wie zur Zeit der französischen Revolution, entwickeln könnten, ist nicht von der Hand zu weisen, auch wenn es dafür momentan keine Anzeichen gibt. Auf dem rechten politischen Spektrum gibt es ja seit nunmehr knapp zwei Jahren die Tea-Party, die ganz entscheidend bei den Parlamentswahlen vor einem Jahr mitgemischt hat und heute die Agenda der Republikaner mitbestimmt. Die Demokraten haben bisher die „Occupy Wall Street“-Bewegung noch nicht in ihren Reihen aufgenommen aber auch nicht direkt verbannt. Man beobachtet sich und versucht einzuschätzen, ob eine Identifizierung politisch nützlich ist. Momentan ist das nicht der Fall.
FONDS exklusiv: Was erwarten Sie für die amerikanische und globale Wirtschaft im Jahr 2012?
Heiko Thieme: Das Wirtschaftswachstum schwächt sich allgemein ab. In Amerika wird man nächstes Jahr mit der Zwei-Prozent-Marke kämpfen; in Europa stellt ein Prozent bereits eine Hürde dar. Auch Deutschland wird sich nach einem fast dreiprozentigen Wachstum in diesem Jahr an eine deutlich langsamere Gangart gewöhnen müssen. Selbst China muss sich von der bisher fast dauerhaften Zehn-Prozent-Latte verabschieden. Mit einer globalen Rezession rechne ich allerdings nicht. Nur bei einer totalen politischen Pattsituation wäre dies denkbar. Politiker können sehr viel sehr schnell kaputt machen.
Die Zinsen werden bei Staatsanleihen relativ niedrig bleiben, um die Wirtschaft wieder anzukurbeln. Im kurzfristigen Bereich, also Tagesgelder, wird die Nullbasis bis Mitte 2013 kaum verlassen werden. Dies hat die Notenbank in ihrem letzten Protokoll nochmals bestätigt. 10-jährige Anleihen werden vielleicht nochmals die Zwei-Prozent-Marke unterschreiten, ohne allerdings neue Tiefstsätze von unter 1,6 Prozent zu erreichen. Nach oben ist Luft bis 2,5 und vielleicht sogar bis 2,75 Prozent. Niedrige Zinsen sind notwendig, um die Wirtschaft wieder anzukurbeln.
Das vollständige Interview finden Sie in der Print-Ausgabe 04/2011 von FONDS exklusiv.
