Nur Reales ist Wahres
Die Finanzwelt ist derzeit reich an Fragen, aber arm an Antworten. Nicht nur Griechenland steht am Rand des Eurozone-Aus, immer mehr Banken mutieren zu Finanz-Monstern, die mit staatlicher Hilfe vor dem Bankrott bewahrt werden müssen. Anleger sehen sich an den Finanzmärkten mit extremen Tagesschwankungen konfrontiert. Das Interview mit Philipp Vorndran, Investmentstratege der Vermögensverwaltung Flossbach von Storch, versucht Orientierungshilfen zu geben.
von Wolfgang Regner
FONDS exklusiv: Herr Vorndran, wie sehen Sie die weitere Entwicklung in der Euro-Schuldenkrise?
Philipp Vorndran: Das ist selbst für Investmentexperten sehr schwierig zu beurteilen, denn auch uns fällt es schwer, immer den rechtzeitigen Überblick zu behalten, wenn von den politischen Akteuren immer öfter nur Halbwahrheiten verbreitet oder extrem rasch die Pläne zur Problemlösung über den Haufen geworfen werden. Auch die vorgelegten Berichte sind leider zu oft nach dem Prinzip „Wünsch dir was“ abgefasst, als dass sie den ökonomschen Fakten Rechnung tragen würden. Solche Fakten werden geschickt verschleiert, um die Bürger nicht zu „beunruhigen“. So wurde beispielsweise beim EU-Gipfel in Cannes ein 50-prozentiger Haircut, also der Schuldenschnitt, für Griechenbonds angekündigt. Dass dies in der Realität aber eine maximale Entschuldung des Landes von 25 Prozent zur Folge haben würde, was natürlich viel zu wenig ist, um die Solvenz Griechenlands wirksam herzustellen, das sagte keiner.
FONDS exklusiv: Doch wie wird es mit der Eurozone weitergehen?
Philipp Vorndran: Was Griechenland anbelangt, haben wir schon 2009 gesagt, dass ein Staatsbankrott mit einer Umschuldung von mindestens 75 Prozent unvermeidlich sein wird. Nun zeigt es sich, dass dieser immer näher heranrückt. Die aktuellen Budgetzahlen sind meilenweit von den ursprünglichen Prognosen der Eurokraten entfernt. Das Staatsdefizit 2011 wird nicht bei fünf oder sieben Prozent des Bruttoinlandsproduktes (BIP) liegen, sondern wahrscheinlich über zehn Prozent.
Auch der Privatisierungsbericht, dem zufolge Griechenland Staatsvermögen von 50 Milliarden Euro verkaufen könnte, hat mit den Realitäten nichts zu tun. Wenn auch nur die Hälfte der geplanten Erlöse realisiert werden kann, hätte man einen tollen Job gemacht. Damit geraten jedoch alle weiteren Prognosen ins Wanken, weshalb auch die Verantwortlichen in Brüssel langsam merken, die Zeit der Märchen ist abgelaufen. Inzwischen spricht man offen von einem Austritt Griechenlands aus der Eurozone als Schritt der letzten Instanz. Dies haben wir im Interesse der Griechen schon vor 24 Monaten gefordert, damals wurde es aber von der Politik noch als völlig unsinnige Verunsicherung der Bevölkerung abgekanzelt. Um auf ein tragbares Schuldenniveau zu kommen, müssten eben drei Viertel der Schulden gestrichen werden. Warum? Griechenland wird über den Zyklus des nächsten Jahrzehnts einen Primärüberschuss im Budget (= Einnahmen – Ausgaben, ohne Zinsen und Tilgungen) von fünf Milliarden Euro erwirtschaften können. Bei einem Zinssatz von fünf Prozent reicht das für die Finanzierung eines Gesamtdefizits von maximal 100 Milliarden Euro. Heute aber haben sie über 360 Milliarden Schulden – so einfach ist die Rechnung. Aber die Entschuldung löst natürlich nur einen Teil des Problems.
FONDS exklusiv: Warum?
Philipp Vorndran: Weil damit die Wettbewerbsfähigkeit Griechenlands – der Grund für die steigenden Staatsschulden – noch nicht gelöst ist. Dafür müsste Griechenland zumindest für einige Zeit aus der EU und der Eurozone ausscheiden und eine eigene Währung einführen. Das bedeutet natürlich, dass die griechischen Banken pleite sind und rekapitalisiert werden müssen. Womöglich wird auch einige andere Banken der Eurozone das gleiche Schicksal treffen (Zypern, Portugal usw.). Die Staaten werden aber in vielen Fällen nicht mehr helfen können (Wer rettet die Retter?). Genau hier setzt unser Vorschlag eines Eigenkapital-Stabilisierungsfonds („ESF“) für Finanzinstitute an. Er sollte den Europäischen Stabilisierungsfonds ESM ersetzen, der eine 700 Milliarden Euro schwere Bürgschaft für die EU-Steuerzahler und damit den Weg in die Haftungsunion bedeutet.
FONDS exklusiv: Wie könnte diese Lösung funktionieren?
Philipp Vorndran: Bei einem Schuldenschnitt angeschlagener Euro-Staaten springt nicht zuerst der Steuerzahler ein, so wie das heute der Plan ist, sondern das Eigenkapital der Banken würde als erster Puffer voll in die Haftung miteinbezogen, genau dafür ist es ja eigentlich auch da. So wird ein nicht unerheblicher Teil der Last von den Schultern des Steuerzahlers weggenommen. Manche Banken werden das Problem aus eigener Kraft stemmen können. Vor allem diejenigen, die in der Vergangenheit gut gearbeitet haben und deshalb kein oder nur wenig frisches Eigenkapital benötigen, das sie auch vom Kapitalmarkt bekommen werden. Andere haben das Risiko übertrieben und werden dann vom Staat (teil-)verstaatlicht werden müssen. Für die Bürger bedeutet dies aber, sie wissen, dass ihre Bank nicht pleitegehen wird. Dadurch wird auch der befürchtete Bankenrun vermieden. Die Einbeziehung privater Gläubiger wäre erreicht, das Finanzsystem stabilisiert und negative Auswirkungen auf die Realwirtschaft vermieden. Bei allen Banken, in denen der Staat nun neuer Aktionär ist, wird die Frage gestellt werden müssen, ob die Bank langfristig noch notwendig sein wird. Außerdem dürfte dies auch die Einführung des Trennbankensystems deutlich beschleunigen, in dem Kommerzbanken wieder unabhängig von risikoreichen Investmentbanken agieren.
FONDS exklusiv: Doch das käme uns doch auch teuer zu stehen…
Philipp Vorndran: Natürlich, es gibt keine billige Lösung des Problems mehr, dazu hat die Politik und der Regulator die Augen zu lange vor den Realitäten verschlossen und die Bank-Manager zu einfach das große Risiko-Rad drehen können. Aber diese Lösung würde zumindestest die Schuldigen voll miteinbeziehen und den Steuerzahler teilweise entlasten. Zusätzlich würde der Staat Eigenkapital der Banken erhalten, das Rettungsgeld wäre nicht futsch, sondern die Aktien könnten in den nächsten Jahrzehnten wieder an die Börse gebracht werden und so wieder Geld in die Kassen der klammen Staaten spülen.
Das vollständige Interview finden Sie in der Print-Ausgabe 04/2011 von FONDS exklusiv
